Tony Martin: Eine beeindruckende Radsportkarriere

Radsport-Routinier Tony Martin hat seine Karriere nach der Straßenrad-WM in Flandern beendet. Diese Entscheidung teilten der 36-Jährige und der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) mit. »Eine solch weitreichende Entscheidung fällt einem natürlich nicht leicht. Der Radsport hat den Großteil meines bisherigen Lebens geprägt.

Sein Jahr 2021 war geprägt von Stürzen, zuletzt erwischte es ihn bei der Tour de France. Den Zeitpunkt unmittelbar vor den WM-Rennen mit Ziel in Brügge habe er bewusst gewählt, hieß es. »Es sollte nicht nach einer Frustentscheidung aussehen, wenn er heute nicht das Ergebnis erzielt, dass er sich erhofft«, schrieb der BDR vor dem Zeitfahren am Sonntag.

Nach dem Einzelzeitfahren ging er auch beim Zeitfahr-Mixed an den Start und kämpfte letztmals um WM-Medaillen. Martins Ziel war ein würdiger Abschied auf der WM-Bühne. »Dafür habe ich hart trainiert. Und ich danke meinem Team Jumbo-Visma für all die Unterstützung in den letzten drei Jahren und die Möglichkeit, meine Karriere auf die Weise zu beenden, wie ich es mir wünsche«, erklärte der Cottbuser.

Verbandspräsident Rudolf Scharping lobte Martin als »herausragendes Vorbild, weit über den Sport hinaus«.

Ein symbolträchtiges letztes Rennen

Sie fuhren zu dritt - mit 60 km/h. Alle tragen weiß-schwarze Zeitfahranzüge. Die Zeitfahrmaschine des Fahrers vorne ist schwarz, die Gabel rot und gold. Dies ist sein letztes Rennen als Radprofi - es wird eines, das symbolisch für ihn und seine Karriere steht. Er fährt so, wie man ihn kennt: lange im Wind, extrem kraftvoll, nicht nachlassend. Er fährt wie ein „Panzerwagen“.

Dies ist seit Jahren sein Spitzname in der Welt des Profiradsports. Oder auch: „Tony the Tank“, Tony der Panzer. Es ist die Disziplin, die am „ehrlichsten“ ist, die am klarsten mit der reinen Leistung, der reinen Stärke korreliert: Zeitfahren.

Tony Martin fuhr sein letztes Rennen für das deutsche Nationalteam - und er gewann. Zusammen mit Max Walscheid und Nikias Arndt absolvierte er 22,5 Kilometer in 24:38 Minuten. Die Durchschnittsgeschwindigkeit: 54,8 km/h. Dies ist wohl der perfekte Abschied. Es ist das märchenhafte Ende einer großen Karriere nach 14 Profi-Jahren. Diesmal im Mixed-Zeitfahren.

Erfolge und Herausforderungen

Viermal war er Weltmeister im Einzelzeitfahren, drei Mal holte er Gold im Team-Relay. Die Tour de France bestritt er 13 Mal. Er trug das Weiße und das Gelbe Trikot, gewann fünf Etappen - und musste fünf Mal vorzeitig nach Stürzen und Verletzungen aufgeben. „Mit der Tour verbindet mich eine Art Hassliebe“, sagt er.

„Einerseits habe ich dort sehr große Triumphe gefeiert. So gewann er etwa 2015 die vierte Etappe und übernahm die Gesamtführung. Doch nur zwei Tage nach diesem großen Triumph in Cambrai stürzte er in der Zielanfahrt nach Le Havre und brach sich das Schlüsselbein. Seine Teamkollegen warteten auf ihn und schoben ihn über die Ziellinie.

Tony Martin durchging viele Wandlungen und Entwicklungen im Laufe seiner langen Karriere. Die Konstante dabei - seine dauerhafte Stärke lautet: Zeitfahren. Während der vergangenen drei Jahre war seine Rolle eine andere: die eines Capitaine du Route, eines Road Captains, eines „Edelhelfers“ im Team Jumbo-Visma.

Er hatte dort noch einen Vertrag bis Ende 2022. Deshalb kam die Nachricht seines Karriereendes für viele überraschend. Im September verkündete er, dass das Einzel- und Team-Zeitfahren der WM von Flandern seine letzten Rennen sein werden. Ein Hauptgrund dafür: mangelnde Sicherheit.

„Die schweren Stürze dieser Saison haben mich nachdenklich gemacht, ob ich mich diesen Risiken weiterhin aussetzen möchte. Ich habe mich dagegen entschieden. Vor allem, da sich die Sicherheit der Fahrer trotz vieler Diskussionen über Absperrungen und Streckenführung nicht verbessert hat. Tony Martin sprach diese Missstände seit Jahren an.

Er war dabei stets lösungsorientiert, nie destruktiv. Legendär wurde bereits eine Szene während der ersten Etappe der Tour de France 2020: Tony Martin fährt auf regennassen, rutschigen Straßen um Nizza an der Spitze des Feldes, lässt den Lenker los, richtet sich auf und signalisiert mit beiden Armen allen Fahrern dahinter, dass sie langsam fahren sollen.

Und so geschah es. „Der Weltradsportverband UCI hat in den vergangenen Jahren wenig bis gar nichts für mehr Sicherheit im Fahrerfeld getan. Die Beschlüsse im letzten Frühjahr, das war nichts weiter als blinder Aktionismus“, sagt er.

Schon 2012 überschrieb der Spiegel einen Artikel über ihn mit: „Weltmeister der Schmerzen“. Tony Martin brach sich das Jochbein, den Kiefer und die Augenhöhle und zog sich ein Riss im Schulterblatt zu. Nach dem Unfall war er 15 Minuten ohne Bewusstsein.

Ein Jahrzehnt der Dominanz im Zeitfahren

Tony Martin galt als eine der Stimmen der Vernunft im Peloton. In seiner Spezialdisziplin, dem Einzelzeitfahren, prägte er ein ganzes Jahrzehnt. 2011 gewann er in Kopenhagen seine erste WM-Goldmedaille. „Diesen Erfolg sehe ich noch heute als den schönsten meiner Karriere.“

2021 - fast auf den Tag genau zehn Jahre später - gewann er nun sein achtes WM-Gold mit der Mixed-Staffel. „Das ist der beste Abschluss, den man sich wünschen kann. Die Radsportbühne mit einer Gold-Medaille zu verlassen, das ist ein Traum. Besser konnte ich es mir nicht vorstellen. Und ich danke dem ganzen Team, besonders den Frauen, die das möglich machten. Ich bin extrem dankbar für diese Momente.

Mieke Kröger, die wie auch Lisa Brennauer und Lisa Klein in diesem Jahr bereits im Bahn-Vierer Olympia-Gold gewann, war bereits bei der WM vor zehn Jahren in Kopenhagen dabei. Damals noch als Juniorin. „Wir wussten, dass es nicht einfach wird, aber Tony hat noch einmal einen besonderen Schwung reingebracht“, sagt sie.

Als Tony Martin an diesem Tag nach etlichen Interviews das Pressezentrum in Brügge verließ, erhoben sich die anwesenden Journalisten von ihren Plätzen und ehrten ihn mit minutenlangen Standing Ovations. Dies war eine sinnbildliche Situation für den großen Respekt, den er genießt.

Tony Martin wurde in Cottbus geboren, in der DDR. 1989 gelang seiner Familie die Flucht nach Eschborn. „Anfangs wollte ich wie so viele Fußballer werden. Ich spielte in der Abwehr aggressiv und lief viel, aber irgendwann war klar, dass das Talent nicht ausreicht, um Profi zu werden. Da mein Vater früher Radrennen fuhr, kamen wir auf die Idee, es mal mit dem Radrennenfahren zu probieren.

Seine ersten Rennen absolvierte er für den traditionsreichen Verein RV Henninger Sossenheim. Als 16-Jähriger zog er wieder gen Osten - in die Sportschule von Erfurt. Dort, in Thüringen, begann seine richtige Radsportkarriere. Nach dem Abitur begann er seine Ausbildung zum Polizeimeister.

Beim Thüringer-Energie-Team entwickelte er sich sportlich enorm weiter. 2003 gewann er seinen ersten deutschen Meistertitel im Einzelzeitfahren der Junioren. Das erste riesige Zeichen seines Talentes zeigte er 2005 als 20-Jähriger: Er gewann als Stagiaire des Teams Gerolsteiner das Bergzeitfahren der Rothaus Regio Tour auf den Kandel - gegen etliche Top-Profis.

2006 gewann er die Internationale Thüringen Rundfahrt, 2007 wurde er zweiter der berühmten Tour de l`Avenir, der „Tour de France“ der Kategorie U23. 2008 wurde er Profi im Team Columbia. Bei der Weltmeisterschaft gewann er seine erste Medaille im Einzelzeitfahren: Bronze. Noch einmal Bronze gab es 2010 in Australien.

Was folgte, waren Goldmedaillen: 2011, 2012, 2013 und 2016 wurde er Zeitfahr-Weltmeister. 2014 in Ponferrada holte er Silber. 2012, 2013 und 2016 holte er zudem mit seinen Mannschaftskollegen je WM-Gold im Teamzeitfahren.

2011 gewann er - als erst dritter deutscher Profi überhaupt - die Gesamtwertung von Paris-Nizza. Danach begann die Diskussion. Deren Grundfrage: Kann Tony Martin ein Grand-Tour-Fahrer, ergo ein Tour-de-France-Sieger, werden?

2016 versuchte Martin eine andere „Transformation“: jene zu einem Klassikerfahrer. Im Fokus: die Kopfstein-Monumente. Was man dafür braucht: einen „großen Motor“ - das, was ihn auszeichnet. Doch bei den großen Rennen wie Paris-Roubaix und der Flandern-Rundfahrt konnte er im Finale nie eingreifen.

Nach Stationen bei den Teams Columbia, Quick Step und Katusha wechselte er 2019 zum niederländischen Rennstall Jumbo-Visma - und damit auch einmal mehr seine Rolle. Er wurde zum „verlängerten Arm“ der sportlichen Leiter und arbeitete primär für den Kapitän Primož Roglič.

Die Tour de France 2021 war für ihn nach der elften Etappe vorbei. Schon am ersten Tag war er in einen durch eine Zuschauerin ausgelösten Massensturz verwickelt. Nun ist alles anders. Ein langes, intensives Kapitel seines Lebens ist abgeschlossen. Ein neues beginnt.

Kritik an Sicherheitsstandards im Radsport

Tony Martin war schon als aktiver Sportler ein Mann für Klartext. Für ihn hat der Radsport mit Blick auf die Sicherheit kaum Fortschritte gemacht. Einen Hauptverantwortlichen benennt er deutlich.

Der ehemalige Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin hat nach dem tragischen Todesfall von Gino Mäder massive Kritik an den aus seiner Sicht unveränderten Sicherheitsstandards im Profi-Radsport geübt. Tony Martin äußert Kritik vor Start der Tour de France«So wie ich es sehe, ist relativ wenig passiert. Gefühlt fahren wir immer noch mit demselben Standard rum wie zum Start meiner Karriere. Ich habe versucht, viel herbeizuführen, da ist aber relativ wenig bis gar nichts passiert», sagte der 38 Jahre alte Martin der Deutschen Presse-Agentur vor dem Start der Tour de France an diesem Samstag.

Der ehemalige Jumbo-Visma-Profi beendete im Herbst 2021 seine Karriere. Für Martin ist der grundsätzliche Umgang mit der Sicherheit kritikwürdig. «Das finde ich extrem schade, dass ein Verband nicht seine Fahrer schützt und man nicht alles dafür tut, die Fahrer sicher von a nach b zu bringen. Radsport ohne Stürze und schwere Verletzungen wird es nicht geben, aber man kann schon viele Gegenmaßnahmen unternehmen», sagte der frühere Zeitfahr-Spezialist, der aktuell ein Kinder-Fahrrad mit Marcel Kittel entwickelt.

«Aus meiner Sicht ist in der ersten Verantwortung der Weltverband, der da gewisse Standards vorgeben muss. Er muss die Vorgaben geben und Organisatoren müssen dem einfach folgen», sagte der Routinier, der 2020 mal eine Etappe der Tour eigenhändig entschärfte, in dem er sich an die Spitze des Hauptfeldes setzte und von vorne zu gemächlichem Tempo aufrief. Zuvor war es zu einem Sturzfestival gekommen.

Ein traumhaftes Karriereende

Tony Martin hat sich den Abschied in den Radsport-Ruhestand vergoldet und zum Karriereende einen letzten Traum erfüllt. Es wurde ein traumhaftes Karriereende: Tony Martin hat im letzten Rennen seiner Laufbahn WM-Gold mit der Mixed-Staffel gewonnen.

Nach dem Karriereende aus dem Bilderbuch übernahm Tony Martin unter dem Beifall des großen Eddy Merckx noch einmal Verantwortung. Auf dem dicht gedrängten WM-Podium in Brügge verteilte der deutsche Radprofi die Goldmedaillen an die stolzen Teamkollegen einfach selbst. Dann legte er die Arme um die Schultern der Olympiasiegerinnen von Tokio und ließ bei der Nationalhymne gerührt den Blick schweifen.

"Ich hätte mir keinen schöneren Abschied wünschen können", sagte Martin. Mit dem Gewinn von WM-Gold im Mixed-Wettbewerb hatte sich Martin einen letzten Traum erfüllt und gebührend in den Radsport-Ruhestand verabschiedet. Sogar Belgiens Rad-Legende Merckx war gekommen, um einen der besten Zeitfahrer des vergangenen Jahrzehnts zu verabschieden. Martins Dank galt aber anderen.

"Ich bin dem Team sehr dankbar, speziell den Frauen. Sie haben den Unterschied gemacht. Jetzt ist es Zeit zu feiern", sagte Martin, der auch angesichts des Zuspruchs des belgischen Publikums "wehmütig" wurde: "Ich wurde so herzlich empfangen und auch verabschiedet. Es bedeutet mir fast mehr als die Goldmedaille."

Das finale Rennen seiner Laufbahn war für Martin zur Triumphfahrt geworden. Nach insgesamt 44,5 km siegte er an der Seite von Max Walscheid (Neuwied), Nikias Arndt (Buchholz) sowie den Bahn-Olympiasiegerinnen Lisa Brennauer (Durach), Lisa Klein (Saarbrücken) und Mieke Kröger (Bielefeld) in 50:49 Minuten.

Martins Teamkollegen waren sich der Besonderheit des Rennens bewusst - und extra motiviert. "Es ist eine Legende, die hier abtritt", hatte Walscheid vorab gesagt: "Er ist einer der ganz überragenden Zeitfahrer der letzten zehn Jahre." Klein sprach von einer "Ehre, mit ihm sein letztes Rennen zu fahren."

Vor diesem wirkte Martin hochkonzentriert. Fokussiert rückte er sich den futuristischen Zeitfahrhelm zurecht, dann startete in die letzten 22,5 km der Karriere - so lang war der Kurs bis zum Wechsel zu den Frauen in Brügge. Das Männer-Trio um Martin startete als drittletztes Team und lag früh auf Medaillenkurs. Ihre Teilstrecke absolvierten die Männer in 24:37 Minuten, dann übernahmen die Frauen für den Rest des Rennens.

Während Brennauer und Co. den Kampf um die Medaille aufnahmen, fiel Martin seinen männlichen Kollegen zufrieden um den Hals. Dann beobachteten sie das Rennen der Frauen - und wurden nicht enttäuscht. Brennauer und Co. harmonierten bestens und schoben sich an die Spitze. Als die Goldmedaille feststand, brach ein Riesenjubel bei Martin aus. Vor der Siegerehrung baten auch Fahrer anderer Nationen den Deutschen um ein Abschiedsfoto.

Martin blickt auf eine überaus erfolgreiche Zeit im Radsport zurück. Er wurde unter anderem viermal Weltmeister im Einzelzeitfahren (2011 bis 2013, 2016). 2012 in London war er Olympiazweiter. Zehnmal triumphierte er bei den deutschen Meisterschaften. Bei der Tour de France gewann er fünf Etappen, 2015 trug er vorübergehend das Gelbe Trikot.

Vermächtnis und zukünftige Pläne

In Martin verliert der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) aber nicht nur einen seiner erfolgreichsten Fahrer des letzten Jahrzehnts. Es verabschiedet sich auch eine wichtige Persönlichkeit. Martin hatte sich in den vergangenen Jahren einen exzellenten Ruf im Peloton verdient, nicht zuletzt als Kritiker und Mahner für bessere Sicherheitsvorkehrungen.

„Ein solch weitreichende Entscheidung fällt einem natürlich nicht leicht. Der Radsport hat den Großteil meines bisherigen Lebens geprägt. Mit Höhen und Tiefen, großen Erfolgen und Niederlagen, Stürzen und Comebacks. Wovon viele als Nachwuchsfahrer träumen, ist für mich in Erfüllung gegangen,“ sagte Martin. In den letzten Monaten - insbesondere nach den schweren Stürzen - habe er vermehrt über seine Zukunft nachgedacht und sei zu dem Schluss gekommen, dass er nicht mehr bereit ist, die Risiken, die dieser Sport mit sich bringt, weiterhin einzugehen, auch weil er festgestellt hat, dass sich „trotz vieler Diskussionen um Streckenführungen und Absperrungen, die Sicherheit in Radrennen nicht verbessert hat.“

Martin hat sich mit seinen letzten beiden WM-Zeitfahren am vergangenen Wochenende im belgischen Knokke mit einem sechsten Platz gebührend verabschiedet. „Dafür habe ich hart trainiert. Und ich danke meinem Team Jumbo-Visma für all die Unterstützung in den letzten drei Jahren und die Möglichkeit, meine Karriere auf die Weise zu beenden, wie ich es mir wünsche.“

Weiterhin dankte der viermalige Zeitfahr-Champion seiner Familie, seinen Freunden und allen Weggefährten. „Ohne Euch hätte ich meinen Traum nicht leben können und das werde ich Euch nie vergessen.“

BDR-Präsident Rudolf Scharping lobte Martin für seinen jahrelangen Einsatz bei der Nationalmannschaft: „Tony Martin ist ein herausragendes Vorbild, weit über den Sport hinaus. Er hat sich um den deutschen Radsport mehr als verdient gemacht. Vier Weltmeistertitel im Einzelzeitfahren, fünf Tour Etappensiege, das Gelbe Trikot und zehn Deutsche Meistertitel im Kampf gegen die Uhr, das spricht für seine beispiellose Karriere. Der BDR dankt Martin für seinen jahrelangen Einsatz mit der Nationalmannschaft und wünscht ihm jetzt eine erfolgreiche WM. Vor allem aber wünschen wir für seine weitere Zukunft alles Gute; wir bleiben in Kontakt.“

Tony Martins Karriere war aber auch immer wieder begleitet von schweren Stürzen, zuletzt in der Tour de France, die er deshalb vorzeitig beenden musste. Viele Knochenbrüche, heftige Blessuren und Gesichtsverletzungen musste Martin in seiner Laufbahn erleiden. Damit soll jetzt auch Schluss sein.

Künftig wird er öfter mit dem Tourenrad unterwegs sein, seine beiden Töchter hinter sich herziehend. Die Familie hat jetzt Vorrang. Das hektische Leben, das lange Getrenntsein, die vielen Reisen, das alles wird es nicht mehr geben.

Tony Martin: Dankeschön. Ich habe noch einige Partnerschaften in der Fahrradwelt, wofür ich sehr dankbar bin - ich komme gerade auch von einem Foto-Shooting am Gardasee. Neben der Familie, die nach 14 Jahren Profikarriere endlich wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen darf, habe ich beruflich drei Betätigungsfelder: Zum einen als Markenbotschafter für Fahrradmarken, zum anderen als Inhaber einer Firma, die Kinder- und Jugendfahrräder herstellt und die ich unter anderem mit dem ehemaligen Topsprinter Marcel Kittel gegründet habe. Der ehemalige deutsche Radrennfahrer Tony Martin wurde am 23. Martin war besonders für seine herausragenden Fähigkeiten im Zeitfahren bekannt.

Er ist meine ganz große Hoffnung, dass der Radsport im Allgemeinen gerade unter Kindern wieder mehr wahrgenommen wird und dass der Nachwuchs dadurch gestärkt wird. Denn ich merke es in meiner eigenen Arbeit immer wieder: Es ist nicht gerade gut um den Nachwuchs bestellt.

Ich war 2017 live dabei: Es war bombastisch, was da drei Tage - trotz Sauwetter - an Menschenmassen unterwegs war. Das hat den Menschen und der Region sehr viel gegeben. Tendenziell sind die Menschen in Ostdeutschland, so wie ich es erlebt habe, sogar noch einen Tick sportbegeisterter. Der Ausdauersport erfreut sich derzeit großer Beliebtheit.

Wirklich etwas ändern an der aktuellen Situation wird sich erst, wenn es wieder mehr hauptamtliche Trainer gibt. Niemand kann erwarten, dass Kinder von sich aus in den Radsport einsteigen. Das mag beim Fußball oder Basketball funktionieren, wo ein Paar Schuhe und ein Ball ausreichen. Radsport aber ist sehr kostenintensiv.

Im Grunde ist es ein Wunder, dass dies nicht schon früher der Fall war. Ich hatte vor einigen Jahren zwar auch einen recht spektakulären Sturz im Zusammenhang mit einem Zuschauer, damals war das aber fast noch ein Einzelfall. Ich halte es nicht für zielführend, Gitter bis zu 200 Kilometer lang aufzustellen. Vielmehr müssen die Fans über die Gefahren aufgeklärt werden, wenn ein Fahrerfeld mit 50, 60 oder 70 km/h an ihnen vorbeirauscht.

"Tony Martin war ein Jahrzehnt lang nicht nur in Deutschland, sondern weltweit der dominante Zeitfahrer. Er war viermal Weltmeister im Einzelzeitfahren, hat viele Male Medaillen geholt und viermal das Mannschaftszeitfahren gewonnen. Er war der dominierende Zeitfahrer seiner Generation", schwärmte Eurosport-Experte Jens Voigt im Anschluss an das letzte Rennen in der Karriere Martins.

Insgesamt holte Martin 14 WM-Medaillen, allesamt im Einzel - oder Mannschaftszeitfahren. Zudem fuhr er bei den Olympischen Spielen 2012 in London im Einzelzeitfahren zu Silber. Hinzu kommen Etappensiege bei der Tour de France und der Vuelta a España.

In den vergangenen Jahren beeindruckte der Jumbo-Visma-Profi aber vollem auch als sehr loyaler und mannschaftsdienlicher Fahrer, der seinen Kapitänen immer wertvolle Dienste erwies. "In jeder Mannschaft, in der er war, war er so wertvoll wie drei Fahrer. Ich habe auch oft im Fernsehen gesagt, wenn du Tony Martin in der Mannschaft hast, sagst du: 'Tony, Kilometer 0 bis 150 ist deins. Für die letzten 50 haben wir dann die anderen sieben Fahrer, die schaffen das bestimmt.' Und Tony hat das dann auch gemacht", lobte Voigt.

Voigt weiter: "Tony hat nie enttäuscht. Er war immer da, wenn er gebraucht wurde. Er war stark und hart zu sich selbst. Er war unzerstörbar. In der Sonne, im Regen, im Hagelsturm, Tony war immer da, wo er sein musste."

Nachdem er auf der 1. Etappe in einen schweren Massensturz verwickelt war, der durch eine Zuschauerin ausgelöst wurde, die mit einem Pappschild zu nah an der Strecke stand, hielt der gebürtige Cottbuser noch viele weitere Tage durch und arbeitete für seinen Kapitän Primoz Roglic. Erst ein weiterer Sturz auf der 11. Etappe beendete dann endgültig Martins Hoffnungen, nach Paris zu kommen.

"Das war einfach großartig", schwärmt Voigt noch heute vom 7. Juli 2015: "Alle dachten: 'Tony, du hast die Chance verpasst, du warst so dicht dran und jetzt kommen die Sprinter …' Da hat er sich gesagt: 'Ist mir alles egal, was ihr glaubt, ich fahre und gewinne jetzt die Etappe und hole auch das Gelbe Trikot.'"

Am ersten Tag eines neuen Lebens erwartete ihn gleich die schönste aller Belohnungen. In seiner Schweizer Wahl-Heimat Kreuzlingen nahmen Ehefrau Nina und die beiden Töchter den Ex-Radprofi nach der langen Autofahrt aus Belgien in Empfang.

Gold beim Gang in den Radsport-Ruhestand war dabei nur der krönende Abschluss. "Ich hätte mir keinen schöneren Abschied wünschen können", sagte Martin. An der Seite von Max Walscheid, Nikias Arndt sowie den Bahn-Olympiasiegerinnen Lisa Brennauer, Lisa Klein und Mieke Kröger hatte der 36-Jährige den Platz ganz oben auf dem Podium erobert.

Sein bevorstehendes Karriereende setzte bei seinen Teamkollegen zusätzliche Kräfte frei. "Als ich auf der Startrampe stand, habe ich gedacht: 'Den schießen wir heute in den Orbit'", sagte Walscheid. Brennauer meinte: "Es hat uns alle beflügelt und uns Aufwind gegeben."

Nach vier WM-Titeln im Einzelzeitfahren fügte Martin seiner Trophäensammlung am Ende ein weiteres Regenbogentrikot hinzu. Wie das Gelbe Trikot der Tour de France, das er 2015 vorübergehend trug, sind sie nun Erinnerungen an einen früheren, prägenden Abschnitt.

Nun jedoch, so Martin, "beginnt das normale Leben". Die unzähligen Trainingsstunden, die vielen Rennen auf der ganzen Welt, das Leben aus dem Koffer, die Entbehrungen im privaten Bereich - all das hat für Martin ein Ende.

Auch um Stürze und gefährliche Verletzungen muss er sich nicht mehr sorgen. Die Risiken des Radsports waren maßgeblich bei seiner Entscheidung für den Rücktritt gewesen. Er habe für sich entschieden, dass er die Gefahren "nicht mehr will, zumal sich, trotz vieler Diskussionen um Streckenführungen und Absperrungen, die Sicherheit in Radrennen nicht verbessert hat."

Im Fokus steht stattdessen vorerst ausschließlich die Familie. Martin sagte:Wie es dann weitergehe, werde er über den Winter entscheiden. Zur Ruhe setzen wird er sich am Bodensee aber nicht. Martin meinte: Womöglich gibt Martin seine Erfahrung an die Jugend weiter. Gespräche über eine Kooperation mit einer Sportschule in Kreuzlingen hat Martin bereits vor längerer Zeit geführt.(SID)

Tony Martin: Karriere-Highlights
Erfolg Anzahl Jahre
Weltmeister im Einzelzeitfahren 4 2011, 2012, 2013, 2016
WM-Gold im Teamzeitfahren 3 2012, 2013, 2016
Etappensiege bei der Tour de France 5 -
Deutsche Meisterschaften 10 -

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