Die Idee, die Pyrenäen mit dem Mountainbike zu durchqueren, reifte lange: vom Cap de Creus am Mittelmeer nach San Sebastian am Atlantik. Spanische Kollegen hatten immer wieder von den wenig erschlossenen Bergregionen der Pyrenäen, wilden Naturlandschaften, Hochtälern und leckerem spanischen Essen in urigen Unterkünften erzählt.
Als dann Radlfreund Helmut mit der Idee, einmal vom Mittelmeer zum Atlantik zu radeln um die Ecke kam, war die Sache klar. Vom Cap Creus (Spanien) am Mittelmeer nach San Sebastian (Spanien) am Atlantik, also von Ost nach West quer durch die Pyrenäen das wird unser nächstes Abenteuer.
Schon beim ersten studieren der Datenlage von GPS-Daten und Routen im Netz stellt man fest, dass diese Querung weit weniger populär ist als ein Alpencross und daher genau das was wir suchen.
Bei der Planung standen nicht die spektakulärsten, schönsten Singletrails im Vordergrund, sondern eine durchgängige für uns technisch fahrbare Route. Nach Durchsicht der mehr oder weniger durchgängig dokumentierten Routen, welche sich meist an der vorbildlich dokumentierten Tour von Jordi Laparra aus den 90er Jahren orientieren viel die Wahl auf einen GPX Track von 2020 der sehr nahe an der Route von Pablo Fernandez (2006) lag.
Die Natur genießen, abschalten und etwas sportliche Betätigung sollte im Vordergrund stehen, aber eben keine Hochleistungsetappen mit mehr als 2000 Hm. Daher haben wir die 1000 km und 28000 Hm auf 22 Tage aufgeteilt. Die meisten Beschreibungen gehen von 12-16 Tagen aus.
Krankheitsbedingt mussten wir die Tour einen Tag vor dem Abflug absagen. Nun also der zweite Anlauf 2024.
Die Herausforderungen und Anpassungen der Route
Schon auf den ersten zwei Etappen zeigte sich, das Singletrailabschnitte und zum Teil auch in Komoot als Weg bezeichnete Abschnitte deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als geplant (bzw. kalkuliert). Der Wegtyp Singletrail ist mit vollem Gepäck nur bedingt fahrbar und daher sehr zeit und kraftaufwendig. Außerdem sind die Strecken für Regentage nur bedingt empfehlenswert.
Die Etappen mit den Tageszielen lassen es jedoch zu mehrere Strecken mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zu planen. Die Überplanung wurde so durchgeführt, das im Idealfall 3 Streckentypen (URSPRÜNGLICH GEPLANT / NEU GEPLANT / REGEN) zu jeder Etappe verfügbar sind.
Es geht endlich los und schon die erste Herausforderung. Fahrradkarton (2m x 1,5 m) passt nicht durch die Röntgenmaschine. Also alles auspacken, Räder raus und alles einzeln durch den Apparat, dann kriecht die Security in die Kartons und checkt, ob wirklich nix drin versteckt ist.
Alles wieder zusammenpacken und nach einer knappen Stunde geht es dann zum Gate. Auch das auschecken der Räder erfolgte am Nebenausgang. Wieder was gelernt. Die Räder Packen wir das nächste Mal auf 185 x 120 cm, dann passen die überall durch. Kurz nach Mitternacht das Hotel am Flughafen erreicht. Der nächste Morgen. Ja der Nachtportier war noch da und unsere Räder auch.
Die ersten Etappen: Von Girona zum Cap de Creus
Die ersten Kilometer bis nach Girona an der Autobahn und Hauptstraßen entlang, sind noch kein Genuss. Doch in im Stadtzentrum wird‘s richtig schön. An heißen Tag bewegt man sich in den schattigen Gängen unterhalb der Häuserfronten. Heute Isabeau jedoch bei 15 Grad angenehm kühl.
Kurz nach der Mündung des Oynar führt der Radweg am linken Ufer des El Ter Fluss durch dichten Uferwald. Der Wind frischt auf und wir haben sehr kräftigen Seiten- und Gegenwind. Gegenwind fahren ist ein bisschen wie bergauf fahren, nur ohne Belohnung durch die Abfahrtsstrecke.
Auf einem kleinen Hügel liegt San Jorgi Desvalls. Wind geschützt verpflegen wir uns im Dorfladen. In der Backwarenabteilung fühle ich mich Jahrzehnte zurück versetzt. So liebevoll eingerichtet.
Meer in Sicht - um 14:00 sehe ich das erste Mal das türkisblaue Wasser des Mittelmeers . Kurz danach erreichen wir die Platja de Can Comes. Ein langer vor einem Naturschutzgebiet liegender Strand.Keine Hotelburgen, nur ein Camping am südlichen und nördlichen Ende.
Am idyllisch gelegenen Camping Nautic Almata haben wir den ersten Wasserkontakt. Angenehm war, nur der heftige Treibsand sticht wie tausend Nadeln in die Beine. Um das Naturschutzgebiet zu umfahren, müssen wir wieder weit ins Landesinnere radeln. Mühsam und nicht ganz ungefährlich ist es an der stark befahrenen Straße in den noblen Ort Empuriabrava.
Der Ort ist durchzogen von Kanälen und gefällt hat hier jeder Boote wie bei uns Autos vor dem Haus, oder besser der Villa. Laut Wikipedia, die größte Marina Europas. Noch ein paar Kilometer, dann erreichen wir den typischen, touristischen Küstenort Roses.
Das Hotel Gallet ist nur 150 m vom Strand entfernt. An der Strandpromenade treffen Touristen, Autos, E-Scooter und Fahrräder aufeinander. Um sicher vom Strand zum Hotel auf der anderen Straßenseite zu gelangen, wurden große Zebrastreifen eingezeichnet. In der Markthalle von Roses ist es dagegen ruhig.
Die Hälfte der Stände verkaufen Fleischiges. Helmut hat ein leckeres unscheinbares Restaurant, das Ca la Valeria gefunden. Heute geht es zum offiziellen Startpunkt unserer Transpirenaica. Das Cap de Creus ist der östlichste Punkt in der östlichen Verlängerung der Pyrenäen und liegt im Naturpark Cap de Creus .
Frühstück im Hotel mit Pauschalbusreisenden ist ein Erlebnis für sich. Am Ende sind wir dann irgendwie doch zur Kaffeemaschine und dem Toaster vorgedrungen und starten kurz nach neun bei strahlendem Sonnenschein.
Von Roses folgen wir der Fahrstraße nach Caraques. Wer die Tour nach fahren mag, kann hier die Schotterpiste Ctra. de les Arenes und weiter zu Villa Roses im Taleinschnitt hinauf wählen. Cadaques hat dem wirtschaftlichen Reiz Megahotels widerstanden und liegt bildhübsch in der geschützten Bucht.
Das Örtchen ist ein Besuch wert - viel ansprechender als die Orte direkt an den langen Sandstränden der Costa Brava. Besonders angenehm ist das nur der Lieferverkehr und natürlich die Polizei in den verwinkelten Gassen unterwegs sind. Alle anderen Fahrzeuge parken an Großparkplätzen außerhalb.
Wir genießen kurz die Stimmung am Platz unterhalb der Kirche, wo ein kleiner Handwerksschmuckmarkt aufgebaut wird. Es sind noch ca. 8 km Kilometer zum Cap. Außerhalb des Ortes ist die Straße dann für nicht autorisierte Fahrzeuge gesperrt.
Das ist für uns perfekt, denn bei den wirklich extrem starken Windböen braucht man die Breite zum Auspendeln. Auf und ab und immer weiter, es wird schmaler und man sieht due Gischt der. Rundung unterhalb der Straße. Über die Berge des Naturparks geht es in die ersten Trail zum Küstenort El Porte de la Selva.
Mühsam kämpfen wir uns die steinigen Pfade hinauf bis dann ein herrlich angelegter Höhenweg beginnt. Die Landschaft ist trocken und Triest. Da sind die von Wind gezeichneten 12 Pinien ein echter Hingucker.
Für mich zeichnet sich aktuell folgendes Bild ab. Singletrails mit Einstufung S1 oder höher sind hier bergauf für uns kaum fahrbare. Bergab sind sie häufig verblockt und zu gewachsen. Selbst Wege sind nicht vergleichbar mit Fahrwegen bei uns.
Im ebenfalls schönen Küstenstädtchen El Porte de la Selva haben wir uns beim Spar mit allem was zu einer anständigen Pause gehört eingedeckt. Die Foiler ziehen ihre Bahnen und allgemein sind alle Arten von Wassersport hier ein Ding. Ganz besonders ist hier der Küstenweg in Richtung Norden.
Weiterreise ins Landesinnere: Schwierigkeiten und Überraschungen
Für uns geht es jetzt nach Westen. Wir verlassen das Mittelmeer endgültig. Noch 24 km und 500 Höhenmeter über verschiedene Schotterpisten, mal einfach, mal schweißtreibend. Wir erreichen den Sattel und haben den Blick frei in die Ebene bei Peralada. Im Hintergrund brennt wohl ein Buschfeuer.
Es ist schon spät geworden und wir stehen vor einem unscheinbaren Haus mit großen Mauern umgeben, vor uns ein Schweinemastbetrieb. Und da soll unsere Unterkunft sein. Es gibt ein Tor, ich klopfe, öffne es und kann es kaum fassen. Hinter den Mauern befindet sich eine kleine Oase in der öden, trockenen Landschaft. Einzig die Luft scheint nicht zur Oase zu passen. Den Stall hätten sie weglassen dürfen. Wie im Märchen.
Die Frühstücksvorhersage aus den Bewertungen war für unsere Unterkunft nicht so überwältigend. So ziehen wir ungefrühstückt los. Heute ist Sonntag und im nächsten Ort ist neben der Kirche noch das Local Social geöffnet.
Dort werden wir mit einem fröhlichen Lächeln empfangen, bekommen einen hervorragenden Kaffee, Croissants und frisch gepressten Orangensaft. Hier spielt sich offensichtlich das Leben der Einheimischen am Sonntagmorgen ab. Für heute steht eine angenehme kurze Etappe auf dem Programm. Am Nachmittag würden wir gerne in den Gumpen der Muga an unserem Zielort Albanyà baden.
Sonntag ist Jagdtag. Komisches Gefühl, wenn überall Warnschilder stehen und auf den Anhöhen die Jäger mit den Warnwesten. Meine Radhose hat zumindest mal die Farbe der Warnwesten und nicht die eines Wildschweins.
Sobald es auf den sandig, steinigen Wegen bergauf geht wird es mühsam. Die vielen großen losen Steinbrocken, der vom Wasser zerfurchte Weg ermöglicht keinen Rhythmus beim Treten. Wir benötigen viel Zeit für diese Passagen.
Die Aussicht vom Turm des Castell de les Escaules entlohnt für den kräftezehrenden Aufstieg. Endlich bergab - ja nein - es geht auf einem meist für uns mit Gepäck nicht fahrbaren Singletrail bergab. Schmal zugewachsen, Dornensträucher und mit Felsbrocken verblockt. So ein Must.
Endlich sind wir unten, dann geht es wieder einen steinigen etwas breiteren Weg nach oben, wo wir dann erneut viel absteigen müssen. Nachdem wir uns auch bergab auf schmalem Weg durch‘s Gebüsch geschlagen haben, öffnet sich das Gelände und wir haben eine klasse Aussicht auf die nächsten Kilometer.
Die Mittagspause an der Brücke von Ermita de Sant Antoni passt dann wieder perfekt. Ich stelle fest das wir die Streckenführung für die nächsten Tage unbedingt überarbeiten müssen.
Das typische, nach Weg, Trail und Strasse durchgeführte Routing und die Orientierung, an im Netz hinterlegte Mountainbikeabschnitte passen nicht zu unserem Vorhaben. Die als Wege bezeichneten Abschnitte variieren zwischen gut fahrbar und nur extrem langsam, mit viel Kraftaufwand fahrbar.
Nach der Wasserdurchfahrt des Flusses Muga radeln wir entspannt auf der Straße zum Bergdorf Albanya. Am Campingplatz Bassegoda haben wir kleines Hütchen gemietet und können uns im Shop noch mit ein paar Lebensmittel versorgen. Außerdem ist der erste Waschtag angesagt mit Trocknung in der Abendsonne am Pool.
Neuer Tag, neue Pläne: Aufstieg nach Bassegoda und Beget
Heute Start 8 Uhr mit neuem Streckenplan. Der Campingplatz ruht noch ( bis auf unsere beiden Hüttennachbarn). An den Badegumpen der Muga vorbei und dan steil über eine betonierte Straße hinauf in Richtung Bassegoda. 700 Hm liegen vor uns. Die ersten 400 Hm sind entgegen unserer Erwartung auf der betonierten Straße sehr entspannt.
An einigen Stellen wird der Blick hinunter nach Albanya frei. Weit am Horizont sehen wir noch das Mittelmeer, wo wir Vorgestern in Roses gestartet sind. Irgendwann hat auch der schöne Weg wieder ein Ende und wir treten schwer über loses Gestein hinauf zur Passhöhe.
Die Sonne steht schon wieder hoch über dem Horizont und die morgendliche Frische ist einem trockenem, warmen Wind gewichen. In der Luft scheint kein Gramm Feuchtigkeit zu stecken. Beim Atmen trocknet der Rachen nach wenigen Minuten aus. Genau der richtige Zeitpunkt für eine Pause in der Hochebene bei Ca n‘Augusti de Riu. Mal alles ausgebreitet und zum Trocknen in die Sonne gelegt.
Die Abfahrt ist steiler als der Aufstieg, macht aber richtig Laune. Wir verlieren schnell an Höhe um und spüre deutlich die warme Luft aus dem Tal. Der Fluss Lleirca dem wir jetzt folgen, führt kein Wasser. Sein trockenes, ausgewaschenes und sandiges Flussbett zeugt von der Wasserknappheit.
An der sehenswerten Pont de Llierca wären wir in unserem Abfahrrausch fast vorbei gefahren. 28 m ist die Brücke hoch und nur 3 Meter breit. Von nun an geht wieder hinauf. Knapp 1000 Höhenmeter noch bis zum Ziel im Bergdorf Beget.
Es ist warm geworden und der Schweiß rinnt in Strömen. Nach knapp vier Stunden erreichen über die nahezu unbefahrene Straße den Bergort Beget. Ein echtes Highlight der bisherigen Tour.
Malerisch stellt sich das autofreie sehr gepflegte Feriendorf dar. Verwinkelte Gassen, jahrhundertealte Steinhäuser und eine traumhafte Aussicht inspirieren offensichtlich auch einige Künstler. Wir sind im Hostal El Forn, eines von zwei Hostel’s hier oben, untergebracht. Die Wirtsleute Silvana und Dani sind super freundlich. Wir fühlen uns sofort willkommen und ich sag Euch das Abendessen ist der Hammer. 10 von 10 Punkte.
Technische Probleme und die Gastfreundschaft in Camprodon
Schon am zweiten Tag hat sich die Befestigung der vorderen Bremsscheibe gelöst. Das Shimano Spezialwerkzeug haben wir natürlich nicht dabei. So bleibt uns nichts anderes übrig von Hand notdürftig anzuziehen und während den Abfahrten immer mal wieder nachzuprüfen. Kein guter Start, aber Orte mit Radladen sind rar. Wir bleiben dran. Leider können wir nicht in Beget bleiben, es war so angenehm und selbst die wenigen Stunden Aufenthalt maximal erholsam.
In der Morgensonne leuchtet die historische Kirche von Beget und wir nehmen Fahrt in Richtung Camprodon, ein etwas größerer Ort auf ca. Für uns bedeutet das 500 Höhenmeter angenehm hinauf, auf einer fast verlassenen Asphaltstraße. Auch das möchte ich einmal erwähnen - die spanischen Fahrer:innen Windsurfer respektvoll gegenüber Radfahrern.
Das überrascht immer wieder. Keine riskanten Überholvorgänge, wo man dem Vorbeifahrenden noch die Mücken vom Spiegel kratzen kann. Vielleicht ist das nur hier so - egal es ist jedenfalls sehr angenehm. Camprodon liegt wie die meisten größeren Städte, also Städte wo man was einkaufen darf, an einem Fluß (Ter).
Wir füllen unsere Vorräte auf und suchen nach einem Fahrradladen. Dank Helmut‘s Hartnäckigkeit finden wir den von einem Einheimischen beschriebenen Laden. Ich baue das Vorderrad aus und zeige der Chefin das Problem mit der Bremsscheibe.
Sie fragt „centerlock“ ( die Bezeichnung für den Shimano Montagestandard) ich sage „Si“ ( eines meiner 5 spanischen Worte). Dann schnappt sie das Rad, spannte es fest und zog mit einem langen Schraubenschlüssel mit Spezialeinsatz die Scheibe fest. Uff - fast ein halbe Umdrehung geht da noch. Das Hinterrad wurde auch noch gecheckt.
Ich bin mehr als erleichtert, das löst eines unserer größten Probleme der letzten drei Tage. Eine Bezahlung des Service wird hart abgelehnt. So Problem gelöst, Proviant einschließlich 4 Liter Wasser pro Kopf aufgefüllt - es kann weiter gehen.
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