Lyonel Feininger, ein deutsch-amerikanischer Künstler der klassischen Moderne, war nicht nur für seine kristallinen Architekturen und Seestücke bekannt, sondern auch für seine Begeisterung für das Fahrrad. Als Lyonel Feininger das Weimarer Land mit seinem modernen Rennrad erkundete, hielt er seine Eindrücke in Skizzen und „Natur-Notizen“ fest.
Feiningers Verbindung zum Weimarer Land
Erstmals hatte Lyonel Feininger das Weimarer Land 1906 bereist, um hier seine zukünftige Frau Julia Berg zu besuchen, die an der Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar studierte. Bereits dieser Aufenthalt hatte sich künstlerisch niedergeschlagen, erste Skizzen und sogenannte „Natur-Notizen“ waren entstanden. Die Motive und die Charakteristik des Weimarer Landes mit seinen uralten Dörfern und weiten Landschaften sollten den Künstler schließlich rund 50 Jahre seines Lebens beschäftigen, nicht nur in Zeichnungen und Druckgrafik, sondern er übersetzte das Gesehene auch in eindrucksvolle Gemälde.
Die Gelmeroda-Serie
Zu den bekanntesten Motiven aus der Landschaft um Weimar gehören die Werke der Gelmeroda-Serie mit der Darstellung des markanten, gut wiedererkennbaren spitzen Kirchturms. Noch bis kurz vor seinem Tod nahm Feininger die Seh-Eindrücke des unmittelbar bei Weimar gelegenen Dorfes Gelmeroda und seiner Kirche zum gestalterischen Anlass. Die weiche, hügelige Landschaft mit den nah beieinanderliegenden historischen Dörfern war gerade für den gebürtigen New Yorker von besonderem malerischen Reiz.
Seine Liebe für die Weite der Natur spiegelt sich indes nicht nur in den unzähligen Ansichten des Weimarer Landes wider, sondern auch in den Bildern einsamer Strände und der Weite des Meeres. Die Arbeiten bilden eine Art Gegenpol zu Feiningers Leben in den Metropolen von Berlin, Paris und New York.
Das Fahrrad als Inspirationsquelle
Besonders das Radfahren ermöglichte es dem Künstler, den Radius seiner Entdeckungstouren auszudehnen und in kurzer Zeit weite Distanzen zurückzulegen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hatte das Rad an Popularität gewonnen und mit der Entwicklung von den umständlichen Hochrädern zu den bis heute sehr ähnlichen „Niederrädern“ war das Fahrrad spätestens in den 1920er Jahren ein Vehikel mit großer Verbreitung geworden. Auch in den Werken des Avantgarde-Künstlers Feininger lässt es sich entdecken, so ist es beispielsweise immer wieder Sujet in seinen um 1898 entstandenen Karikaturen für „Das Narrenrad. Album fröhlicher Radfahr-Bilder“.
Die italienischen Futuristen ließen sich von der technischen Dynamik des Fahrrades faszinieren, wie in Umberto Boccionis „Dynamik eines Radfahrers“ (1913). Im selben Jahr machte Marcel Duchamp ein „Fahrrad-Rad“ (1913) zum Readymade und auch Arbeiten von Heinrich Campendonk, George Grosz, Karl Hubbuch und Ernst Ludwig Kirchner zeugen von der Faszination bildender Künstler für das moderne Verkehrsmittel und dessen Aufnahme in die Gestaltungswelten der Gegenwart.
Nicht ohne Grund hatte der Architekt, Kunstpublizist und spätere Direktor der Weimarer Kunsthochschule Paul Schultze-Naumburg bereits 1896 in seinem Buch „Der Studiengang des modernen Malers - Ein Vademecum für Studierende“ das Fahrrad neben Palette, Farben, Pinsel, Staffelei und Leinwand als Teil der Grundausstattung des „modernen Malers“ empfohlen.
Die von Gabriele Münter gemachten Aufnahmen von Wassily Kandinsky zeigen Feiningers späteren Bauhaus-Kollegen um 1903 bei einer Radtour mit seiner Münchner Malklasse Phalanx, mit der der russische Avantgardist das Alpenvorland erkundete. Währenddessen erinnert sich Erich Heckel, Mitbegründer der Künstlergruppe Brücke, an ausgedehnte Fahrradtouren mit seinem Künstlerfreund Karl Schmidt-Rottluff an der Nordsee: „Wir hatten jeder ein Fahrrad, das uns dazu diente, die Landschaft im weiteren Umkreis zu studieren. Man konnte mit dem Fahrrad in einer Stunde ziemlich weite Entfernungen zurücklegen. Damals malten wir unmittelbar vor der Natur, und das wurde dadurch erleichtert, daß wir die Malutensilien auf dem Fahrrad transportieren konnten“, so der expressionistische Maler.
Ihren gestalterischen Durchbruch, der fortan von der Unmittelbarkeit der Übersetzung des Gesehenen in die Gestaltung dominiert werden sollte, hatten die Brücke-Maler Heckel und Schmidt-Rottluff im Oldenburger Land erlebt. Die entlegenen Landschaften und kleineren Dörfer zu erreichen, war - wie im Weimarer Land - mit Pferdefuhrwerk, Eisenbahn oder Automobil nur eingeschränkt möglich. Mit der selbstbestimmten Unabhängigkeit des Radfahrens und der damit ermöglichten Nähe zur Natur erweiterte sich der Radius der Künstlerinnen und Künstler erheblich.
Feininger berichtet zum Beispiel von einer Tagestour von über 60 Kilometern: Im Zickzack von Ort zu Ort, „habe [ich] über zwanzig neue Ortschaften passiert. Im Ganzen war ich 68 Kilometer“ unterwegs. Eine beeindruckende Distanz, wenn man sich die Beschaffenheit der Straßen und die technische Ausstattung der damaligen Räder vor Augen hält.
Das Radrennen und die Natur-Notizen
Auch im Oeuvre des Avantgarde-Künstlers Lyonel Feininger hat das Fahrrad einen festen Platz, etwa in seinen Werken „Die Velozipedisten“ von 1910 und „Radrennen (Die Radfahrer)" aus dem Jahr 1912.
1913 erkundete der passionierte Radfahrer Feininger wieder einmal das Weimarer Land mit dem Rad. Der umfangreiche Briefwechsel mit seiner Frau bietet eine äußerst lebendige und detailreiche Schilderung seiner Ausflüge. In einem Brief an Julia berichtet er begeistert von einer ausgedehnten Tour Mitte April des Jahres:
„Heute war ein Tag! ohne Unterbrechung schön und sonnig. Ich fuhr auf meinem Rad um 9 los, Heute war ein Tag! ohne Unterbrechung schön und sonnig., “Lyonel Feininger an Julia Berg, Brief v. 15. April 1913, Klassik Stiftung Weimar, 5/72.
In den Landschaften und Dörfern der näheren und ferneren Umgebung fertigte Feininger spontane Skizzen direkt vor dem Motiv. Mit sicheren Strichen fing der erfahrene Zeichner das Gesehene in wenigen Augenblicken ein. Feininger selbst bezeichnete diese Arbeitsweise vor der Natur als „Natur-Notizen“, deren besondere Vorteile er in einem Brief beschreibt: „Ich halte nachgerade mehr von Notizen als von den fertigen Studien, wenigstens für die Wiedergabe eines Eindrucks den man später verarbeiten will. Die Studie gibt nie solche Anregung nachher […] das Bild steckt in der Notiz […] es ist so notwendig das Gedächtnis zu üben […] anstandslos aufzuzeichnen, möglichst schnell und treffend“.
Noch Jahre später, zum Teil jahrzehntelang, dienten ihm diese Skizzen und Aufzeichnungen als Grundlage für die Gestaltung von daraus entstandenen Werken. Doch zunächst ging es um das Sammeln der Motive - ohne zu wissen, welches sich später für eine weitere Verwendung eignen würde: „so habe ich die Kirche von Kiliansroda im letzten Sonnenstrahl eines sterbenden Septembertages in mein Herz und Liebe aufgenommen. Ob’s je ein Bild geben wird, weiss ich nicht, aber den Antrieb zu vielen Bildern sicher! So recht mein Land! Ich blieb und zeichnete bis 6, und dann heidi! nach Vollersroda und so, nach Weimar gesaust, die ziemlich 10 Kilometer lange Strasse habe ich bergauf, bergab, auf, ab‚ auf, ab in 1 1/4 Stunden bewältigt.“
Häufig notierte Feininger, der zuweilen in Begleitung unterwegs war, Tagesdaten und die Namen der Orte, sodass die Skizzen - auch in Verbindung mit den Briefen - zum Teil die Rekonstruktion der Route ermöglichen. Obwohl sich die bauliche Silhouette der meisten Ortschaften seit Feiningers Besuch natürlich verändert hat, lassen sich einige von ihm eingefangene, markante historische Gebäude bis heute identifizieren. Interessierte können sich auf markierten Radwanderwegen im Weimarer Land - ebenso wie an der Ostsee - auf Spurensuche begeben.
Während sich Feininger seit 1906 zunächst immer nur für eine kurze Zeit in Weimar aufgehalten hatte, siedelte er 1919 in die Herzstadt der Deutschen Klassik über: Hier hatte Walter Gropius das Staatliche Bauhaus Weimar gegründet und Feininger berufen, die künstlerische Leitung der Druckwerkstatt zu übernehmen. Für das im April 1919 erschienene Programm der neugegründeten Avantgarde-Hochschule hatte Feininger - inspiriert von den gotischen Kirchen in Deutschland - seine Vision einer neuen „Kathedrale“ als Titelholzschnitt geschaffen.
In der „Graphischen Druckerei des Staatlichen Bauhauses“ setzte er in den folgenden Jahren zahlreiche seiner Skizzen aus dem Weimarer Land in Holzschnitte um: Auch die Dorfkirchen von Gelmeroda und Mellingen verwandelte er so von der Natur-Notiz seiner Erkundungstouren zu Signets einer neuen Zeit. In den Blättern des Jahres 1920 wird die Kirche des Dorfes eingebunden in eine kubofuturistische Komposition kristalliner Formen, und erneut finden sich ab 1919 Skizzen von Gelmeroda, Lehnstedt, Mellingen und Vollersroda in seinem Werk.
Die Feininger-Kulturroute
Feininger legte mit seinem Fahrrad Strecken von bis zu 60 Kilometern zurück. Heute verläuft die sogenannte Feininger-Kulturroute, die als Radwanderweg, via PKW oder geführter Bustour erkundet werden kann, durch zahlreiche Ortschaften südlich von Weimar.
Sie wurde 1999 von der Zeitzeugin ehemaliger Bauhäusler, Renate Böttcher, ins Leben gerufen und verbindet auf 30 Kilometern Länge berühmte Motive des Künstlers. Darunter die stattliche Dorfkirche von Niedergrunstedt oder der gedrungene Kirchturm mit einem Fachwerkgeschoss von Vollersroda. Aufsteller entlang des Weges zeigen Kopien von Feiningers Gemälden mit Motiven aus der Umgebung. Er malte diese jedoch nicht vor Ort.
Den Startpunkt markiert das Hauptgebäude der Bauhaus-Universität südlich vom Stadtzentrum. 1919 wurde Feininger dort als Formmeister an das neu gegründete Staatliche Bauhaus berufen, in dem nicht nur die Druckwerkstatt, sondern auch das Atelier des großen Künstlers seinen Platz hatte. Doch die Kulturroute führt noch tiefer in die Vergangenheit der Feiningers. Denn nur wenige Gehminuten entfernt lässt sich auch heute noch das Haus entdecken, in dem sich Julia Berg für ihr Studium 14 Jahre zuvor einquartierte. Nach seinem ersten Besuch der Stadt dauerte es nicht lange bis Feininger 1906 sein Atelier im selben Haus, nur ein Geschoss unter der Wohnung seiner Geliebten, bezog.
Über Oberweimar leitet die Kulturroute sodann nach Mellingen und Vollersroda. Während sich seine frühesten Zeichnungen von Mellingen auf 1911 zurückdatieren lassen, erkundete und zeichnete der zukünftige Bauhaus-Künstler Vollersroda bereits 1906 während seines ersten Aufenthaltes in Weimar. In den frühen Skizzen und Ölgemälden dieser thüringischen Dörfer spiegelt sich Feiningers Beruf als Karikaturist besonders eindringlich wieder.
Das unübertroffene Lieblingsmotiv des großen Karikaturisten und Bauhaus-Künstlers offenbart sich jedoch erst zwei Stationen später: Über Possendorf führt der Radwanderweg südwestlich von Weimar nach Gelmeroda. Ein erstes Mal gesehen hatte Feininger den mittelalterlichen Kirchenbau des Weimarer Stadtteils 1906. Am 24. Juni desselben Jahres verewigte er erstmals die unscheinbare Kirche mit ihrem überraschend hohen und spitzzulaufenden Kirchturm, die heute als Autobahnkirche fungiert. In den kommenden Jahrzehnten wird sie eine fortwährende Anziehungskraft auf den Künstler ausüben.
Feiningers Stil und Einflüsse
Beeinflusst von Kubismus und Futurismus entwickelte Feininger seinen eigenen Stil, der sich durch kristalline Formen und prismatische Überlagerungen auszeichnet. Seine Auseinandersetzung mit dem Kubismus, insbesondere mit den lichtdurchfluteten und dynamischen Werken Robert Delaunays, sowie mit den italienischen Futuristen, die sich in seinem Hauptwerk “Die Radfahrer (Radrennen)” niederschlug.
Feininger legte in seinen prismatisch aufgebrochenen und monumentalen Architekturen besonderen Wert auf einen expressionistischen, innerlich geformten Ausdruck. Statt der Zergliederung und Mehransichtigkeit eines Gegenstandes strebte er nach Konzentration bis ins absolute Extrem.
Schon die frühen Gelmeroda-Bilder bestätigen diesen Eindruck. Feiningers „Gelmeroder Kirche“ von 1910 erscheint mit ihrer märchenhaften Kulisse und den kantigen, langgezogenen Figuren - wie schon die zuvor erwähnten Darstellungen von Mellingen und Vollersroda - im Geiste des Karikaturisten entstanden zu sein. Nur drei Jahre später malte er „Gelmeroda II“ und „Gelmeroda III“ hingegen auf ganz andere Weise: Während seines Aufenthalts in Paris 1911 sah Feininger in einer Ausstellung im Salon des Indépendants erstmals Werke des Kubismus. Sie eröffneten ihm einen neuen Zugang zur Malerei, der in den beiden Ölgemälden von 1913 offenkundig wird.
Den baugeschichtlich wertvollsten Kirchenbau entdeckte der Künstler derweil in der Nachbarschaft von Gelmeroda. In Niedergrunstedt steht die Dorfkirche St. Mauritius, deren Wurzeln bis in die Epoche der Romanik zurückreichen. Feininger schenkte ihr jedoch verhältnismäßig wenig Beachtung. Nur eine Radierung und fünf Gemälde sind von ihr bekannt, darunter die „Kirche von Niedergrunstedt“ von 1919. Anders als noch in „Gelmeroda II-III“ wendete der Bauhaus-Künstler die kubistischen Prinzipien hier ungleich viel radikaler an, wodurch die Kirche kaum mehr zu erkennen ist.
Von Niedergrunstedt führt die Feininger-Kulturroute zurück in den Südwesten von Weimar. Dort findet die Feininger-Spurensuche ihren Abschluss im Privaten: Das ehemalige Wohnhaus der Familie Feininger in der Gutenbergstraße 16 existiert noch immer und erinnert heute mit einer Gedenktafel an seinen berühmten einstigen Bewohner. Man stelle sich vor, wie Feininger nach einem langen Tag des Wanderns oder Radfahrens hier einkehrte und die Auenlandschaften und Kirchbauten vor seinem inneren Auge Revue passieren ließ.
Feiningers Technik und Materialien
Bis heute gilt Feininger als einer der bedeutendsten Holzschnittmeister des 20. Jahrhunderts. In einem Zeitraum von nur drei Jahren entstanden zwischen 1918 und 1920 die meisten seiner rund 320 Holzschnitte, darunter die ikonische “Kathedrale (großer Stock)” (1919), die auf dem Titelblatt des Manifest und Programm des staatlichen Bauhauses in Weimar (1919) abgedruckt ist.
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