Rennradsattel im Test: Komfort, Performance und Innovation

Beim Thema Rennradsattel verblüfft die Vielfalt, die sich dem komfortinteressierten Käufer bietet. Zwar gibt es nach wie vor ultraleichte »Folterbänke«, wie man sie von früher kennt. In den letzten dreißig Jahren, seitdem der Mountainbike-Boom der Neunzigerjahre für einen ordentlichen Innovationsschub auch bei den Sätteln sorgte, hat sich jedoch viel getan. Der Markt ist größer geworden, die Hersteller haben diversifiziert.

Genauso könnte man aber auch sagen, es gäbe keine eklatanten Unterschiede bei Sofasesseln - zudem ist der Sattel neben Lenkergriffen und Pedalen das entscheidende Verbindungsteil zwischen Fahrer und Fahrrad und trägt damit nicht unwesentlich zum Gelingen einer Tour bei. Wie so oft bei Fahrradausrüstung ist mehr ausgeben immer möglich - es gibt auch ultraleichte Carbonsättel für mehr als 400 Euro, die dann sogar die 100-Gramm-Grenze locker knacken.

Kaufberatung: Was ist wichtig bei einem Rennradsattel?

Bei Sätteln für Rennräder gibt es einige Faktoren zu beachten - wir haben uns auf Form, Breite, Gestänge und Polsterung konzentriert. Und doch werden die Sattelentwickler nicht müde, auch hier zu experimentieren. Das Ergebnis ist eine Vielfalt an Sattelformen.

Form und Breite

Wir schrieben bereits über die Form - die Sattelbreite ist unmittelbar damit verbunden. Bereits vor einem Vierteljahrhundert machten sich Hersteller wie SQlab und Specialized daran, ihre Sättel in verschiedenen Breiten anzubieten. Der Grund ist einleuchtend: Nicht jedes Gesäß ist schließlich gleich.

SQlab entwarf einen speziellen Hocker, mit dessen Hilfe der Abstand der Sitzknochen bestimmt werden kann. Hokuspokus, dachten viele am Anfang - doch die Breitenauswahl entsprechend den Sitzknochen macht speziell bei Radfahrern, die buchstäblich viel im Sattel sitzen, durchaus Sinn. Denn der Komfortunterschied in Sachen Sitzposition zu einem Standardsattel ist, zumindest bei richtiger Auswahl, frappierend.

Sattelgestänge

Sattelgestänge ist nicht gleich Sattelgestänge! Wie bei anderen gewichtskritischen Fahrradteilen auch bestehen die dünnen Stangen, mit denen Fahrradsättel auf der Sattelstütze befestigt werden, aus den unterschiedlichsten Materialien. Allen Materialien ist gemein, dass sie relativ verwindungssteif sind und die Schläge, die auf den Sattel einwirken, abfedern bzw.

Polsterung

Polster ist nicht gleich Polster: Das gilt nicht nur beim Sofa. War vor 20 bis 30 Jahren, wie bei Laufschuhen auch, ein Gel-Einsatz der große Hit, ist es heute statt Gel eher eine ausgeklügelte Schaumstoffpolsterung aka »Memory Foam«. Weniger empfehlenswert sind Sättel, die komplett aus einem Material aufgeschäumt wurden.

Die Testkandidaten im Detail

Fizik Vento Antares R5

Fizik zeigt mit dem Vento Antares R5, dass es inzwischen ein routinierter Player auf dem Rennradsattel-Markt ist. Die Italiener können einfach Sattel - bei der Anzahl an Stunden, die die Radfahrernation auf Fahrrädern aller Art verbringt, kein Wunder. Dass Fizik besonders bei innovativem Design die Nase recht weit vorn hat, gilt nach wie vor und auch für den Vento Antares R5.

Zusammen mit der Wingflex-Technologie, bei der sich die »Ecken« des Sattels der Fahrbewegung anpassen, gehört der Vento Antares R5 darüber hinaus zu den komfortabelsten Rennradsätteln im Test. Beim Gestänge gibt Fizik lediglich »Alloy« an, was so viel wie Legierung heißt. Nicht zuletzt ist der Vento Antares R5 ein sehr breit einsetzbares Sattelmodell. Egal, ob Gelegenheitsrennradler oder ambitionierter Halbprofi, mit dem Sattel unterwegs zu sein, macht einfach Spaß. Der Sattel ist ein komfortabler Allrounder, der mit einer guten Dämpfung und vor allem einem fairen Preis punkten kann. Derzeit gibt es noch keine ausführlichen Testergebnisse für unseren Testsieger, den Vento Antares R5.

Pro Stealth Curved Team

Sehr leichter, schön verarbeiteter und innovativer Rennradsattel für State-of-the-Art-Fans. Pro, ein Tochterunternehmen von Shimano, bringt mit dem Stealth Curved Team einen kompromisslos auf Rennrad-Performance frisierten Sattel auf den Markt. Newcomer Pro aus Taiwan hat mit dem Stealth Curved Team einen innovativen, leichten und sehr schön verarbeiteten Sattel für gewichts- und leistungsorientierte Rennradler im Programm.

Mit mageren 164 Gramm richtet sich der Sattel also an Rennradfahrer, die das Gewicht ihres Rads auf ein Minimum drücken wollen. Das Carbongestänge und der Verzicht auf zu viel technischen Schnickschnack drückt das Gewicht auf magere 164 Gramm - das ist Rekord im Test. Trotzdem ist die EVA-Polsterung komfortabel genug, um auch auf langen Ausritten Spaß zu haben und dabei nicht zu weich. Ein schwammiges Gefühl, wie wir es bei vielen günstigeren Satteln verspürt haben, kommt jedenfalls nicht auf - und auch keine dadurch verursachten unangenehmen Druckstellen. Die große Aussparung sorgt für spürbare Entlastung - kein Hokuspokus eben.

Ein echter Hingucker ist das wunderbar verarbeitete und in den In-Mould-Überbau eingefügte Carbongestell - dem in Taiwan hergestellte Sattel macht in Sachen Verarbeitung auch die etablierte italienische Konkurrenz so leicht nichts vor.

SQlab 612 Ergowave S-Tube

SQlab zeigt mit dem 612 Ergowave S-Tube, wie ein komfortabler, leichter und durchdachter Multifunktionssattel auszusehen hat. SQlab ist schon seit Jahrzehnten ein Begriff für ergonomische Fahrradausrüstung - speziell mit komfortablen Griffen und Sätteln hat sich das Unternehmen aus Taufkirchen bei München einen Namen gemacht.

Im Test erledigt der 612 Ergowave erstaunlich unauffällig seinen Dienst. Genau so soll es sein - hier drückt und zwickt nichts, hier bilden sich keine unangenehmen Knicke oder Scheuerzonen, das Gewicht verteilt sich optimal. Auffällig ist die S-Form des Sattels. Das Heck liegt deutlich höher als die Front, dazwischen liegt eine »Mulde« von SQlab liebevoll »Dip« getauft.

Dass sich SQlab als eine der ersten Firmen im Sattel-Sektor auf die Konstruktion von »Gesundheitssätteln« spezialisiert hat, fällt jedenfalls auf. Egal ob Kurz- oder Langstrecke, egal ob Rennrad oder Mountainbike, der 612 ist ein überaus komfortabler Allrounder, der Lust auf mehr macht. Zwar ist der in vier Breiten erhältliche Sattel nicht ganz günstig, dafür erhält man für rund 140 Euro ein rundum ausgereiftes Produkt. Für SQlab typisch ist auch die große Breitenauswahl. Den Sattel gibt es in 12, 13, 14 und 15 Zentimetern Breite.

Ergon SR Allroad Core Comp Men

Will man einen echten Gentleman unter den Sätteln, kommt man nur schwerlich um den Ergon SR Allroad Core Comp Men herum. Ergon setzt beim SR Allroad Core Comp auf Technik aus dem Hause BASF. Richtig gelesen, der Chemieriese aus Mannheim hat seine Fühler schon lange auch Richtung Outdoor-Markt ausgestreckt.

Bei einem flüchtigen Blick unterscheidet sich der Ergon SR Allroad Core Comp wenig von Modellen wie dem SQlab oder Terry. Bei genauerer Betrachtung fällt zudem die Zwischenschicht zwischen Obermaterial und Unterbau auf. Hier kommt das bereits erwähnte »Infinergy«-Material zum Einsatz, das beispielsweise auch bei Adidas-Laufschuhen verwendet wird. Es sorgt für eine »vollflächige Stoßabsorption«, wie es Ergon nennt. Das merkt man schon beim ersten Draufsetzen. Der Sattel öffnet komfortbewussten Rennradlern und Nutzern anderer Fahrradarten Tür und Tor zu Touren aller Längen.

Der immerhin fast 300 Gramm schwere Sattel (ein leichteres Pro-Modell ist erhältlich), birgt einen erstaunlich satten Sitzkomfort. Nicht zuletzt hat uns begeistert, dass der SR Allroad Core Comp so wunderbar unauffällig seinen Dienst verrichtet - ganz ohne Starallüren. Im Gegensatz zu leichteren Sätteln kann man ihn durchaus auch mal ohne Fahrradhose mit Sitzpolster fahren. Deshalb haben wir ihn im Test auch schnell für den Alltagseinsatz lieb gewonnen.

Decathlon Fahrradsattel Unisex Light 145 mm

Der Decathlon Fahrradsattel Unisex Light 145 mm ist unser Tipp für Sparfüchse. Der Decathlon Fahrradsattel Unisex Light 145 mm bietet ein Rundum-Sorglos-Paket für sportlich orientierte Einsteigerinnen und Einsteiger. Der relativ straff abgestimmte Sattel richtet sich an Rennradfahrer und Mountainbiker gleichermaßen.

Zum Rennradfahren eignet er sich deutlich besser, mit wenig mehr als 250 Gramm ist der Decathlon für einen Sattel dieser Preisklasse auch (noch) angenehm leicht. Der modern geformte Sattel eignet sich für Frauen und Männer gleichermaßen und wird in zwei Breiten angeboten. Auch das Gewicht geht für diese Preisklasse in Ordnung: 255 Gramm zeigt unsere Waage trotz des Cro-Mo-Gestänges an.

Was das Design und den Sitzkomfort angeht, steht der Decathlon teureren Sätteln nur unwesentlich nach. Man merkt, dass Decathlon sich speziell bei der Sattelform bei den großen Herstellern etwas abgeschaut hat - das ein- oder andere Detail erinnert an die ebenfalls im Juni 2024 zum Test hinzugestoßenen Fizik Vento Antares R5. Somit verfügt der Sattel über wenig technische Details, die einen vom Hocker hauen oder als Alleinstellungsmerkmal gelten dürfen.

Natural Fit Nuance Road

Nur 170 Gramm bringt der Natural Fit Nuance Road auf die Waage - ein toller Wert angesichts dessen, was der Sattel bietet. Wir setzen den Sattel auf Strecken bis 130 Kilometern ein. Natural Fit stattet den Sattel mit seiner Flex-Motion-Split-Sattelschale aus, die unangenehme Reibung an der Innenseite der Oberschenkel vermeiden soll - das können wir unterschreiben. Uns hat der hohe Komfort verblüfft, das Sitzfleisch beschwert sich auch bei langen Touren nicht wegen zu hoher Belastung.

Ergon SR Pro Carbon Men

»Fördert Männergesundheit« lesen wir im Produkttext von Ergon über den SR Pro Carbon Men - das lässt sich auf vielerlei Weise interpretieren. Wir überlegen nicht lange und starten auf eine längere Ausfahrt - und sind sofort angetan. Das etwas hochgezogene Heck stützt den Lendenwirbelbereich auf angenehm unauffällige Weise, das, was Ergon mit »Männergesundheit« meint, fühlt sich ebenfalls gut an. Gelungen ist auch das Carbongestänge, trotz der insgesamt recht straffen Abstimmung macht die Druckverteilung einen hervorragenden Eindruck, was an Ergons Ortho-Cell-Einsätzen liegen dürfte. Wie viele andere Sättel wird auch der SR Pro Carbon in zwei Breiten angeboten, im Test hatten wir die (breitere) Variante M/L. Beinahe hätten wir den Pro Carbon Men zum Testsieger gekürt.

Bontrager Arvada Elite

Bontrager und Sättel? Als wir uns daher vor einigen Jahren für einen Sattel der Marke Bontrager entschieden haben, damals ein Vorgänger des Arvada Elite, waren wir von der Performance des Sattels positiv überrascht. Der Hersteller hat einen schönen Mittelweg zwischen Komfort und straffer Abstimmung gefunden - ohne viel Hokuspokus.

Im Test setzen wir den in drei verschiedenen Breiten erhältlichen Sattel von Bontrager auf einigen MTB- und Rennradtouren bis etwa 80 Kilometer Länge ein und erfreuen uns seines homogenen Sitzkomforts. Hier ist nichts zu weich, aber auch nichts zu hart. Sofort können wir uns vorstellen, den Sattel auch auf der Langstrecke weit jenseits von 100 Kilometern einzusetzen.

Fizik Tempo Aliante R5

Wie sein »Bruder« Vento Antares R5, der im Test eine Empfehlung bekommen hat, stellt der Tempo Aliante R5 ein gelungenes und vor allem bezahlbares Stück Satteltechnik des italienischen Rennrad-Ausstatters Fizik dar. Im Gegensatz zum Vento richtet sich der Tempo eher an die Ausdauer-Fraktion. Was die »Hardware« oder das Innenleben angeht, unterscheiden sich die beiden parallel im Juni 2024 getesteten Sättel nicht.

Terry Fly Arteria Men

Der Terry Fly Arteria Men war der erste Sattel, den wir unter die Lupe nahmen. Der 79,90 Euro (UVP) teure Sattel, der mit einem robusten Chrom-Molybdän-Gestänge angeboten wird, durfte uns gleich mal bei einer höhenmeterreichen Alpenüberquerung mit einem Brompton-Klapprad begleiten. Kurz gesagt, wir waren auf Anhieb begeistert - und wollten den Sattel gar nicht mehr wechseln.

Terry ist schon ein paar Jahre auf dem Markt und hat an seinen Produkten gefeilt. Im Falle des Fly Arteria Men ist ein sehr komfortabler, ausgewogen gedämpfter und nicht zu schwammiger Sattel herausgekommen, der eine breite Käuferschicht anspricht. Zwar gehört er mit seinen 255 Gramm nicht zu den leichtesten Satteln, dafür ist die Verarbeitung sehr hochwertig und das Preisniveau mehr als angemessen. Der deutsche Hersteller Terry empfiehlt den Sattel für den Einsatz auf dem Rennrad als auch auf dem Mountainbike - dieser Empfehlung können wir folgen.

Pro Stealth Sport AF

Der Pro Stealth Sport AF ist sozusagen der kleine Bruder des ebenfalls getesteten und prämierten Stealth Curved Team. Statt des Carbongestänges beim großen Bruder kommt hier Stahl zum Einsatz, die Polsterung besteht aus Polyurethan (beim Stealth Curved Team ist es hochwertigeres EVA).

Rose Race R1

Radsport-Vollausstatter Rose bringt mit dem Race R1 ein Budget-Modell auf den Markt, der die Konkurrenz rein preislich ordentlich unter Druck setzt. Gleich der erste Blick auf die Produktdetails im Netz offenbart, dass Rose den Sattel nicht speziell für Rennradfahrer, sondern in erster Linie für den Einsatz auf dem MTB konstruiert hat. »Auch für Road-Einsätze bestens geeignet« schreibt Rose - die Betonung sollte unserer Meinung nach auf »auch« und weniger auf »bestens« liegen. Für den reinen Rennradeinsatz ist der Sattel unserer Meinung nach nur bedingt, und wenn, dann nur für Einsteiger geeignet. Die Druckverteilung ist für längere Strecken nicht ganz optimal.

Zwar gibt es den Sattel in zwei verschiedenen Breiten, auf unseren beiden 75 bzw. 50 Kilometer langen Teststrecken hätten wir uns jedoch eine etwas bessere Entlastung der Sitzknochen und eine ausgewogenere Dämpfung gewünscht.

Wittkop Medicus Twin 7.0

Der Wittkop Medicus Twin 7.0 hat uns überrascht. Um dem Wittkop ein wenig auf die Sattelstreben zu klopfen, montieren wir ihn aufs Rennrad und testen ihn auf dem Rollentrainer - kurz nachdem wir mit dem Fizik Vento Argo R5 einen deutlich teureren Sattel testeten. Gleich mehrere Tage lassen wir den Wittkop anschließend auf dem Trekkingrad und nehmen Fahrten bis 30 Kilometer unter die Reifen.

In diesem Distanzbereich fühlt sich der günstige Sattel wohl - für längere Distanzen würden wir hingegen zu einem technisch ausgereifteren Modell wie dem Terry raten.

Specialized Phenom Expert

Im Testfeld liegt der Specialized Phenom Expert mit seiner UVP von 150 Euro im obersten Preissegment. Für diese Investition bekommt man ein sehr sauber und ordentlich verarbeitetes Produkt - man merkt, dass Specialized mit den Jahren eine umfangreiche Expertise im Bereich ergonomischer Fahrradsättel aufgebaut hat.

Der Phenom Expert hat eine carbonverstärkte Schale mit leicht flexiblen Kanten, ein Gestell aus Titan und bietet durch die PU-Schaumstoffpolsterung einen für unseren Geschmack guten Kompromiss zwischen Komfort und Kontrolle. Auch bei der Oberfläche gelingt Specialized der Spagat zwischen reibungsarm und nicht zu rutschig, sehr gut.

Clever gelöst: Zwei in dem hinteren Bereich der Sattelschale eingearbeitete Gewinde ermöglichen das direkte Anschrauben von SWAT-Zubehör (z. B. die Bandit-Schlauchhalterung und Reserve-Rack-Flaschenhalterung).

Die Bedeutung des Sattels für die Leistung

Es kann jeden treffen, selbst einen Grand-Tour-Sieger wie Jai Hindley: Im Jahr vor seinem Giro-d’Italia-Erfolg beendete er die Rundfahrt vorzeitig. Der Grund: Sitzprobleme. Ein Sattel ist entscheidend für das Wohlbefinden auf dem Fahrrad. Im besten Falle spürt man ihn kaum. Welches Modell zu welchem Fahrer passt, ist eine entscheidende Frage. Die Antwort ist jedoch: eine individuelle Lösung.

Spezifische Eigenschaften von Rennradsätteln

Rennrad-Sättel sind speziell. Sie unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von Modellen anderer Rad-Kategorien. Wer mehrere Stunden am Stück auf dem Sattel sitzt, nimmt dabei häufig wechselnde Sitzpositionen ein - je nach dem Streckenprofil und der gewählten Intensität. Zudem sind sie meist deutlich härter, weniger stark gepolstert und mehr oder weniger stark gewichtsoptimiert. So wiegt das leichteste unserer Test-Modelle, der „Komm-Vor“ von Tune, weniger als 100 Gramm.

Die meisten der Test-Sättel sind in die Kategorien Allround-, Gravel- und Allroad-Modell einzustufen. Auffallend ist die inzwischen enorme Vielfalt an Sattel-Formen. Eher selten findet man Sättel mit einer durchgehend flachen Decke. Die allermeisten Sättel weisen eine geschwungene Linienführung auf. Meist ist das Heck etwas höher als die Spitze. Diese eine Sattel-Form ergibt Sinn, wenn man gerne weiter hinten sitzt. Die Spitze läuft bei den meisten Modellen recht „gerade aus“.

Polsterung und Komfort

Dass eine dickere Polsterung viel Komfort bringt, klingt logisch - trifft jedoch bei Rennradsätteln in den meisten Fällen nicht zu. Je dicker und weicher das Polster ist, desto größer ist das Risiko, dass es sich während langer Fahrten „durchsitzt“. Ein Beispiel: Der Komm-Vor vom deutschen Hersteller Tune. Er besitzt keinerlei Polsterung, blieb im Test aber dauerhaft komfortabel. 3D-gedruckte Sättel sind dagegen meist „dicker“ gepolstert.

Sattellänge und Bewegungsfreiheit

Insgesamt lässt sich beobachten: Die Sättel werden immer kürzer. Nur ein Sattel in diesem Test ist länger als 270 Millimeter. Das liegt beim Repente Artax auch an dem weit ausladenden Heck. Für die Sitzposition hat es jedoch keine Bedeutung. Drei der Test-Modelle sind kürzer als 250 Millimeter, der Power Mirror von Specialized ist sogar nur 240 Millimeter lang. Die Vermutung, dass man dadurch im Wechsel seiner Sitzpositionen eingeschränkt wird, können wir nicht bestätigen. Es ist dennoch möglich auf der Sattel-Spitze zu fahren. Vielmehr verhilft die kürzere Form oftmals zu einer erhöhten Bewegungsfreiheit und einer besseren Hüftrotation.

Damit sind solche Sättel insbesondere dann interessant, wenn man oft und lange mit weit vorgebeugtem Oberkörper oder in der Unterlenker-Haltung fährt.

Sattelbreite und Sitzkomfort

Die Sattel-Breite hat einen maßgeblichen Einfluss auf den Sitzkomfort - und damit auch auf die Leistung über längere Strecken. Das Messen des Sitzknochen-Abstands vor dem Sattel-Kauf bietet oftmals Optimierungspotenzial. Die „Do-it-yourself-Variante“: Man setzt sich auf ein Stück Wellpappe und misst den Abstand der beiden Eindrücke von der einen zur anderen Mitte. Dementsprechend sucht man sich die passende Sattel-Breite aus. Je nach dem Hersteller variiert das Angebot von einer bis zu fünf verschiedenen Breiten. Die Zeiten der sehr schmalen Sättel scheinen vorbei zu sein.

Dammbereich und Blutfluss

Seit Jahrzehnten arbeiten die Sattel-Ingenieure daran, den Dammbereich zu entlasten. Das Ziel ist dabei, den Blutfluss durch die dort verlaufenden Gefäße aufrecht zu erhalten und damit Taubheitsgefühle zu verhindern. Eine Vertiefung oder gar eine komplette Aussparung kann, muss aber keine Erleichterung bringen. Es besteht die Gefahr, dass sich der Druck auf die Randbereiche der Aussparung verteilt. Ein anderes Konzept: SQLab setzt auf eine abgesenkte Sattel-Nase, die nach vorne mehr Freiraum lassen soll.

Die Technologien der Sattelhersteller

Mit der Anmeldung zu einem 24-Stunden-MTB-Rennen habe ich mich immer intensiver mit der Thematik beschäftigt und wurde neugieriger auf die Technologien der Sattelhersteller. Mein Ziel war es, eine stabile Beckenposition zu finden, bei der Reibung reduziert, die Durchblutung gewährleistet und eine optimale Kraftübertragung auf die Pedale stattfindet. Das Thema ist wahnsinnig umfangreich, allein schon wenn man bedenkt, dass Faktoren wie Material, Polsterung, Breite, Feinjustierung der Position, Anatomie, Körperhaltung und subjektives Empfinden eine Rolle spielen.

Specialized Phenom Pro mit Mirror Technologie

Der Specialized Phenom Pro mit Mirror - ein Sattel, der mir nach ein paar hundert Kilometern klar gezeigt hat: So fühlt sich Komfort ohne Kompromisse an. Ich war wirklich super skeptisch eingestellt. Selbst als die ersten 50 km bequem zu fahren waren, hatte ich immer noch Bedenken bezüglich des Endergebnisses. So habe ich das Ganze einmal auf die Spitze getrieben und bin immer längere Trainingseinheiten mit dem Sattel gefahren. Der Sattel wurde von mir sowohl auf dem MTB als auch auf dem Rennrad getestet. Obwohl die Empfehlung von Specialized nicht einmal explizit für das Rennrad beschrieben ist, war ich mehr als zufrieden.

Um ehrlich zu sein, war ich überglücklich und erleichtert, endlich eine Lösung für mein „Druck-Problem“ gefunden zu haben. Diese Aussage gilt für den Test mit dem MTB sowie dem Rennrad. Nach dieser langanhaltenden Belastung über so viele Stunden habe ich natürlich auch meine Sitzknochen etwas gespürt, aber das ist wohl kaum zu vermeiden. Ich habe mich gefragt, warum genau dieser Sattel die Lösung für mein Problem war. Was steckt dahinter, und vor allem, was ist das Geheimnis an diesem Sattel?

Die Technologie im Detail

MIMIC-Technologie: Diese Technologie bedient sich verschiedener, geschichteter Materialien, um das Weichgewebe gleichmäßig abzustützen und eine Anschwellung zu verhindern. Mirror-Technologie: Die komplexe Wabenstruktur der Mirror-Technologie wird durch den 3D-Druck eines flüssigen Polymers erzeugt und passt sich perfekt an die individuelle Anatomie an. Im Gegensatz zu herkömmlichem Schaumstoff ermöglicht die Mirror-Technologie, unterschiedliche Dichten innerhalb der Matrix zu schaffen.

Carbon Rails (Hohlstreben): Die Pro-Version verwendet hohle Carbonstreben für geringeres Gewicht und gute Dämpfungseigenschaften. Die Praxis der Profis sagt absolut stabil, und auch meine Erfahrung unterstreicht das. Ich wiege 61 kg und bin mit über 60 km/h über groben Schotter und durch Schlaglöcher geknallt, und der Sattel hat standgehalten. Zudem nutzt der Sattel die patentierte Body Geometry-Technologie zur Förderung der Durchblutung.

Specialized S-Works Power Mirror

Nach Fizik stellt jetzt auch Specialized einen 3D-gedruckten Sattel vor. ROADBIKE hat den Power Mirror Sattel getestet. Anders als bei herkömmlichen Sätteln besteht die Sitzfläche nicht aus Schaumstoff. Stattdessen wird ein flüssiges Polymer zu einer Wabenstruktur "gedruckt", wie auch beim Fizik Antares Versus Evo 00 Adaptive, der Anfang 2020 auf dem Markt kam.Dank des 3D-Drucks soll es möglich sein, die Druckverteilung auf dem Sattel ganz genau zu bestimmen. Denn anders als bei Schaumstoff, der überall den selben Widerstand bietet, lässt sich das 3D-Material so strukturieren, dass die Oberfläche an verschiedenen Stellen unterschiedlich hart ist. Laut Specialized ist es so gelungen die Belastung der Sitzknochen besser über den Sattel zu verteilen und Druckspitzen zu vermeiden.In 155 mm Breite bringt der Power Mirror 194 Gramm auf die Waage.

Empfehlungen für die Sattelwahl

Hier sind einige Tipps, die bei der Auswahl helfen können:

  • Ausprobieren: Nutzen Sie Aktionen wie „30 Tage Geld zurück“ oder „den Sattel kostenlos zwei Wochen lang testen“.
  • Passform geht vor Gewicht: Gerade beim Sattel sollte das Gewicht für die meisten keine übergeordnete Rolle spielen.
  • Die Sattelform ist entscheidend: Je besser diese zum eigenen Körper passt, desto geringer kann theoretisch auch die Polsterung ausfallen.
  • Die Polsterung ist nicht zwingend entscheidend: Dicke Polsterungen sind nicht automatisch komfortabel. Und umgekehrt ist es genauso.
  • Die richtige Wahl der Breite: Nahezu jeder Hersteller hat unterschiedliche Sattelbreiten im Programm. Der Sitzknochenabstand unterscheidet sich von Mensch zu Mensch.

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