POC Helm Rennrad MIPS Test: Sicherheit, Komfort und Performance im Fokus

Der Spruch „Wer billig kauft, kauft zweimal!“ bedeutet, dass günstige Produkte oft von minderer Qualität sind und schneller kaputtgehen, oder nicht die gewünschten Eigenschaften aufweisen. Übertragen auf einen Fahrradhelm könnte das fatale Folgen haben. Dann nämlich, wenn der Helm seine Funktion nicht erfüllt, beim Sturz vom Kopf rutscht oder gar beim kleinsten Aufschlag zerbröselt.

Damit genau das nicht passiert, dürfen lediglich solche Helme in den Verkauf gelangen, die vorab die gültige Normprüfung (DIN EN 1078) bestanden haben. Die dafür zugelassenen Testmaschinen überprüfen im Wesentlichen aber nur, ob der Helm den Norm-Anforderungen hinsichtlich der Aufschlagdämpfung der Helmschale und der Haltbarkeit von Riemen und Verschlüssen genügt. Sie definiert lediglich Mindeststandards fernab dessen, was moderne Helme leisten und ist daher kein guter Gradmesser für die tatsächliche Schutzfunktion.

Die Bedeutung von MIPS und Rotationsschutz

Die Prüfmethode ist in die Jahre gekommen, da sie die Wirksamkeit von Sicherheitssystemen, wie beispielsweise dem Rotationsschutz Mips, nicht prüfen kann. Spezielle Sicherheitssysteme - Mips & Co. - sollen messbar das Risiko von Kopfverletzungen senken, indem sie beim schrägen Aufprall auftretende Rotationskräfte verringern.

Ein in den Helm integrierter Rotationsschutz wie Mips mindert das Risiko von Hirnverletzungen. Mips-Helme bieten also ein Sicherheitsplus gegenüber Helmen ohne dieses Ausstattungsmerkmal. Und die gute Nachricht: Die halb so teuren Modelle schützen genauso gut wie die Top-Helme.

TOUR-Test: Realitätsnahe Prüfung der Helmsicherheit

Um die Helmsicherheit praxisgerecht zu prüfen, testen wir seit 2020 alle Helme auf unserem eigenen Prüfstand, der alle relevanten, resultierenden Kräfte beim Aufschlag des Prüfkopfs mit Helm auf eine schräge Fläche aufzeichnet. Damit lässt sich auch Wirkung und Qualität des Mips-Systems erfassen.

Beim aktuellen Test wollten wir - unter anderem - herausfinden, ob die teureren Top-Modelle einen besseren Schutz bieten als die günstigeren Helme. So viel sei vorab verraten: Ein höherer Preis bedeutet nicht automatisch mehr Sicherheit. Und: Der höhere Preis ist auch nicht zwangsläufig gekoppelt mit besserer Ausstattung wie beispielsweise einstellbaren Y-Gurten (die den Sitz unterhalb der Ohren verbessern) oder einem höhenverstellbaren Kopfring, der die Passform verbessert und meistens auch das Durchfädeln eines Zopfes zwischen Helmschale und Weitenverstellung möglich macht.

Testablauf und Bewertung

Für den Test wird der Helm auf einen 4,9 Kilogramm schweren Prüfkopf aus Aluminium angepasst. Helm und Kopf werden beim simulierten Sturz auf einem Schlitten geführt und treffen mit 21 km/h auf eine im Winkel von 45 Grad geneigte Stahlfläche auf. Schleifpapier in 40er-Körnung imitiert die Rauheit des Untergrunds - damit gehen wir analog zu den Prüfeinrichtungen Virginia Tech, Folksam und anderen Forschungseinrichtungen vor.

Ein Sechs-Achsen-Sensor im Prüfkopf zeichnet Beschleunigung und Drehraten um die drei Achsen im Raum beim Aufprall und in der sich anschließenden Flugphase auf. Im ersten Anlauf trifft der Helm frontal auf, im zweiten seitlich. Die Beschleunigung werten wir nach dem größten resultierenden Wert aus - je niedriger desto besser. Angegeben wird der Mittelwert aus vier Messungen.

Die Kopfrotation rechnen wir um zum BrIC-Kriterium (Brain Injury Criterion), das aussagt, wie schädlich die Bewegung für das Gehirn ist. Diese Methode ist in der Wissenschaft verbreitet und ermöglicht über den sogenannten AIS-Code Aussagen zur Wahrscheinlichkeit einer Gehirnerschütterung. Hierbei bewerten wir die Ausführung und Einstellbarkeit des Kopfrings sowie den Verlauf, Sitz und den Verschluss des Gurtsystems.

Messwerte aus dem Labor

Das Diagramm zeigt die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Radler bei dem von uns simulierten Sturzszenario eine mittlere Gehirnerschütterung erleiden würde. Diese lässt sich aus den gemessenen Drehbewegungen (BrIC, Brain Injury Criterion) errechnen. Das Risiko für eine Gehirnerschütterung liegt zwischen 8 und 31 Prozent und beträgt im Mittel knapp 13,3 Prozent. Das Risiko, mit einem Helm ohne Mips eine Gehirnerschütterung zu erleiden, liegt laut unserem Test bei durchschnittlich 27,5 Prozent.

Alle Helme im Test bleiben bei den Beschleunigungswerten, also den Kräften, die bei einem Aufprall noch auf den Kopf wirken, weit unterhalb der Norm (250 g). Die Spanne reicht jedoch von 90,4 g (Uvex Surge Aero Mips) bis zu 130,6 g (Uvex Rise) und zeigt, dass die Helme durchaus unterschiedlich gut schützen.

Sieben Hersteller von Abus bis Uvex schickten jeweils ein günstiges und ein Top-Modell zu Preisen zwischen 100 und 300 Euro ins Test-Rennen. Eine Erkenntnis vorweg: Alle Helme sind viel besser, als die Norm es verlangt - doch einige bieten ein kleines Sicherheitsplus, unabhängig vom Preis. Hier: der POC Ventral Mips und der POC Omne Air Mips.

Einzelbetrachtung: POC Ventral Mips und POC Omne Air Mips

POC Ventral Mips

Der teuerste Helm im Test gewinnt die Konkurrenz nach Noten; Allroundpassform, fällt normal aus, Größe M passt noch bei 58 Zentimeter Kopfumfang; bietet den besten Schutz gegen eine Gehirnerschütterung und die zweitbeste Stoßdämpfung; bei kühlen Temperaturen ist es fast schon zugig unter der luftigen Schale.

POC Ventral Mips: Infos und Bewertung
  • Preis: 300 Euro
  • Produktionsland: China
  • Gewicht Größe M: 268 Gramm
  • Größen: S 50 - 56, M 54 - 59, L 56 - 61
  • Farben: 8 Farbvarianten
  • Rotationssystem: Mips Integra
  • Extras: Beutel
  • Messwerte BrIC: 0,24
  • Beschleunigung (g): 95,9
  • Wahrscheinlichkeit Gehirnerschütterung: 8%

TOUR-Bewertung

  • Schutz Rotation (25 %): 1,3
  • Schutz Stoßdämpfung (25 %): 2,0
  • Anpassungssystem (20 %): 1,8
  • Kühlung (15%): 1,0
  • Gewicht (15%): 1,7
  • Gesamtnote (100%): 1,7

POC Omne Air Mips

Für den Omne Air MIPS gibt es im TOUR-Test 6/23 eine klare Kaufempfehlung. Dabei schlägt er sich genauso gut wie sein fast 100 Euro teurerer Premium-Konterpart im Testfeld, der Ventral Air MIPS. Honoriert wird vor allem die Belüftung, aber auch bei der Schutzwirkung heben die Tester den Daumen. Zudem kommt der Helm recht leicht daher.

Fast so gut wie der teure „Ventral Air MIPS“. Bei der Sicherheit nur etwas unterlegen. Minimal schwerer. Gute Belüftung. Für normale und breite Köpfe.

Weitere Aspekte moderner Rennradhelme

Aktuelle Rennrad- beziehungsweise Gravel-Helme sollen leicht, gut belüftet und komfortabel sein. Weitere wichtige Parameter sind die Passform, das Verschluss- und Verstellsystem, das Preis-Leistungs-Verhältnis, Zusatzfunktionen und mehr.

Unterschiede finden sich zum Beispiel in den Ausstattungsdetails. So verfügen die Modelle von Rudy Project und Oakley über ein abnehmbares Visier - es bietet dem Fahrer einen zusätzlichen Schutz vor der Sonne, dem Regen und herabhängenden Zweigen und Ästen. Die Helmschalen einiger Gravel-Modelle sind im Nacken weiter heruntergezogen, um den Fahrer auch in diesem Bereich besser zu schützen.

Sicherheitstechnologien: MIPS und KinetiCore

Dazu gehören sowohl Konstruktionen, die den Kopf vor einem zu harten Aufprall bewahren sollen - wie eine Schale aus EPS-Schaum - als auch Zusatztechnologien wie die Systeme MIPS beziehungsweise KinetiCore. Das Prinzip: Beim Aufprall entstehen stets auch Rotationskräfte, die auf den Schädel und das darin gelagerte Gehirn einwirken.

  • MIPS Essential/Evolve Core: Kunststoffstreben, die an der Innenseite dem Muster der EPS-Schale folgen (Bell, Endura, Met, Oakley, Specialized).
  • MIPS Air Node: System im Helmpolster integriert (Ekoi).
  • MIPS Integra: Zwischenschicht, die direkt in die Helmschale eingebracht ist (Giro).
  • KinetiCore: Ausgefräste Blöcke an der Innenseite der EPS-Schale nehmen die Rotationskräfte auf und dienen als zusätzliche elastische Knautschzone bei einem Aufprall (Lazer).

Weitere Sicherheitsmerkmale

Sekundäre Sicherheitsfeatures sind Bauteile, die nach einem Sturz dafür sorgen, dass im schlimmsten Fall ein Angehöriger oder Rettungskräfte alarmiert werden. Speziell in den Helm integrierte Sensoren und Live-Tracker sind über eine App mit dem Smartphone verbunden.

Belüftung und Passform

Bei der Belüftung gibt es in vielen Fällen nur geringe Unterschiede. Die reine Anzahl und die Größe der Belüftungsöffnungen sagt oft wenig über die effektive Kühlung am Kopf aus. Beim Verstellsystem am Hinterkopf gibt es deutlichere Unterschiede: Einige Modelle in diesem Testfeld sind nur in einem kleinen Bereich beziehungsweise nur in einer Stufe höhenverstellbar.

Fazit

Auch ein Modell im Preisbereich von 100 bis 180 Euro kann leicht, sehr gut belüftet und sicher sein. Entscheidend sollte die Passform sein. Auch ein günstiger Helm kann zur individuellen Kopfform passen und einen dauerhaft hohen Tragekomfort bieten.

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