Laufrad zentrieren mit Kabelbindern: Eine detaillierte Anleitung

Früher oder später tritt es auf: der Seitenschlag in der Felge. Wenn das Laufrad nicht mehr rund läuft und eiert, ist es Zeit zu handeln. In diesem Artikel erfahren Sie, wie Sie Ihr Laufrad wieder in die Spur bekommen. Mit etwas Geschick und den richtigen Werkzeugen können Sie Laufräder selbst zentrieren.

Die Grundlagen des Laufradzentrierens

Die "Acht" in der Felge - wer kennt sie nicht? Beim Zentrieren verändern Sie die Spannung der Speichen. Durch diese Speichenspannung wird die Felge gleichzeitig von beiden Seiten nach außen und Richtung Nabe gezogen, wodurch das Laufrad eine enorme Steifigkeit erlangt. Im Idealfall ziehen alle Speichen gleichmäßig, dann läuft die Felge gerade.

Um einen Achter oder Seitenschlag zu zentrieren, muss man jedoch verstehen, wie die Spannung einzelner Speichen den Rundlauf der Felge beeinflusst. Jede Speiche agiert als Bindeglied zwischen Felge und Nabe. Optimalerweise ist die Spannung bei allen Speichen auf der Antriebs- oder der Bremsseite des Laufrads einheitlich hoch. Je höher die Spannung einer Speiche, desto mehr zieht diese Speiche die Felge in ihre Richtung. Je niedriger die Speichenspannung, desto mehr kann die Felge in die gegenüberliegende Seite gezogen werden. Erhöht oder verringert man die Speichenspannung, lässt sich ein Schlag im Laufrad also beheben.

Lokalisieren des Seitenschlags

Um das Laufrad zu zentrieren, müssen Sie zuerst einmal wissen, wo an der Felge der Seitenschlag sitzt und zu welcher Seite er ausschlägt. Dazu hängen Sie Ihr Laufrad in den Zentrierständer. Stellen Sie die Schenkel der sogenannten Justierzange so nahe an die Felgenflanke, dass sich das Laufrad gerade noch frei drehen kann. Der Abstand zwischen der Justierzange und der Flanke sollte also möglichst klein sein.

Wenn Sie nun das Laufrad im Zentrierständer drehen und währenddessen die Justierzange noch näher an die Felge heranfahren lassen, werden Sie sehen, wie die Felge seitlich taumelt. Die Felgenflanke wird bald die Justierzange touchieren, aber nur an einem Teil der Felge. Dies macht sich durch ein kurzes, schabendes Geräusch bemerkbar. Genau dort sitzt Ihr Seitenschlag! Schauen Sie sich genau an, wo der Schlag beginnt und wo er wieder aufhört. Mit zwei Aufkleber-Schnipseln können Sie Anfang und Ende des Schlags markieren.

Alternative ohne Zentrierständer: Kabelbinder-Methode

Noch keinen Zentrierständer zur Hand? Wenn Sie keinen Zentrierständer zu Hause haben, können Sie sich aber auch mit einem kleinen Trick behelfen. Lassen Sie das betroffene Laufrad im Bike und spannen Sie einfach einen Kabelbinder in Höhe der Felgenflanke um Ihre Gabel oder Sitzstrebe, je nachdem ob Sie das Vorder- oder Hinterrad zentrieren wollen. Schneiden Sie ihn soweit ab, dass er so gerade kurz vor der Felgenflanke steht. Sie kommen mit dieser Methode nicht auf die Präzision eines Zentrierständers - für den Notfall reicht es aber so. Wenn Sie öfters ran müssen, ist solch ein Ständer aber ganz klar zu empfehlen.

Für eine grobe Zentrierung reicht sogar ein Kabelbinder. Dennoch empfehlen wir einen ordentlichen Zentrierständer. Bei Rennrädern mit Scheibenbremsen können Sie sich behelfen, indem Sie Kabelbinder (oder Klebeband) um die Sitzstreben bzw. die Gabelscheiden zurren. Suchen Sie sich eine Stelle, an der die Felge mittig läuft und schneiden Sie die überstehenden Enden möglichst knapp neben der Felge ab. Achten Sie darauf, dass die Kabelbinder beim Zentrieren am Platz bleiben.

Das Zentrieren: Speichenspannung anpassen

Schauen Sie, dass Sie einen passenden Nippelspanner (auch: Speichenschlüssel) zur Hand haben, der exakt auf die Breite des Nippels passt. Hier gibt es kleine Unterschiede. Am Besten nehmen Sie sich einen Messschieber zur Hand und messen die Nippel aus. Viele Nippelspanner haben mehrere Größen integriert, damit Sie immer den passenden Spanner haben. Zentrierschlüssel gibt es in unterschiedlichen Größen. Besorgen Sie sich das zu Ihrem Laufrad passende Werkzeug, nicht passende Schlüssel können Speichennippel irreparabel beschädigen. Laufräder mit Alu-Speichen (z. B. von Campagnolo, Fulcrum oder Mavic) brauchen spezielle Schlüssel, die den Laufrädern beiliegen. Zumindest auf mehrtägigen Touren ist so ein Schlüssel im Bordwerkzeug sinnvoll, denn nicht jeder Radhändler hat sie vorrätig.

Nun geht´s los. Drehen Sie das Laufrad im Zentrierständer oder am Bike an. Schauen Sie genau hin, ob die Felge nach links oder rechts auslenkt. Zieht sie nach rechts, müssen die Speichen gespannt werden, die vom Felgenring aus zur Gegenseite hin zeigen, also zum linken Nabenflansch (Nicht-Antriebsseite). Zieht sie nach links, müssen die Speichen gespannt werden, die vom Felgenring aus zur Gegenseite hin zeigen, also zum rechten Nabenflansch (Antriebsseite).

Die Speichenspannung wird in Schritten von einer viertel Umdrehung des Speichennippels erhöht. Achtung: Dafür muss der Speichenschlüssel, wie abgebildet, von oben betrachtet gegen den Uhrzeigersinn gedreht werden. Ziehen Sie alle Speichen der entsprechenden Seite an, die sich auf dem Kreisbogen befinden. Gehen Sie dabei kleinschrittig vor, am Besten in viertel Umdrehungen. Kontrollieren Sie den Schlag direkt nach dem ersten Durchgang. Er wird nun dezenter als zuvor ausfallen, sowohl in der Auslenkung als auch in der Länge des Kreisbogens. Tasten Sie sich nun weiter vor, bis der Schlag gänzlich oder fast ganz verschwunden ist. Wenn Sie sich dem Optimalzustand annähern, in dem die Felge schnurgerade ist, müssen Sie beim Anziehen noch kleinschrittiger werden.

Lässt sich eine Speiche nur extrem schwer drehen, da sie schon stark gespannt ist, müssen zuerst die benachbarten Speichen der Gegenseite links und rechts davon etwas gelöst werden (Nippelspanner im Uhrzeigersinn drehen). Beim Anziehen einer Speiche hören Sie hier und da sicher mal ein Knarren oder Knarzen. Das ist nicht schlimm und kommt durch die Reibung zwischen Nippelkopf und Felgenbett unter Druck.

Für die richtige Drehrichtung gibt es eine Eselsbrücke: Umfassen Sie die Speiche mit der rechten Hand so, dass der Daumen in Richtung Nabe zeigt. Die Finger der geschlossenen Hand zeigen die Drehrichtung an, mit der die Speiche gespannt wird, also die Felge in ihre Richtung zieht.

Faustregeln für die Zentrierung

  • Ein Laufrad für Felgenbremsen sollte nahezu perfekt gerade sein, da sich beim Bremsen sonst ein störendes Pulsieren bemerkbar machen kann.
  • Ein Scheibenbrems-Laufrad ist da unkritischer: Da ist 1mm Seitenschlag gar nicht schlimm und kann ohne weiteres toleriert werden, solange die Speichenspannung stimmt.
  • Als Faustregel gilt: Seitenschläge, die bis zu einen Zentimeter von der Mitte abweichen, lassen sich zentrieren. Alles was darüber hinausgeht, wird schwierig.

Besondere Vorsicht bei Messerspeichen

Wenn Sie Messerspeichen (also abgeflachte Speichen) haben, müssen Sie sie mit einem Speichenhalter festhalten. Sonst kann es sein, dass sie sich verdrehen. Das hat zwei Folgen: Die Speiche hat dann kaum noch Steifigkeit in die Belastungsrichtung und kann schnell brechen. Außerdem "schneidet" die auf Aerodynamik optimierte Speiche nun nicht mehr durch die Luft, sondern wirkt wie ein Segel. Der Vorteil der Messerspeiche ist damit dahin und kehrt sich gar zum Nachteil um.

Platziere den Speichenhalter beim Anziehen der Speichen so nah wie möglich am Speichennippel, um so wenig Torsion (Verdrehung) wie möglich zu erreichen. Wichtig: Messerspeichen immer vor Verdrehung schützen. Aerodynamische Messerspeichen müssen beim Laufrad Zentrieren festgehalten werden, damit sie sich nicht verdrehen. Bewährt hat sich der Speichenhalter von DT Swiss, mit dem die Speiche nah am Nippel gehalten werden kann. Als Provisorium tut es auch ein passend geschlitzter, kleiner Hartholz-Block.

Laufrad Abdrücken

Legen Sie das Laufrad waagerecht auf den Boden. Drücken Sie mit beiden Händen fest auf die Felge. Drehen Sie die Felge auf die andere Seite und drücken Sie auch hier mit beiden Händen fest auf die Felge.

Nach dem Zentrieren

Bitte bei der ersten Fahrt nach dem Zentrieren nicht erschrecken: Die Speichen haben nun mehr Spannung als vorher und können sich daher noch an den Speichenkreuzungen „setzen“. Dies macht sich durch ein deutlich hörbares Knarzen bemerkbar. Dieser Effekt ist ganz normal, sollte aber schon nach kurzer Fahrt aufhören.

Alles wieder im Lot? Dann kanns ja wieder losgehen! Wenn Sie noch Fragen haben oder unsicher sind, melde Dich einfach bei uns - wir helfen Dir weiter!

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