Rennrad geeignet für 130 kg: Anforderungen und Empfehlungen

In Rennrad-­Foren finden sich viele Storys darüber, wie Masse und Kraft ihrer Fahrer der Haltbarkeit filigraner Räder Grenzen setzen. Es ist bisweilen erstaunlich, welch unterschiedliche Fahrer in einem Radrennen gegeneinander antreten. Diese enorme Bandbreite von Körpergröße und -gewicht findet sich in kaum einem anderen Spitzensport, in dem es um körperliches Kräftemessen geht.

Herausforderungen für schwere Fahrer

Das Kleingedruckte: Die meisten Hersteller verstecken ihre Gewichtslimits, sofern sie welche angeben, im Kleingedruckten der Bedienungsanleitung. So wird schon die Suche nach einem belastbaren Sportgerät zum Hindernislauf. Warum schreiben die Hersteller nicht einfach zu den technischen Daten, welche Beschränkungen für ihre ­Räder gelten? Als Ergebnis unserer Recherche drängt sich die Vermutung auf, dass viele es selbst nicht wissen oder das Thema lieber nicht ansprechen wollen ...

Colnago ist da keine Ausnahme. Colnago selbst ist nicht so optimistisch und schreibt ins Kleingedruckte zu seinen Rädern, dass die Rahmen individuell verstärkt werden müssen, wenn der Fahrer schwerer als 90 Kilogramm ist. Welche Limits für solche verstärkten Rahmen dann gelten, konnte uns Colnago auf Anfrage leider nicht mitteilen.

Schumann ist kein Einzelfall. Vier Rahmen hat er schon verschlissen, die jeweils nur rund 7.000 Kilometer hielten. Dreimal traten Risse auf, meist im Bereich des Sitzrohrs, einmal brach ein Rahmen plötzlich über dem Tretlager und verursachte einen Sturz. Schumanns Rahmen wurden zwar anstandslos ersetzt oder er bekam sogar das Geld zurück; aber zu wissen, dass das Rad jederzeit kollabieren kann, schafft nicht gerade Vertrauen.

Die Suche nach dem richtigen Rahmen

Nach langer Recherche hat sich Schumann daher dem Titan-Spezialisten Miles anvertraut, der für ihn einen Maßrahmen bei ­Seven in den USA in Auftrag gab und die Anbauteile auswählte. "Mit dem 50 Millimeter starken ­Unterrohr steht das Rad wie eine Eins", sagt Peter Hinterlang von Miles. Es ist nun Schumanns Rad für die Berge. Im flachen Geläuf nutzt er ein Colnago C59 in Rahmenhöhe 65, erworben auf Empfehlung eines Radhändlers.

Wer noch größer ist als 2,10 Meter oder besonders schwer - oder beides - braucht Räder von Spezialisten. Der Gang zum (Maß-)Rahmenbauer ist eine Alternative zu Serienprodukten und auch preislich konkurrenzfähig.

Große Leute brauchen große Rahmen und lange Kurbeln, große und schwere benötigen besonders belastbare Sportgeräte. Bis zur Größe XL bieten viele Hersteller Serienrahmen an; die Angabe für die größte Größe schwankt zwischen 58 und 62 Zentimeter. Je nach Beinlänge reichen diese Rahmen für Fahrer um die 1,90 bis 1,95 Meter. Canyon baut auch echte XXL-­Rahmen. Sie decken Körpergrößen bis etwa 2,10 Meter ab, sofern die Beine nicht besonders lang sind; bei der Sitzhöhe von 884 Millimetern (Schritt­länge 99 cm) ist Schluss.

Auch aus Titan entstehen übergroße Rahmen, ebenfalls anpassbar an ­Gewicht und Erfordernisse. Die amerikanische ­Titanschmiede Seven ist ein solcher Problemlöser. Günstiger wird’s durch Eigenimport von Titan-Rädern der Marke Clydesdale aus den USA. Das Modell Draft ist ein Allroundstraßen- bzw. Gravelrad in Größe XL bis 4XL, belastbar bis 204 Kilogramm. Dieses Rennrad für große Menschen kostet mit Shimanos 105-Elffach-Komponenten inklusive extralanger Kurbeln 4650 Dollar. Fast ein Schnäppchenpreis in der aktuellen Marktlage - auch wenn Zoll und Steuern hinzukommen.

TOUR-Leser Michael Serafim, 2,10 Meter groß, hat Erfahrungen mit Canyons Modell Endurace in XXL: “Mit den jeweiligen Geome­trien meiner Räder war ich bisher sehr zufrieden. Besonders mit dem Canyon-Rad in XXL. Damit bin ich Anfang Juli 2022 einen 333-Kilometer-Marathon ohne Pro­b­leme gefahren. Ich war auch mal bei einem Bikefitter, der meine Einstellung zu 99 Prozent für gut befunden hat.” Serafim bemängelt aber die Einschränkungen, die moderne Sat­tel­­stützen mit sich bringen.

Komponenten und Anpassungen

Ein zweites zentrales Thema für sehr große und sehr kleine Fahrerinnen und Fahrer ist die Länge der Tretkurbeln. Eigentlich ist es Konsens bei Bikefittern und Radherstellern, dass die Kurbellänge proportional zur Körpergröße beziehungsweise Beinlänge gewählt werden sollte. Größere Menschen benötigen längere Kurbeln an ihrem Rennrad, kleinere Menschen kürzere.

Material jenseits der Standardgrößen ist schwerer zu beschaffen, aber es existiert. Mit kompetenter Beratung oder durch intensiven Vergleich lassen sich Lösungen finden. Bikefitter sind eine gute Anlaufstelle, um sich einen Überblick über die Anforderungen zu verschaffen.

Kurbellänge

Serienräder rollen mit maximal 175 Milli­meter langen Kurbeln vom Band - zu kurz für ein Rennrad für große Menschen. Die Faustformel für die Kurbellänge lautet: 21 Prozent der Schrittlänge. Wem Kurbeln über 175 Millimeter passen - das betrifft so ziemlich alle Fahrer ab 1,90 Meter - muss diese individuell wählen. Aber Vorsicht: Kurbeln, die mehr als 190 Millimeter messen, erfordern angepasste Rahmengeometrien. Das Tretlagergehäuse muss höher liegen, sonst setzen die Kurbeln in Schräg­lage zu früh auf.

Maximale Kurbellängen:

  • Shimano/SRAM: 177,5 mm
  • Campagnolo: 175 mm
  • Rotor Aldhu: 175 mm
  • TA Carmina (Vierkantwelle): 185 mm
  • Marschall Frameworks Big John (Vierkantwelle, nur mit zugehörigem Rahmen): 220 mm
  • Zinn Cycles (USA): 220 mm

Laufräder

Schwere Fahrer belasten vor allem Laufräder viel härter als leichte - Naben, Speichen und Felgen sollten robuster gewählt werden. Eine gute Beratung von Spezialisten, die Erfahrung mit dem Thema haben, kann vor Problemen aller Art schützen.

Die DT Swiss RR 511 Felge glänzt aber nicht nur in Punkto Langlebigkeit und Stabilität, sondern auch mit sauberer und guter Verarbeitung und einer edlen matten Optik. Die DT Swiss RR 511 Felge wird mit Unterlegscheiben eingespeicht, welche die Zugkraft der Speichen sehr gleichmäßig auf den Felgenboden verteilen. Dadurch verbessert sich der Speichennippelsitz, das Material wird geschont und die Langlebigkeit und Belastbarkeit der Felge gesteigert. Dank ihrer hohen Stabilität ist sie auch gut für Bikepacking geeignet.

Mit bis zu hohen 140 kg Systemgewicht ist die KX 31 belastbar. Diese hohe Stabilität sorgt für eine gute Pannensicherheit.

Bremsen

Dazu gehört auch die Dimensionierung der vorderen Scheibenbremse: Wir empfehlen folgenden Scheibendurchmesser:

  • < 100 kg Systemgewicht (Rad und Fahrer): 160 mm
  • < 130 kg Systemgewicht: 185 mm
  • > 131 kg Systemgewicht: 203 mm

Empfohlene Laufräder

Vorderrad:

  • Felge: DT Swiss RR 511
  • Nabe: DT Swiss 350 Road
  • Speichen: Sapim Sprint Doppeldickendspeichen

Hinterrad:

  • Felge: KX 31
  • Nabe: KX-R Rennrad
  • Speichen: Sapim E-Light Doppeldickendspeichen

Alternative Hinterräder:

  • Felge: DT Swiss RR 511
  • Nabe: DT Swiss 350 Road Ratchet 36 SL
  • Speichen: Sapim E-Light Doppeldickendspeichen (24 oder 32 Speichen)

Fazit

Fahrer ab etwa 80 Kilogramm Körpergewicht sollten grundsätzlich einen Bogen um extremes Leichtbaumaterial machen. 10 Prozent des Körpergewichts als Radgewicht zu akzeptieren, ist sinnvoll.

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