Michelin MTB Reifen 27.5 Test: Ein umfassender Überblick

Ein Tag mit Jérôme Clementz und Rémy Absalon

Wie testen Profis ihre Reifen und wie gelangt das Feedback zu den Entwicklern von Michelin? Während eines Pressecamps in den Vogesen hatte ich erstmalig die Gelegenheit, einen Mosaikstein in der Reifenentwicklung live begleiten zu können.

Michelin: Eine lange Tradition im Radsport

1892 organisieren die Brüder Michelin ein Radrennen zwischen Paris und Clermont-Ferrand. 1893 sagt André Michelin: „Der Luftreifen schluckt die Hindernisse“, um seine Erfindung in Paris zu beschreiben. Seit dieser Zeit hat sich Michelin mit 24,4 Mrd. USD zum zweitgrößten Reifenhersteller der Welt entwickelt. Im Jahr 2000 gibt es den ersten Michelin Tubelessreifen für das Mountainbike und 2015 stellt Michelin mit Jérôme Clementz und Rémy Absalon den ersten Europameister und Vizeeuropameister im MTB-Endurosport. Vorne mit dabei zu sein, scheint schon länger Programm zu sein.

Der Testride: Einblick in die Reifenentwicklung

Gut organisiert startete das Camp einen Abend vorher mit einem konstruktiven Stuhlkreis. Hier erklärten uns Rémy und Jérôme, was sie an der Zusammenarbeit mit Michelin schätzen. Dabei sagt ihnen das gemeinsame Erarbeiten am meisten zu. Beide betonen, dass ihr Input tatsächlich aktiv in die Reifen einfließt und sie nicht nur reines Feedback geben. Dabei erklärt Vincent Lerdieo (Produktentwickler für Fahrradreifen bei Michelin), dass sie Reifen stets weiterentwickeln und dabei den Namen beibehalten, ohne sich in neuen Namen und Varianten zu verlieren.

Die Testbedingungen

Pünktlich um acht Uhr ging es am nächsten Morgen los. Jérôme hatte einen Trail unweit des Hotels ausgesucht. Alle Reifen waren schon auf Laufrädern vormontiert und wir mussten uns um nichts Weiteres kümmern, als den Anweisungen zum Test von Vincent zu folgen. Diese waren einfach: biken, den Fokus auf das Hinterrad legen und die Testbögen direkt nach der Abfahrt ausfüllen.

Um den Test richtig und konstruktiv zu gestalten, bekamen wir alle die Laufradkombination aus SRAM Roam 50 und Wild Grip´R vorne und Wild Racer auf dem Hinterrad. Noch den individuellen Luftdruck eingestellt (bei mir 1,7 bar vorne und 1,8 bar hinten) und los ging es auf den Trail. Die erste Abfahrt lief unter dem Motto einfahren, Trail kennenlernen und sich mit dem Reifensetup vertraut machen. Dabei agierten Jérôme und Rémy eher als Guides und Tippgeber, die sich sehr gut um uns und unsere Fragen gekümmert haben.

Auf der zweiten Abfahrt legten wir alle den Fokus auf das Hinterrad, denn dieses wurde gegen den Prototypen getestet. Jérôme gab dabei immer ein paar Tipps, was wir auf den einzelnen Trailsegmenten beobachten sollten. Im Fokus standen der Kurvengrip, die Traktion beim Antreten, Durchschlagsverhalten, Fahrkomfort und Bremsverhalten. Nachdem wir uns so dem Reifen angenähert hatten, haben wir in der Wechselzone den Bewertungsbogen zum ersten Mal ausgefüllt.

Der Prototyp: Michelin Wild Race´R

Doch jetzt zum Prototypen, also der Weiterentwicklung des aktuellen Michelin Wild Racers. Der Reifen hat sich grundlegend verändert. Aus den vielen Rauten-ähnlichen Stollen auf der Lauffläche sind nun längliche Stollen geworden. Diese erhöhen die Traktion und verbessern das Bremsverhalten. Die Seitenstollen sind größer und eckiger geworden und haben einen größeren Abstand zueinander. Dadurch wird der Kurvengrip deutlich erhöht. Nach den ersten Metern auf dem Trail fielen mir sofort die bessere Traktion beim Antreten und der deutliche bessere Kurvenhalt auf. Nach der zweiten Abfahrt notierten wir direkt unsere Erfahrungen auf dem Testbogen. Der Clou dabei: Wir bewerteten den Prototypen gegen den Serienreifen.

Michelin Wild Enduro: Ein Überblick

Nachdem es im Gravity-Bereich etwas stiller um den Reifengiganten wurde, trumpfte der französische Hersteller Anfang 2018 mit einem dreiteiligen Reifensortiment für den Enduro-Renneinsatz auf: Dem Michelin Wild Enduro mit zwei verschiedenen Gummimischungen für die Front und einer fürs Heck. Diese sollen laut Michelin 80% der Streckenbedingungen abdecken. Sogar der 2017er EWS-Champion Sam Hill ist mit den Gummis von Michelin unterwegs und teilt seine Erfahrungen mit den Franzosen. Die drei Modelle nennen sich Front MAGI-X2, Front GUM-X und Rear GUM-X.

Die Tubeless-Montage verläuft auch ohne Kompressor vollkommen problemlos und einfach. Hinsichtlich des Rundlaufs wird man mittlerweile bei einigen Herstellern schwer enttäuscht, aber nicht bei Michelin. Beide Reifen liefen absolut rund. Während die Gummimischung und das Profil des Vorderreifens langstollig und etwas weicher ausfällt, ist der Hinterreifen wie ein Semislick-Reifen mit - wie üblich - aggressiven Seitenstollen aufgebaut. Trotzdem verfügt er über relativ bremsstarke Mittelstollen, die zudem den Rollwiderstand minimieren. Die Dämpfung und Walkarbeit sind sehr gut und auch der Verschleiß ist nicht überdurchschnittlich hoch.

Durch die großen Abstände zwischen den langen Seitenstollen punkten die Wild Enduro ganz besonders in losem Waldboden oder auf sehr staubigen Strecken. Auf Enduro Trails ist der Wild Enduro der Hammer! In Sachen Verschleiß, Grip und Bremskraft übertrifft er sogar den Großteil seiner Konkurrenten und auch auf verschiedenstem Terrain fühlt man sich mit ihm sehr wohl.

Michelin Reifentechnologien

Bei Michelin kommen je nach Einsatzbereich verschiedene Karkassen zum Einsatz. So frei wähl- und kombinierbar wie z. B. Die Reifen von Michelin setzen - je nach vorgesehenem Einsatzzweck - auf Karkassen mit den Bezeichnungen „Race Shield”, „Cross Shield”, „Trail Shield” oder „Gravity Shield”. Lediglich die Reifen der Racing Line haben eigene Karkassenaufbauten, die nicht speziell benannt werden.

  • Race Shield: Eine einlagige Konstruktion mit einer Gewebedichte von 150 TPI.
  • Cross Shield: Etwas robuster als das Race Shield gestaltet.
  • Trail Shield: Für den Einsatzbereich Trail und All-Mountain optimierte einlagige 60-TPI-Karkassenkonstruktion, die zusätzlich von einem dünnen, umlaufenden Pannenschutzgewebe verstärkt wird.
  • Gravity Shield: Eine doppellagige Konstruktion, bei der Lagen mit 33 TPI und solche mit 60 TPI Gewebedichte kombiniert werden, um den Reifen damit vor den harten Umständen im Enduro-Einsatz zu wappnen.

Michelin unterscheidet im MTB-Bereich zwei Gummimischungsfamilien namens Gum-X und Magi-X. Grundlegend weisen die Gummimischungen der Magi-X-Familie bessere Grip-Eigenschaften auf, während Gummimischungen der Gum-X-Familie mit niedrigerem Rollwiderstand und mehr Haltbarkeit punkten sollen. Innerhalb beider Familien gibt es bis zu drei Arten von Gummimischungen: Einfach-, Zweifach- und Dreifach-Mischungen.

Gummimischung Eigenschaften
Gum-X Niedriger Rollwiderstand, mehr Haltbarkeit
Gum-X2D Mehr Grip bei geringerem Rollwiderstand
Gum-X3D Nochmals mehr Grip als Gum-X2D
Magi-X Maximaler Grip, speziell für Enduro-Vorderreifen
Magi-X² Maximaler Grip mit etwas besseren Rolleigenschaften

Michelin Wild Enduro Modelle

Michelin unterteilt seine Modelle für den Enduro-Einsatz in Competition Line- und Racing Line-Reifen. Racing Line-Reifen sind dem Namen entsprechend für den besonders anspruchsvollen Einsatz vorgesehen. Optisch lassen sich die beiden Modelllinien gut unterscheiden.

  • Wild Enduro Front: Riesige Seitenstollen, Gravity Shield-Karkasse, Gum-X3D oder Magi-X² Gummimischung.
  • Wild Enduro Rear: Ähnelt dem Wild Enduro Front, aber mit flacheren Profilblöcken.
  • Wild Enduro MH (Mixed Hard): Für maximale Geschwindigkeit auf hartem und gemischtem Terrain.
  • Wild Enduro MS (Mixed Soft): Für den Einsatz auf weichen, lockeren Böden optimiert.

Mit den subjektiv besten Dämpfungseigenschaften im Test hat der Michelin DH 16 Racing Line uns mit seiner Magi-X-Gummimischung beeindruckt. Der langsame Rebound lässt euch förmlich am Boden kleben. Auch die Bremstraktion ist erstklassig.

Die Wild Enduro Reihe 2021

Mit der neuen Wild Enduro Reihe hat Michelin genau die Kritikpunkte angesprochen die man als Fahrer mit den Wild Enduros hatte. Zudem wurde das Sortiment um 27,5er Option ausgeweitet. Die Wild Enduro MS und MH werden in 27,5 und 29 Zoll angeboten, aber überraschenderweise ist der Enduro Rear nur in 29 Zoll erhältlich. Weiterhin vertraut man bei Michelin auf die bekannt und beliebte Magi-X-Mischung.

  • Michelin Wild Enduro MS: Für weiche Böden geeignet, breitere Noppen.
  • Michelin Wild Enduro MH: Für härteres Gelände, felsiger Untergrund oder Hardpack Bikepark Strecken.
  • Michelin Wild Enduro Rear: Das neue Mittelprofil soll schneller abrollen und somit für mehr Vortrieb sorgen.

Allgemeine Tipps zur Reifenwahl

Die Vorteile von tubeless montierten Reifen liegen auf der Hand: weniger Gewicht, mehr Grip, geringerer Rollwiderstand und höherer Pannenschutz. Der richtige Luftdruck im Reifen ist essenziell: Zu viel davon und ihr könnt euch von Komfort und Grip verabschieden. Bei einem zu geringen Luftdruck sind ein unpräzises, schwammiges Fahrverhalten und Defekte vorprogrammiert. Die Reifenbreite muss zur Felgenweite passen. Ein breiterer Reifen hat eine größere Aufstandsfläche und kann so mehr Grip generieren.

Das Gewicht eurer Reifen solltet ihr nicht unterschätzen: Der Reifensatz alleine, ohne Tubeless-Milch und Co., trägt mit etwa 2,5 kg zum Gesamtgewicht eures Bikes bei. Die Anforderungen am Vorderrad unterscheiden sich von denen am Hinterrad. Beim MTB gilt es, so viel Grip wie möglich am Vorderrad zu generieren, während man am Hinterrad Kompromisse zwischen Traktion und Rollwiderstand eingehen muss.

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