Erste Hilfe nach einem Motorradunfall: Wann und wie den Helm abnehmen?

Ein Motorradunfall ist ein Horror-Szenario. Was ist zu tun, wenn man als Ersthelfer an einen Unfallort kommt und einen verletzten Motorradfahrer vorfindet? Was droht bei Fehlern? Dieser Artikel gibt Ihnen die wichtigsten Informationen und Anleitungen, um in einer solchen Situation richtig zu handeln.

Die Pflicht zur Ersten Hilfe

Werden Sie in einen Unfall mit Personenschäden verwickelt, sind Sie in der Regel verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten. Nicht umsonst müssen Führerscheinanwärter eine Schulung in Erster Hilfe absolvieren, ehe sie eine Fahrerlaubnis beantragen können. Doch häufig gerät die eine oder andere Lektion mit der Zeit in Vergessenheit.

Eines gleich vorweg: Sind Sie alleine, sollten Sie zuallererst die Notrufnummer 112 wählen und den Unfall melden, damit so schnell wie möglich professionelle Rettungskräfte vor Ort sein können. Erst wenn das erledigt ist, sollten Sie mit der Ersten Hilfe beginnen. Sind hingegen noch andere Personen am Unfallort, können Sie beides gleichzeitig erledigen.

Helm abnehmen - Ja oder Nein?

Unterschiedlichste Aussagen liest man immer wieder, wenn es darum geht, ob man als Ersthelfer einem verunglückten Motorradfahrer nun den Helm abnehmen soll oder nicht. Was denn nun?

Grundsätzlich ist es fast immer besser, den Helm abzunehmen. Es besteht zwar das Risiko, den Verunglückten dabei (noch mehr) zu verletzen, aber dieses ist deutlich geringer als die Erstickungsgefahr, die droht, wenn sich der Motorradfahrer in seinen Helm erbricht.

Ist der Verunglückte bewusstlos, müssen Ersthelfer seinen Helm abnehmen. Andernfalls ist es nicht möglich, ihn in die stabile Seitenlage zu bringen oder eine Atemspende durchzuführen, falls diese erforderlich ist. Hat sich der Biker beispielsweise erbrochen, droht Erstickungsgefahr.

Weitere Gefahren sind unter anderem ein Herz-Kreislaufstillstand und Gehirnschäden in Folge eines Sauerstoffmangels. Auch nötige Beatmung und stabile Seitenlage sind mit aufgesetztem Helm nicht möglich. Atemkontrolle, Kopf überstrecken, stabile Seitenlage - das alles kann man nicht mit Helm.

Denn hat der Motorradfahrer den Helm noch auf, dann ist der Mund nicht der tiefste Punkt und Blut oder Erbrochenes können nicht abfließen. Der Motorradfahrer könnte ersticken.

Ist der Motorradfahrer hingegen bei Bewusstsein und ansprechbar, sollten Sie ihn fragen. Hat er das Gefühl, dass eine Helmabnahme sicher ist, oder spürt er eine Kopfverletzung, die sich durch das Abnehmen verschlimmern könnte?

Anders liegt der Fall, wenn der verunglückte Motorradfahrer ansprechbar ist: "Wenn die Person mit Ihnen spricht, zählt natürlich das, was die Person in der Situation angenehmer findet", betont Taheri-Sohi. "Dem Willen einer Person ist immer Folge zu leisten." Und wenn die sagt, der Helm soll - warum auch immer - draufbleiben, dann müssen Sie das akzeptieren.

Sind Sie sich wirklich unsicher, was das richtige Vorgehen ist, sollten Sie den Notruf (112) wählen und dem Telefonisten die Situation schildern. Dieser kann dann einschätzen, ob eine Helmabnahme ratsam ist und Ihnen weitere Anweisungen geben.

Wie man den Helm richtig abnimmt

Wenn Sie einem verunfallten Motorradfahrer den Helm abnehmen wollen, ist es wichtig, dessen Nacken zu stützen. Sollte er sich nämlich eine Verletzung der Halswirbelsäule zugezogen haben, besteht ohne entsprechende Stabilisierung das Risiko, dass sich diese beim Abnehmen des Helms verschlimmert.

Da es verschiedene Typen von Motorradhelmen gibt, müssen die Maßnahmen unter Umständen an den jeweiligen Helm angepasst werden. Hochwertige Helme bieten eine clevere Lösung für das einfache Abnehmen. Unterhalb der beiden Backenpolster befinden sich kleine rote Schlaufen.

  • Zuerst das Helmvisier hochklappen, gegebenenfalls Brille abnehmen. An fast allen Helmen befinden sich rote Notfalllaschen. Halten Sie danach Ausschau, rät Johanniter-Sprecher Gerhard Bieber. Mit den Laschen lassen sich Kinnriemen und Kinnpolster lösen und komplett herausnehmen.
  • Knien Sie sich hinter den Patienten, nehmen Sie seinen Kopf zwischen beide Hände. Packen Sie die Kinnriemen mit beiden Händen an und ziehen den Helm von unten her leicht zur Seite auseinander.
  • Jetzt den Helm langsam und vorsichtig abziehen; dabei leicht nach unten ziehen, damit die Nase nicht hängen bleibt.
  • Sobald der Kopf nicht mehr ganz vom Helm gehalten wird, mit einer Hand den Hinterkopf stützen; dabei den Kopf möglichst in der Körperachse halten - nicht zu weit nach oben, unten, rechts oder links.
  • Den Kopf vorsichtig auf dem Boden ablegen; wenn zur Hand, auf eine leicht gepolsterte Unterlage, wie etwa eine Jacke ablegen.

Das Vorgehen mit zwei Helfern

Ideal sind zwei Helfer, notfalls kann aber auch ein Helfer allein den Helm abnehmen.

  1. Helfer 1 kniet hinter dem Kopf des Patienten in dessen Blickrichtung (Patientenachse). Er umfasst mit beiden Händen Helm und Unterkiefer des Patienten und fixiert den Kopf in Neutralposition.
  2. Helfer 2 kniet seitlich am Kopf des Patienten. Er informiert den Patienten über die geplante Maßnahme, dreht den Patienten gegebenenfalls auf den Rücken, klappt das Visier hoch, entfernt die Brille und macht den Mundbereich frei (Kinnschale, Kopfhaube).
  3. Helfer 2 löst den Kinnriemen.
  4. Helfer 2 stützt mit beiden Händen den Kopf-Nackenbereich von unten in Längsachse (vier Finger hinter und Daumen vor Ohr anlegen).
  5. Helfer 1 umfasst mit beiden Händen die seitliche Unterkante des Motorradhelms und zieht den Motorradhelm in Längsrichtung nach oben ab (dabei Helmkante über Nase des Patienten kippen).
  6. Helfer 2 passt gegebenenfalls die Position der Hände an, um eine optimale Stabilisierung des Kopfes und der Halswirbelsäule des Patienten sicherzustellen.
  7. Helfer 1 nimmt den Motorradhelm vollends ab und legt ihn seitlich ab.
  8. Helfer 1 fasst mit beiden Händen den Kopf des Patienten (Hände liegen dabei fest über den Ohren) und fixiert ihn in Neutralposition (Finger umgreifen Kieferwinkel so, dass Unterkiefer hochgezogen wird) und legt ihn vorsichtig auf den Boden ab.

Das Vorgehen als Einzelhelfer

Ein Helfer allein geht in folgender Reihenfolge vor, die das Rote Kreuz als Anleitung gibt:

  1. Gegebenenfalls Patienten über geplante Maßnahme informieren.
  2. Gegebenenfalls Patienten auf den Rücken drehen.
  3. Seitlich am Kopf des Patienten knien.
  4. Visier hochklappen.
  5. Gegebenenfalls Brille entfernen und Mundbereich freimachen (Kinnschale, Kopfhaube).
  6. Kinnriemen des Motorradhelmes lösen.
  7. Position seitlich am Kopf des Patienten verlassen und hinter den Kopf des Patienten in dessen Blickrichtung (Patientenachse) knien.
  8. Mit beiden Händen seitliche Unterkante des Motorradhelm umfassen.
  9. Motorradhelm in Längsrichtung soweit nach oben abziehen (dabei Helmkante über Nase des Patienten kippen), dass mit einer Hand Hinterkopf des Patienten unterstützt werden kann.
  10. Mit anderer Hand Motorradhelm vollends abnehmen und seitlich ablegen (dabei darauf achten, dass der Kopf des Patienten nicht auf dem Boden aufschlägt).
  11. Kopf des Patienten mit beiden Händen vorsichtig auf den Boden ablegen.
  12. Position hinter dem Kopf des Patienten verlassen und erneut seitlich am Kopf des Patienten knien, dabei Kopf des Patienten achsengerecht festhalten.

Nach der Helmabnahme

Danach das übliche Vorgehen beim Auffinden einer leblosen Person: Mundraum auf Fremdkörper kontrollieren, Kopf überstrecken und Atmung checken. Wird ein Atemstillstand festgestellt, muss unverzüglich mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen werden. Ist die Atmung beim Verunglückten (wieder) vorhanden, bringt Helfer 1 ihn behutsam in die stabile Seitenlage.

Danach schließen sich weitere Erste-Hilfe-Maßnahmen an, bis die Rettungskräfte eintreffen.

Statistiken und Risiken beim Motorradfahren

Es wurden in 2023 (neuere Zahlen liegen nicht vor) deutschlandweit 25.983 Menschen bei Motorradunfällen verletzt, davon starben 492 Menschen. Gehen wir davon aus, dass sich 5 Millionen Motorräder auf etwa 4 Millionen Halter verteilen (Motorräder sind halt Rudeltiere), liegt die Todesrate der Motorradfahrer bei 0,012 Prozent. Die gleiche Rechnung für Autofahrer ergibt 0,0024 Prozent, also deutlich darunter.

Es gibt also viele Umstände, die das Motorradfahren schwieriger, also gefährlicher machen als das Autofahren.

Verletzungsrisiko

Jeder zehnte verunglückte Motorradfahrer erleidet laut Autoclub bei einem Unfall Verletzungen im Halswirbelbereich. Deshalb sind Ersthelfer oft unsicher, ob sie den Helm abnehmen sollen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Helfer den Biker an der Halswirbelsäule durch die Abnahme verletzt, sei aber gering, heißt es.

Rechtliche Aspekte der Ersten Hilfe

Was kann mir passieren, wenn ich bei der Ersten Hilfe etwas falsch mache - kann ich dafür verklagt werden? Das fragen sich viele - und manch einer fährt vielleicht auch deshalb an einer Unfallstelle vorbei, ohne anzuhalten und zu helfen.

Aber: Wer keine Erste Hilfe leistet, macht sich strafbar. "Jedermann ist grundsätzlich verpflichtet, bei Unglücksfällen, gemeiner Gefahr oder Not Hilfe zu leisten", betont Dr. Andrea Leonhardt, Pressesprecherin des Bayerischen Justizministeriums. Dabei gilt aber: "Selbst in erhebliche eigene Gefahr bringen muss sich bei der Hilfeleistung aber niemand. Nach dem Gesetz ist eine Hilfeleistung nur insoweit verpflichtend, als sie erforderlich und der betroffenen Person den Umständen nach auch zumutbar ist."

Und wie sieht es mit rechtlichen Folgen bei "falscher" Erster Hilfe aus? "Solange ein Helfer oder ausgebildeter Ersthelfer die ihm bestmögliche Hilfe leistet, sind derartige Befürchtungen grundlos. § 680 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) sieht eine Haftung nur bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit vor. Wer sein Bestes gibt, muss nichts befürchten - selbst wenn der Verunglückte dadurch weitere Schäden erleidet.

ADAC Clubjuristen geben Auskunft: Niemand muss für fehlerhafte Erste Hilfe haften, sofern er in guter Absicht versucht zu helfen. Kommt es zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes oder gar zum Tod des verletzten Menschen, macht sich eine Ersthelferin oder ein Ersthelfer grundsätzlich nicht strafbar, wenn die Hilfeleistung mit der gebotenen Sorgfalt, d.h. persönlichen Kenntnissen und Fähigkeiten und den Umständen entsprechend, durchgeführt wurde.

Tipps für Motorradfahrer zur Unfallprävention

Albrecht: Natürlich sollte das Motorrad in einem technisch einwandfreien Zustand sein, und eine intakte Motorradschutzkleidung mit Protektoren senkt das Verletzungsrisiko. Außerdem sollte man regelmäßig seine Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischen.

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