Shimano Dura-Ace im Test: Ein umfassender Überblick

Die Shimano Dura-Ace Gruppe geniesst unter Rennradfahrern einen legendären Ruf. Als unangefochtener Marktführer bestimmte Shimano die technische Entwicklung von Rennrad-Komponenten über Jahrzehnte fast im Alleingang.

Top-Gruppen im Vergleich

Super Record, Dura-Ace, Red - schon der Klang dieser Namen versetzt viele Rennradfans in Entzücken. Mit den Schalt- und Bremskomponenten der Topgruppen von Campagnolo, Shimano und Sram sind die großen Stars des Radsports unterwegs.

Hier geben die Hersteller in puncto Materialqualität, Verarbeitung und Design alles, investieren ihr ganzes Know-how. Und hier bekommen die Kunden die leichtesten Komponenten sowie - im Idealfall - die beste Funktion. Kehrseite der Medaille: Super Record, Dura-Ace und Red sind mit Abstand die teuersten Gruppen am Markt.

Dennoch lohnt es sich, genau hinzuschauen. Denn die meisten technischen Lösungen der Topgruppen wie Griffergonomie, Schaltlogik oder Übersetzungskonzept finden irgendwann den Weg an die günstigeren Gruppen der Hersteller. Bei Shimano finden sich Unterschiede zwischen DuraAce Di2 und Ultegra Di2 schon heute vor allem in den verwendeten Materialien und beim Gewicht. Und auch die 105 Di2 fällt funktional nur minimal ab.

Der mittlerweile ein Jahr alten Campagnolo Super Record Wireless wurde unlängst eine günstigere elektronische Ausführung zur Seite gestellt, und auch bei Sram dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich die grundlegenden Technologien der brandneuen Red AXS auch an Force, Rival und Co. wiederfinden werden.

Das Benotti Fuoco Disc Carbon: Ein agiler Allrounder

Das Fuoco Disc Carbon ist das Allround-Rennrad des niedersächsischen Herstellers Benotti - und je nach der gewählten Ausstattung extrem leicht. Mit einem Gesamtgewicht von 6,64 Kilogramm in der Rahmengröße 54 zählt das Benotti zu den leichtesten Modellen in diesem Testfeld. Das Fahrverhalten ist durch das geringe Gewicht, einen recht steilen Sitzrohr-Winkel und die hohe Front-Steifigkeit geprägt von einer sehr hohen Agilität.

Steif, agil - und extrem leicht: Das Benotti Fuoco Disc Carbon überzeugt als Allrounder mit seinem geringen Gewicht und viel Agilität. Die Ausstattung ist extrem hochwertig, das Preis-Leistungs-Verhältnis sehr gut.

Die verbauten Ax-Lightness-Ultra-30C-Disc-Laufräder sind extrem seitensteif und mit ihren Carbon-Messerspeichen und Keramiklagern sehr leicht. Ihr Gewicht: 1050 Gramm inklusive Felgenband. Die auf ihnen montierten 28 Millimeter breiten Continental-GP-5000-TT-TR-Reifen punkten mit einem sehr geringen Rollwiderstand und guten Dämpfungseigenschaften.

Der Fahrspaß in kurvenreichen Abfahrten ist dementsprechend groß.

Ergonomie der Griffe

Die Ergonomie an erster Stelle? Unbedingt, denn immerhin sind die Schalt-/Bremsgriffe die zentralen Bedienelemente. Man hält sie stundenlang in Händen - und möchte natürlich ohne einschlafende oder schmerzende Pfoten während der ganzen Tour problemlos schalten und sicher bremsen können.

Die neuen Griffe von Sram und Campagnolo sind so lang, dass alle vier Finger passen, der Daumen umschließt innen. Die Griffauflagen von Campagnolo und Sram sind im jüngsten Evolutionsstadium deutlich länger geworden: Hier passen problemlos alle vier Finger der Hand zwischen Lenker und Bremshebel - das macht die Sitzposition geringfügig länger. Shimanos STI-Griffe sind hingegen deutlich kürzer und lassen nur drei Finger Umschließung zu, der Zeigefinger wandert vor den Bremsgriff. Shimano-Armaturen sind deshalb ein Tipp für Menschen mit kleineren Händen.

Mehr als drei Finger passen nicht bei Shimanos STI, dennoch ernteten die Bremsschaltgriffe vor allem von Testerinnen und Testern mit kleinen Händen viel Lob. Positiv: Alle drei Hersteller bieten die Möglichkeit, den Abstand des Bremshebels zum Lenker per Schraube anzupassen. Und bei allen drei Anbietern kann man die Hand zwecks Positionswechsel auch mal oben um den Griffhöcker legen - am größten fällt der bei Campagnolo aus.

Apropos Campa: Hier findet sich zwischen Bremshebel und Griffkörper ein recht großer Leerraum mit vergleichsweise harten Kanten, der einhellig Kritik auf sich zog. Lob ernteten hingegen die leicht nach innen gebogenen Griffkörper bei Campagnolos Ergopower und auch bei Shimanos STI.

Hohlraum mit harten Kanten: Laut Campa ist dies dem Hebelweg beim Bremsen geschuldet, gut anfühlen tut es sich nicht - vor allem im Wiegetritt.

Grundsätzlicher Tipp: Vor dem Kauf idealerweise Probe fahren, denn während man sich an Schaltlogik und Bremseigenschaften gewöhnt, sollten die Griffe ohne Kompromisse zur eigenen Anatomie passen.

Schaltvorgänge

Blitzschnelle, knackige und präzise Schaltvorgänge - das bieten alle drei Hersteller, keine mechanische Schaltung kann da mithalten. Im direkten Vergleich offenbaren sich dennoch Unterschiede: Shimano wechselt die Gänge subjektiv am schnellsten. Insbesondere der Kettenblattwechsel ist nach wie vor eine Offenbarung, zumal bei hoher Last auf der Kette.

Reichweite und Energieversorgung

Für die Energieversorgung setzen alle drei Anbieter auf Knopfzellen in den Hebeln. Shimano vertraut außerdem auf einen zentralen Akku, der in Sattelstütze, Unter- oder Sitzrohr sitzt, und Schaltwerk und Umwerfer via Kabel versorgt. Die Montage ist etwas fummeliger als bei der komplett drahtlosen Konkurrenz, die Laufzeit beträgt dafür nach RB-Erfahrung verlässliche 1000 Kilometer. Bei Campa und Sram sind es gut 700 Kilometer.

Campagnolo und Sram nutzen kleine Akkus, die direkt an Schaltwerk und Umwerfer andocken - bei Sram muss man diese zum Laden abnehmen. Bei Campagnolo hat man die Wahl zwischen Demontage und Aufladen an der Station oder direktem Aufladen am Rad dank Ladebuchsen. Vorteil Sram: Die Akkus sind baugleich und lassen sich untereinander tauschen, wenn einer schlappmacht. Campa hingegen muss aufgrund von Patentrechten zwei unterschiedliche Akkus an Schaltwerk und Umwerfer einsetzen.

Schaltlogik

Bei keiner anderen Gruppe geht’s einfacher als bei Sram: nur eine Schalttaste pro Griff, einseitiges Schalten bewegt das Schaltwerk wahlweise nach links oder rechts. Gleichzeitiges Drücken beider Tasten betätigt den Umwerfer - fertig. Die Tasten sind schön groß, ein Verschalten ist nahezu ausgeschlossen.

Shimano und Campagnolo hingegen setzen auf zwei dicht beieinanderliegende Tasten pro Griff - bei Campa liegen die übereinander, bei Shimano hintereinander. Die Tasten des linken Griffes steuern jeweils den Umwerfer, die Tasten des rechten Griffs das Schaltwerk. Unabsichtliches Betätigen ist zumindest nicht ausgeschlossen, insbesondere mit dicken Winterhandschuhen.

Bei Campagnolo beklagen Traditionalisten, dass es bei der Super Record Wireless keinen Daumenschalthebel mehr gibt. Das neue Bedienkonzept mit übereinanderliegenden Tasten ist aber intuitiv: In Werkseinstellung schaltet die untere rechte Taste auf kleinere Ritzel, die untere linke Taste auf das kleinere Kettenblatt. Positiv: Bei allen Herstellern lässt sich per App einstellen, welche Taste welche Funktion übernimmt. Hält man die Tasten gedrückt, schalten alle Ensembles auf Wunsch auch mehrere Gänge auf einmal.

Übersetzungskonzept

Alle drei Hersteller setzen auf zwei Kettenblätter vorn und 12 Ritzel hinten. Am traditionellsten kommt Shimano: Erhältlich sind die etablierten Kettenblattabstufungen Kompakt (50/34) und Semikompakt (52/36) sowie die Profi übersetzungen 54/40 (Straße) und 46/36 (Cyclocross). In Kombination mit den beiden Kassetten 11-30 und 11-34 ergibt sich ein ordentliches Entfaltungsspektrum.

Die Bandbreite ist bei Sram und Campagnolo dennoch größer: Beide Hersteller setzen beim kleinsten Ritzel auf ein 10er und können dadurch in Kombination mit deutlich kleineren Kettenblättern sowohl im größten als auch im kleinsten Gang ein Plus an Bandbreite anbieten. Campa achtet dabei am stärksten auf kleine Gangsprünge. Kletterfans aufgepasst: Den leichtesten Berggang bietet Sram.

Angebotene Übersetzungen

HerstellerKettenblattabstufungenKassettenEntfaltung kleinster und größter Gang
Campagnolo50/34, 48/32 und 45/2010-25, 10-27 und 10-292,15 m und 10,80 m
Shimano54/40, 52/36, 50/34 und 46/3611-30 und 11-342,15 m und 10,60 m
Sram50/37, 48/35 und 46/3310-28, 10-30, 10-33 und 10-361,97 m und 10,80 m

Bremsen

Bei der schieren Bremspower geben sich die Hersteller keine Blöße: Sowohl Super Record- als auch Dura-Ace- und Red-Stopper verzögern auf Wunsch brachial und bringen den Renner jederzeit sicher zum Stehen. Unterschiede bestehen vor allem im Ansprechverhalten und der zum Bremsen notwendigen Handkraft. Große Bremshitze vertragen alle Anbieter mittlerweile sehr gut.

Handkraft und Dosierbarkeit

Vorteil Shimano und Sram: Die Japaner und Amerikaner verlangen auffällig wenig Kraft zum Bremsen. Angenehm bei Shimano: Dank der sogenannten Servo Wave-Technologie wird der Leerweg des Bremshebels reduziert, die Bremsbeläge greifen früher auf der Bremsscheibe, was wiederum den zur Verfügung stehenden Hebelweg verlängert. Die Folge: viel Spielraum für sehr gute Dosierbarkeit.

Auffällig anders ist Campagnolos Ansprechverhalten: Die Bremse greift recht weich zu und erinnert an das Bremsgefühl einer Felgenbremse, baut im Vergleich dazu aber deutlich größere Bremskraft auf. Allerdings verlangen die Campa-Stopper dafür im direkten Vergleich zur Konkurrenz spürbar mehr Handkraft. In puncto Dosierbarkeit gilt: Schon nach wenigen Bremsvorgängen hat man das jeweilige Ansprechverhalten der drei Hersteller verinnerlicht und kann jederzeit kraftvoll bremsen.

Anpassbarkeit

Bei allen drei Anbietern lässt sich die Griffweite der Bremshebel individuell einstellen. Bei Campagnolo und Sram erreicht man die entsprechende Schraube von vorn durch den Bremshebel, bei Shimano liegt diese hinten oben am Bremshebel. Vorteil Sram: Hier lässt sich neben der Griffweite auch der Kontaktpunkt zwischen Belägen und Scheiben individuell einstellen.

Bei Campagnolo und Shimano muss hingegen häufiger mal feinjustiert werden, weil die Bremsscheiben schleifen. Und das obwohl etwa die Japaner den Bremsbelägen der aktuellen Dura-Ace zehn Prozent mehr seitlichen Abstand zur Scheibe spendiert haben.

Montage

Auch bei Aufbau und Montage gefallen die nutzerfreundlichen Lösungen, die alle drei Hersteller für ihre Topgruppen in petto haben. Dank des kompletten Verzichts auf Kabel gelingt der Neuaufbau mit Campagnolo und Sram noch einen Tick leichter als bei Shimano, wo Schaltwerk und Umwerfer per Kabel mit dem zentralen Akku verbunden werden müssen.

Van Rysel RCR Pro Dura-Ace Di2: Erschwinglicher Profi-Renner

Mit einem echten Profi-Renner die Hausrunde unter die Räder nehmen? Seit dem Einstieg von Decathlon in den Profiradsport stattet das Team Decathlon AG2R La Mondiale seine Fahrer mit Rädern der Eigenmarke Van Rysel aus. Und das RCR Pro zählt mit dem Cube Litening zu den erschwinglicheren Rennern im Peloton.

Es kommt mit Shimanos Topgruppe Dura-Ace Di2 inklusive Powermeter, dazu verbauen sie die Hadron² 500-Laufräder vom Aerodynamik-Spezialisten Swiss Side. Das Gesamtgewicht beträgt sehr gute 7,2 Kilogramm.

Erfreulich für Hobbyfahrer: Decathlon montiert am RCR Pro zwar eine Semi-Kompaktkurbel, fängt die recht dicke 52/36-Übersetzung aber hinten mit einem 11-34er-Ritzelpaket auf, sodass es an steileren Abschnitten nicht die Wattwerte eines Profis braucht, um die Kurbel rumzukriegen.

Shimano Dura-Ace im Detail

Als unangefochtener Marktführer bestimmte Shimano die technische Entwicklung von Rennrad-Komponenten über Jahrzehnte fast im Alleingang. Die Japaner brachten mit der Di2 die erste elektronische Schaltung auf den Markt. Die aktuelle, vierte Generation ist die erste mit Funkübertragung und unter den drei Wettbewerbern am längsten auf dem Markt, die Einführung war 2022. Das unübertroffene Schaltverhalten setzt im aktuellen Wettbewerb immer noch Maßstäbe, auch wenn die Unterschiede kleiner geworden sind.

Weitere Stärke der Japaner: Eine effiziente und ausgefeilte Metallverarbeitung. Auch an der teuersten Ausführung findet sich wenig Carbon, das Gewicht der Dura-Ace ist trotzdem konkurrenzfähig. Die effiziente Fertigungstechnik und identische Verschleißteile für Rennräder und Mountainbikes schlagen sich auch in den Preisen nieder: Gruppe und Ersatzteile sind 20 bis 30 Prozent günstiger als bei der Konkurrenz.

Der Dura-Ace Antrieb

Im Vergleich zu den Wettbewerbern ist die Auswahl an Übersetzungen vergleichsweise gering: Die Standard-Kassette mit 11-30 Zähnen ist extrem fein abgestuft, zweite ­Option ist eine Bergkassette mit 11-34 Zähnen. Damit lässt sich maximal eine 1:1-Übersetzung realisieren. Neben der traditionellen Kompaktkurbel mit 50/34 gibt es noch eine sportliche 52/36; Profis fahren 54/40. ­Die Kassetten passen dank des größeren ­Anfangsritzels (SRAM und Campagnolo ­beginnen mit zehn statt elf Zähnen) auf den Standard-HG-Freilauf und damit auch auf ältere Laufräder; Einschränkungen bei der Laufradwahl gibt es damit nicht.

Geheimnis sind über Jahrzehnte verfeinerte, perfekt aufeinander abgestimmte Ritzel und Ketten. Auch der vordere Umwerfer arbeitet beeindruckend schnell und präzise in allen Situationen - besser geht es derzeit nicht. Die Schaltung lässt sich simpel und intuitiv einstellen.

Bedienung und Ergonomie

Die Anordnung der Schaltknöpfe hinter den Bremshebeln geht auf Shimanos Schaltlogik der mechanischen Systeme zurück: Der vordere Knopf wechselt auf ein größeres Ritzel oder Kettenblatt, der hintere auf ein kleineres.­ Wer die mechanischen Shimano-Hebel noch gewohnt ist, kommt damit schnell zurecht. ­Alternativ lassen sich die Tasten umprogrammieren oder eine Automatik einstellen.

Die Dura-Ace Scheibenbremsen

Die Shimano-Disc spricht sensibel an und lässt sich gut dosieren. Bei leichten Bremsungen benötigt sie etwas mehr Handkraft als Campa­gnolo und SRAM. Doch im Ernstfall steht auch bei der Dura-Ace (und der etwas günstigeren Ultegra) viel Bremskraft zur Verfügung, weil ein integrierter Bremskraftverstärker mit zunehmendem Hebelweg immer mehr Bremsleistung herausholt.

Eine Schwäche sind die leichten Bremsscheiben mit Aluminiumkern. Bei Nässe sind sie anfällig für Quietschgeräusche. Bei starken Bremsungen können sie anschließend leicht an den Belägen schleifen. Schwere Athleten sollten auf Vollstahlscheiben setzen, denn ­uneingeschränkt standfest ist die Sandwich-Konstruktion nicht.

App & Zusatzfunktionen

Die Shimano-App zeigt sich nutzerfreundlich und bietet viel: Die Schaltung ist schnell gekoppelt, per Smartphone lassen sich dann die Schaltung einstellen, Knöpfe neu belegen oder Schaltautomatiken festlegen. Zusatzknöpfe auf dem Höcker der Schaltgriffe können mit Funktionen belegt werden, zum Beispiel für die Bedienung von Garmin- oder Wahoo-Computern. Im Detail ist die Menüführung etwas umständlich, bietet aber mehr Individualisierungsoptionen als die Konkurrenz.

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