Das Radrennen San Remo, auch bekannt als "La Classicissima" oder "Primavera", ist eines der bedeutendsten Eintagesrennen im Radsportkalender. Mit einer über 100-jährigen Geschichte hat es sich zu einem wahren Monument entwickelt, das Fahrer und Fans gleichermaßen fasziniert.
Die Anfänge und frühen Jahre
Die Idee für ein Radrennen von Mailand nach San Remo entstand aus dem Wunsch heraus, die Straßenverhältnisse für ein solches Spektakel zu testen. Ein Autorennen im Jahr 1906 hatte gezeigt, dass der Turchino-Pass eine Herausforderung darstellte, weshalb man einen Testfahrer auf die Strecke schickte. Am 14. April 1907 starteten dann 33 Fahrer bei Regen auf die 288 km lange Strecke, von denen nur 14 das Ziel erreichten. Lucien Petit Breton konnte nach 11 Stunden als erster über die Ziellinie rollen.
Wie hart die damaligen Rennverhältnisse waren, zeigen die Schilderungen des Rennens von 1910. Von 63 Fahrern, die bei Regen starteten, zwangen Eis, Schnee, Sturm und Regen die meisten zur Aufgabe. Eugène Christophe erreichte das Ziel nach 12 Stunden und 24 Minuten und musste wegen Unterkühlung einen Monat im Krankenhaus verbringen.
Legendäre Fahrer und unvergessliche Momente
Es sind vor allem berühmte Namen, die in der Siegesliste auftauchen. Doch gelegentlich gelang es Unbekannten, den Cracks ein Schnippchen zu schlagen. So auch 1927, als der erst 23 Jahre alte Pietro Chesi mit 9 Minuten Vorsprung vor Alfredo Binda das Ziel erreichte. Coppi und Bartali traten jetzt in unterschiedlichen Teams an. Beide wollten unbedingt die Fahrt in den Frühling gewinnen.
Ein denkwürdiges Rennen war das von 1946, als Fausto Coppi im Anstieg zum Turchino angriff und mit 14 Minuten Vorsprung gewann. Claude Tillet von der l'Equipe schwärmte von Coppis Fahrweise. Fausto Coppi gewann 1948 und 1949 erneut die Classicissima. Das Ziel auf dem Motodrom glich einem Hexenkessel. Erik Zabel 2004 vor Lüttich-Bastogne-Lüttich.Ob er ans Jubeln denkt?
Auch Rolf Gölz wurde nicht so recht glücklich. 1990 ließ es sich recht gut an. An der Cipressa macht er sich mit fünf anderen auf die Verfolgung des enteilten Gianni Bugno. Doch die Gruppe läuft nicht wie gewünscht und Rolf Gölz sieht eine Möglichkeit auszureißen. Es gelingt, "der Abstand schmilzt wie im Sommer ein Schokoriegel in der Trikottasche. (...) Im Überschwang der Gefühle lasse ich den Gang stehen. Ein verhängnisvoller Fehler: Binnen Sekunden sind meine Beine total übersäuert. (...) Ich habe das Gefühl, im Berg zu stehen. Es nützt auch nicht mehr, zurückzuschalten. Hilflos muss ich mit ansehen, wie Gianni Bugno wieder entschwindet."(...)"Im Abstand von hundert Metern sausen wir über den Corso Cavalotti. Ohnmächtig sehe ich zu, wie Gianni Bugno zehn Meter vor dem Ziel seine Arme jubelnd gen Himmel streckt." (...)"Der Instikt hat mich in einem der wichtigsten Momente meiner Karriere verlassen. Rik Van Steebergen, Sieger 1954:Auf der Via Romain San Remo zu gewinnen, Mann, das war unbeschreiblich schön. Es ist einfach die prächtigste Zielankunft der Welt. Es ist die Zielankunft mit der größten Ausstrahlung.
Die Bedeutung von Cipressa und Poggio
Wer in den ersten Jahren den Turchino-Pass in der ersten Reihe überwinden konnte, hatte gute Chancen in San Remo ganz vorne anzukommen, doch in den 50er Jahren verlor die Steigung ihre Bedeutung als Scharfrichter. Immer häufiger kam es zu Sprintentscheidungen aus einer größeren Gruppe heraus. Daher fügte man 1960 den Poggio di San Remo ein, das half aber nur kurze Zeit. So kam 1982 der Cipressa-Anstieg hinzu. Aber auch er konnte nicht verhindern, dass ein beachtliches Peloton geschlossen San Remo zueilte. Gelegentlich schaftten es aber doch Barroudeure wegzukommen. Doch die heutige Sprinterelite kann diese giftigen Steigungen durchaus bewältigen.
Fast glaubte man, zu den Szenen auf dem Bildschirm Klänge von Ennio Morricone zu hören, dem großen italienischen Filmkomponisten, der die Bilder des Westernklassikers „Spiel mir das Lied vom Tod“ vertont hat. Drei Verwegene verteilen sich auf der Hauptstraße einer Kleinstadt, um die Dinge final zu regeln. So sah es aus, als Tadej Pogačar, Filippo Ganna und Mathieu van der Poel sich zu einer Dreiecksformation auffächerten, auf den letzten Metern zum Showdown auf der Via Roma in San Remo. Nicht mit gespannten Colts, aber mit gespannter Beinmuskulatur.
Das Rennen im Wandel der Zeit
Die Strecke der 116. Auflage führt in diesem Jahr über satte 289 Kilometer. Zunächst eher Langeweile über Stunden, dann steigert sich mit jedem Kilometer die Spannung. Jede Austragung hat eine eigene Geschichte, ein eigenes Finale. Über Jahre war es ein Rennen der ganz großen Namen, ehe es in der „Zabel-Zeit“ zum Sprinterrennen wurde.
Für dieses spezielle Finale gibt es mehrere mögliche Szenarien, wie die Vergangenheit zeigt - eine späte Attacke von Vincenzo Nibali am Poggio mit epischem Solo, der unglaubliche Triumph des Downhill-Mohoric mit versenkbarer Sattelstütze und waghalsiger Poggio-Abfahrt. Seine späte Attacke am Poggio brachte ihm 2018 überraschend den Sieg.
In diesem Jahr ist der Blick besonders auf Tadej Pogacar gerichtet. Der beste Fahrer der Welt möchte gern einen Haken an das erste Monument der Saison machen. Gelingt ihm das, fehlt nur noch Paris-Roubaix, dann hätte er alle fünf Radsport-Monumente gewonnen.
Mit den fünf „Capi“ - den kurzen, aber steilen Anstiegen auf den letzten rund 55 Kilometern zum Ziel, beginnt das Finale des Rennens. Vor den Anstiegen wird es im Feld extrem schnell, und alle Favoriten müssen hellwach sein. Doch nach rund 300 Kilometern im Sattel wird der Poggio zum Scharfrichter.
Die Abfahrt ist kurz, hat aber einige enge Kurven. Beispielsweise Mathieu van der Poel, der vor zwei Jahren mit einer Monster-Attacke am Poggio die Konkurrenz abstellte und souverän zum Sieg fuhr. Ebenso Filippo Ganna, dem man mit seiner Tempohärte keinen Meter Vorsprung geben darf, sonst sieht man ihn wohl erst im Ziel wieder.
Die Ausgabe 2024: Van der Poel triumphiert erneut
Am Ende hatte Mathieu van der Poel (Alpecin) zum 2. Mal in seiner Karriere auf der Via Roma die Nase vorn. Im Dreiersprint schlug der 30-jährige Niederländer deutlich Filippo Ganna (Ineos) und Tadej Pogacar (UAE). Erst 43 Sekunden hinter dem Trio führte Michael Matthes (Jayco) ein erstes Verfolgerfeld vor Kaden Groves (Alpecin) ins Ziel. Angezettelt hatte die Cipressa-Flucht Weltmeister Pogacar mit einer Attacke 24,7 Kilometer vorm Ziel. Am vorletzten Anstieg konnte nur van der Poel das Hinterrad des Weltmeisters halten. Außerdem kam Ganna vorn mit rüber, weil sich die beiden Topstars des Rennens im oberen Bereich etwas anschauten.
Im finalen Poggio-Anstieg attackierte Pogacar mehrmals. Ganna wurde er damit sofort los. Van der Poel ließ sich jedoch nicht abschütteln und konterte sogar selbst kurz vor der Kuppe, konnte den kleinen Vorsprung allerdings nicht halten. Stattdessen nahmen beide Abfahrt und Flachstück ins Ziel gemeinsam in Angriff. Ganna hatte das Duo immer auf Sichtweite. Die 3 Favoriten beim «leichtesten» Monument vorn
Die auch vor dem Rennen am höchsten gewetteten Fahrer egalisierten im Ziel ihre bisher jeweils besten Ergebnisse in Sanremo. Van der Poel feierte seinen 7. Sieg bei einem der 5 Monumenten. Neben 2-mal Sanremo stehen 3-mal Flandern und 2-mal Roubaix in seinen Palmarès.Pogacar hatte schon im Vorjahr gesagt, dass ihn die Jagd nach dem Sanremo-Sieg möglicheweise ins Grab bringen werde. Das vermeintlich leichteste Monument fehlt so manchem Top-Star der Vergangenheit in den Palmarès. Für Ganna hat sich noch keiner dieser Träume verwirklicht, und für Ex-Weltmeister Mads Pedersen (Lidl) auch noch immer nicht der eines Sieges bei einem Monument. Hinter dem Vorjahreszweiten Matthews sowie Groves und Magnus Cort (Uno-X) belegte er den 7. Platz nach Platz 4 im Vorjahr hinter Pogacar.
Nach 289 Kilometern Radrennen war bei der 116. An der 300-Meter-Marke trat van der Poel an, die beiden Verfolger schafften es nur in seinen Windschatten. „Ich wollte sie überraschen“, betonte der Niederländer. Der Sieger des ersten Frühjahrsklassikers 2025 hat sich auf dieses Szenario vorbereitet. „Ich habe noch nie so hart trainiert wie im vergangenen Winter“, betonte der Sohn von Adrie van der Poel und Enkel von Raymond Poulidor. Auch ungewöhnlich lange Sprints zählten zu seinem Programm; er 30-jährige Radsport-Star ruht sich nicht auf dem Geschenk guter Gene aus, er tut immer noch alles für große Siege. Zum dritten Mal in Folge war sein Team Alpecin-Deceuninck bei „La Classicissima“ erfolgreich. Der Versuch im Jahr 2024, mit vereinten Kräften an der Cipressa so viele Widersacher wie möglich auszusortieren, war seinerzeit gescheitert - den Helfern ging zu früh die Puste aus, man musste das Tempo drosseln.
„Die zwei Jungs haben mich Jahre meines Lebens gekostet“, befand der ausgepowert hustende, bärtige Ganna später. Einen Kilometer vor dem Ziel hatte er die Führenden gestellt - und sprintete schließlich auf Rang zwei. „Ich bin glücklich, ich habe das Maximale getan“, bilanzierte er.Mathieu van der Poel hingegen wusste: Mit jedem Tritt, mit dem er dem großen Rivalen folgen konnte, kam er seinem zweiten Sieg bei der „Primavera“ näher.
Er müsse Gewicht verlieren, um bei Lüttich-Bastogne-Lüttich oder der Lombardei-Rundfahrt gegen Pogačar um den Sieg mitmischen zu können, meinte er. Als hätte er geahnt, dass er wieder leer ausgehen würde. „Alle - nicht nur ich, das ganze Team - haben alles getan. Jedes Jahr machen wir es besser. Wir zeigen mehr Aggressivität, mehr Willenskraft an der Cipressa. Ich wollte es zu Ende bringen - aber es waren am Schluss einfach zwei Jungs schneller als ich“, fasste der Weltmeister den Renntag zusammen. Er fand seinen Meister in Mathieu van der Poel - der nicht alleine über die Physis kommt, sondern seine Trümpfe in den Rennen sehr konzentriert ausspielt. Er weiß, was er kann.
Die Strecke und ihre Besonderheiten
Mit 288 Kilometern ist die Strecke 2024 die zweitkürzeste der vergangen 20 Jahre. Anstatt von Pavia direkt nach Süden in Richtung Meer aufzubrechen, fährt das Peloton am 16. Kurz nach dem Passo del Turchino erreicht die Strecke traditionell das Ligurische Meer und windet sich küstennah Richtung Sanremo. Bei Kilometer 236 ist mit dem Capo Mele der erste der drei Capi erreicht - die drei kleinen Hügel, die das Finale einläuten.
Die Poggio-Abfahrt ist eng und winklig - eine Sache für echte Radbeherrschungs-Künstler. An der Via Aurelia bereits am Ende von Bussana halten wir uns rechts, Poggio ist ausgeschildert. Auch der Anstieg nach Poggio ist von oben bis unten von Gebäuden gesäumt, und zwar zusätzlich zu den Wohnhäusern mit einer massiven herrlichen Gewächshausarmada, in welchen vor allem Blumen gezüchtet werden. Wer sich nur diesen Rollerberg vorgenommen hat, hält sich hier links, und es geht schön kurvig wieder abwärts zur Via Aurelia und nach San Remo. 3,7 % Schnitt, davon der erste Teil ein wenig steiler bei max. 5-6 % sorgen für einen echten Dolce-Vita-Anstieg.
Das Rennen im Herzen der Fans
Seit fast zwei Jahrzehnten fasziniert mich diese Veranstaltung. Meine erste Teilnahme im Jahr 2005 gemeinsam mit meinem Schwager war der Beginn einer großen Leidenschaft. So begann meine tiefe Begeisterung für diese besondere Veranstaltung, aus der sich im Laufe der Jahre eine enge Freundschaft mit dem U.C. Mit einer Länge von ca.
Das Rennen zieht Jahr für Jahr Fans und Teilnehmer aus der ganzen Welt an und hat eine tiefe Verwurzelung in der Radsportgeschichte. Das Event wird wie in der Vergangenheit von RCS Sport veranstaltet und Teil der UCI Women's World Tour sein.
Das Frauenrennen "Primavera Rosa"
Der Klassiker, von 1999 bis 2005 unter dem Namen Primavera Rosa ausgetragen, findet am 22. März 2025 statt - genau wie "La Primavera" der Männer. Die Siegerin der letzten Auflage war Trixi Worrack - vor genau 20 Jahren.
Radsport in Deutschland: Eine besondere Beziehung
Mehr als 3 Mio. Radsport? Durch die deutsche Brille betrachtet ist das die Tour de France, sonst nichts. Zumindest nicht viel mehr. Doch selbst da war Radsportgeschichte abseits der Tour nichts, was die Deutschen sonderlich interessierte. Eine tiefe Beziehung zu diesem so betrugsanfälligen wie faszinierenden Sport gab es hierzulande nie.
San Remo: Mehr als nur ein Rennen
Mit mehr als 100 Austragungen und einem ganz besonderen Charakter ist „la Primavera“ einer der bedeutendsten Radklassiker der Welt. Wie man sieht, so geht es vor allem in der ersten Hälfte des Rennens auf und ab. Zum Ende sind dann noch einmal mehrere Erhebungen hinter sich zu bringen. In Sanremo lockt dann u. a. Das längste der Eintagsrennen für Fahrrad-Sportler und Fahrrad-Sportlerinnen weckt zudem weltweites Interesse und bringt jedes Jahr aufs Neue verschiedenste Profis nach Europa.
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