Shimano Scheibenbremsen Modelle im Vergleich

Eine Bremse ist ein komplexes Bauteil, doch eigentlich hat sie nur eine Aufgabe zu erfüllen: Wenn man es möchte, muss sie einen sicher abbremsen und gegebenenfalls zum Stehen bringen. Genau diesen Anspruch haben wir bei unserem Test an jede Bremse gestellt.

Optisch wie technisch hat sich doch so einiges an den Bremsanlagen verändert, etwa eine automatische Belagsnachstellung, teilweise werkzeuglose Druck- und Hebelweitenverstellung, verschiedenste verfügbare Bremsbelagsmaterialien, Bremsscheibengrößen je nach Einsatzbereich von 140 bis mittlerweile 225 Millimeter Durchmesser, Bremsscheiben in unterschiedlichsten Materialausführungen, statt DOT Bremsflüssigkeit oder Mineralöl kommen mittlerweile auch schon Bio Öle zum Einsatz … um nur einige der Veränderungen aufzuzählen.

Um die Verzögerung aller Bremsen vergleichen zu können, wurde jede mit einer 200/203 Millimeter Scheibe bestückt.

Testverfahren

Unsere Teststrecke hat bestimmt schon 100 verschiedene Bremsen, Beläge, Scheibengrößen etc. gesehen. Die Strecke ist etwa drei Kilometer lang, man legt dabei 240 Tiefenmeter zurück, und der Untergrund ist asphaltiert. Mit jeder Bremse absolvierten wir mehrere Abfahrten. Nach dem Einbremsen führten wir Bremsungen bei 30 bis 70 km/h durch. Anschließend musste sich jede Bremse bei einer Dauerbremsung von oben bis unten beweisen.

Einzelne Modelle im Detail

Magura MT7

Die MT7 kann mit Loïc Bruni, einem der schnellsten Downhiller, werben. Zudem hat man für den bzw. mit dem mehrfachen Weltmeister auch einen extra Bremshebel entworfen. Doch nicht nur die Stars haben bei Magura die Möglichkeit des Customizing, sondern jeder Kunde. Mit den Storm HC, MDR-P bzw. -C stehen alleine schon drei verschiedene Scheibentypen zur Auswahl, die mit drei unterschiedlichen Belägen kombiniert werden können. Für die farbliche Anpassung gibt es verschiedene Cover, Blenden am Bremssattel, und natürlich gibt es auch verschiedene Bremshebel.

Der Powerstopper hat einen vergleichsweise weicheren Druckpunkt, überzeugt uns aber mit einer hohen Leistung und Standfestigkeit. Erst bei Vollbremsungen über 60 km/h setzt merkliches, wenn auch nicht hohes Fading ein. Der Dauerbremsung zeigte die MT7 ihre „kalte Schulter“ und unterstreicht so ihre Zuverlässigkeit. Auffällig ist, dass die Bremse gerne zum Schleifen neigt, auch wenn der Bremssattel exakt ausgerichtet ist. Der Hebel lässt sich in einem weiten Bereich und somit gut für alle Handgrößen einstellen.

Die Bremse überzeugt im Test mit einer hohen Leistung und Standfestigkeit. Kleiner Kritikpunkt ist, dass sie zum Schleifen neigt.

Hope Tech 3 E4

In puncto Individualisierung und Exklusivität ist Hope klar der Spitzenreiter. Sechs Eloxalfarben stehen bei Bremsscheibe bzw. Bremsanlage zur Auswahl, doch selbst in Schwarz oder Silber sind die CNC gefrästen Bauteile ein Hingucker. Bremsscheiben gibt es ab der kleinen 140er bis hin zur großen 225er. Trotz der brachialen Optik und des verhältnismäßig günstigen Preises fällt das Gewicht der Tech 3 E4, insbesondere von Bremshebel und -sattel, sehr gering aus.

Der Tech 3 Hebel bietet sämtliche Einstellmöglichkeiten, alles per Rändelschraube und ohne Werkzeug. Der Bremshebel ist ergonomisch geformt, liegt aber etwas „kantiger“ in der Hand. Eine individuelle Einstellung ist gut möglich. In puncto Leistung kommt die Hope nicht auf das Niveau der anderen Stopper, Fading war aber keines bzw. nur kaum zu spüren. Der Dauerbremsversuch lieferte identische Eindrücke.

Hope hat mit der Tech 3 E4 eine der leichtesten, individuellsten und auch günstigsten Bremsen im Test.

Hayes Dominion A4

Die Dominion A4 ist bereits seit 2018 auf dem Markt und hat einige Features zu bieten. Der Bremssattel verfügt über zwei Entlüftungs Ports und kann separat gespült werden. Zudem gibt es am Sattel die sogenannte Crosshair Technology, die ein schleiffreies Ausrichten erleichtert. Erwähnenswert ist noch, dass man beim Kauf zwischen einem langen bzw. kurzen Bremshebel, je nach Vorliebe und Handgröße, wählen kann. Serienmäßig kommt die Bremse mit dem semimetallischen Bremsbelag, der gesinterte metallische Belag ist aber im Lieferumfang.

Die Ergonomie des Hebels ist gut, die Einstellung der Weite groß und für alle Handgrößen geeignet. Die Bremsleitung im Praxistest hat uns voll überzeugt - die Dominion A4 liefert mit die meiste Power. Selbst bei Vollbremsungen bei ca. 65 km/h war kaum ein Fading vorhanden, Geräusche blieben aus. Erst bei der Dauerbremsung fing sie gelegentlich an zu singen und der Druckpunkt wanderte dabei merklich. Die Standfestigkeit war aber über den gesamten Testverlauf gegeben.

Die Dominion A4 von Hayes hat uns beim Test mit hoher Leistung, guter Standfestigkeit und angenehmer Ergonomie überzeugt. Sie zählt klar zu unseren Favoriten.

Sram Code RSC

Natürlich steht die Optik einer Bremse erst mal hinten an, doch wenn andere Kriterien ausgewogen sind, kann man sich auch davon leiten lassen. Die Code RSC mit ihren Oil slick Schrauben ist definitiv ein Hingucker. Für das Lenkerklemmsystem Matchmaker X gibt es mittlerweile sämtliche Adapter oder Hebel, und alles lässt sich an dieser einen Schelle sauber montieren. Am Hebel selbst kann man Hebelweite und Druckpunkt individuell und in großen Bereichen einstellen. Einzig beim Gewicht hat die Konkurrenz die Nase vorne.

Die bunt schillernde Code brauchte deutlich mehr Einbremszeit, bis sie ihre volle Leistung entfaltete. Dann jedoch war ordentlich Bremspower vorhanden; selbst bei einer Vollbremsung aus 65 km/h war kaum Fading zu spüren. Das Dauerbremsen war die Disziplin der Code - sie überzeugte vollends, ohne jegliche Auffälligkeiten.

Die Schöne und zugleich das Biest - Sram hat mit der Code RSC eine ästhetische, aber auch leistungsstarke Bremse.

Shimano XTR M9120

Die M9120 ist eine Bremse, vollgepackt mit Innovationen. Die Bremsbeläge verfügen zur besseren Wärmeableitung über Kühlrippen, die Kolben sind aus Keramik, und die Servo Wave Technologie am Bremshebel ermöglicht eine effiziente Nutzung des Hebelwegs. Die Bremsscheibe ist in Sandwichbauweise mit einem Aluminiumkern gefertigt, ebenfalls um die Wärmeableitung zu verbessern. Die Scheibe sticht zudem durch ihr geringes Gewicht aus der Masse hervor.

Zur individuellen Anpassung lassen sich am Bremshebel Hebelweite und Druckpunkt einstellen. Top, wie von Shimano Bremsen gewohnt, ist die perfekte Hebelergonomie. Der Druckpunkt ist definiert, die Leistung gut dosierbar und hoch. Bei Vollbremsungen ab 50 km/h aufwärts setzt deutliches Fading ein. Bei diesen Bremsversuchen verschenkte die XTR auch den Testsieg, da sich ein Belag von der Trägerplatte löste. Bei einer Wiederholung des Tests gab es aber keine Probleme mehr. Ein bekanntes Verhalten von Shimano Bremsen ist das merkliche Wandern des Druckpunkts - so auch bei der XTR.

Trickstuff Direttissima

„Made in Freiburg“ ist auf der Innenseite des Bremssattels zu lesen; und auch „Made with love“ würde wohl gut auf der Bremse passen. Es ist schön, die Direttissima an dem Bike zu haben. Die gefrästen Bauteile wirken edel, aber auch minimalistisch. Natürlich lässt sich die Hebelweite verstellen, doch ist für die einmalige Anpassung ein Inbus nötig. Die Farbenvielfalt hat Trickstuff abgelegt - die Bremse ist in Schwarz und/oder Silber konfigurierbar. Passend zur hochwertigen Bremse gibt es die Dächle Scheibe mit der Grad Fase am äußeren Umfang für einen leichteren Radeinbau.

Das Gefühl am Bremshebel ist anders als beim Vorgänger. Der Druckpunkt ist gut definiert, aber nicht mehr so hart. Auch der Hebel ist „runder“ geworden und liegt sehr gut in der Hand. Bei den Vollbremsungen zeigt die Trickstuff eine sehr hohe Leistung. Diese, gepaart mit hoher Standfestigkeit, bedeutet: eine Bremse fürs Grobe und Steile. Einziges Manko ist der Druckpunkt, der zum Ende hin fast ganz nach außen wanderte, was ein Schleifen der Bremse zur Folge hatte. Beim Dauerbremsen zeigte die Bremse ein ähnliches Bild: gute Leistung, standfest, aber mit wanderndem Druckpunkt.

Trickstuff hat sich mit der Direttissima selbst übertroffen. Die Bremse ist sehr edel, lässt sich sehr angenehm bedienen und hat eine hohe Bremsleistung. Bei zunehmender Hitze wandert aber der Druckpunkt.

Weitere wichtige Faktoren

Neben den einzelnen Modellen gibt es weitere Faktoren, die bei der Wahl der richtigen Bremse eine Rolle spielen:

  • Bremsflüssigkeit: Hydraulisch betätigte Bremsen übertragen die Kraft durch eine Flüssigkeit. Derzeit sind zwei Arten von Bremsflüssigkeit vertreten: Mineralöl und DOT.
  • Bremsbeläge: Prinzipiell gilt, dass jeder Bremsenhersteller auch seine eigenen Beläge anbietet. Meist sogar in unterschiedlichen Ausführungen. Zudem sind Nachrüst-Beläge von Drittherstellern verfügbar. Es gibt meist zwei Arten von Belägen: metallische und organische.
  • Bremsscheiben: Die Bremsscheiben für MTB-Bremsen bestehen alle aus Stahl - zumindest die Reibfläche, an der die Beläge anliegen. Die Dicke der Bremsscheiben variiert hingegen und ist vor allem mit der Wärmeableitung gekoppelt.

Shimano-Bremsscheibe Vergleich

Die besten Shimano-Bremsscheiben im Überblick:

Modell Befestigung Bremswirkung Vorteile Nachteile
Shimano SMRT70L Centerlock Besonders gut Besonders leicht, starke Bremsleistung, bessere Wärmeabstrahlung, für Kunstharz- und Metallbeläge Laufen bei sehr hoher Belastung an
Shimano IRTMT800SI RT-MT800 Centerlock Sehr gut Aus rostfreiem Edelstahl, Verschlussring: Innenverzahnung, für Kunstharz- und Metallbeläge, besonders leicht Keine besonders gute Bremswirkung
Shimano RT-EM600 Centerlock Sehr gut Besonders einfache Montage, aus rostfreiem Edelstahl, mit Magnet für Shimano Steps Geschwindigkeitssensor Hohes Eigengewicht, keine besonders gute Bremswirkung
Shimano RTMT900L Centerlock Sehr gut Aus rostfreiem Edelstahl, einfache Montage Hohes Eigengewicht, keine besonders gute Bremswirkung
Shimano SM-RT86M2 6-Loch Sehr gut Aus rostfreiem Edelstahl, für Kunstharz- und Metallbeläge, besonders leicht Kein Centerlock, keine besonders gute Bremswirkung
Shimano SMRT64M Centerlock Sehr gut Aus rostfreiem Edelstahl, einfache Handhabung und Bedienung Keine besonders gute Bremswirkung
Shimano SM-RT76L 6-Loch Besonders gut Besonders gute Bremswirkung, aus rostfreiem Edelstahl Kein Centerlock
Shimano SM-RT10M Centerlock - - -

Checkliste für den MTB-Bremsenkauf

  • Was für ein Bike habe ich? Eine Downhill-Bremse an ein artgerecht eingesetztes XC-Racebike zu schrauben ist so sinnvoll wie Traktorenreifen am Formel-1-Boliden. Umgekehrt gilt das noch viel mehr: Leichte XC-Stopper haben an einem Enduro oder gar einem E-MTB nix verloren.
  • Wo fahre ich? Ist also maximale Standfestigkeit gefragt (lange Abfahrten!), dann gibt es nur ein Rezept, keine Diskussionen: dicke Bremsen, große Scheiben.
  • Was wiege ich? Wer es gefühlvoll liebt, greift zu Stoppern mit feinster Modulation, wer stets im letzten Moment in die buchstäblichen Eisen geht, nimmt die Brachialbremse. Hier lohnt auch Detail-Tuning, etwa bei den Belägen.
  • Was mag ich? Wer es gefühlvoll liebt, greift zu Stoppern mit feinster Modulation, wer stets im letzten Moment in die buchstäblichen Eisen geht, nimmt die Brachialbremse. Hier lohnt auch Detail-Tuning, etwa bei den Belägen.

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