Ural Motorrad mit Beiwagen: Eine Reise durch die Geschichte

Die Geschichte der Ural begann auf einem geheimen Treffen des Verteidigungsministeriums der UdSSR. Es ging um die Frage, welches Motorrad am besten zur Verwendung in der Sowjetarmee geeignet sei. Daraufhin wurden in Schweden fünf R71 gekauft, gründlich zerlegt und nachgebaut.

Das Irbitski Motozikletny Sawod (IMZ), zu Deutsch Irbiter Motorradwerk, ist die Produktionsstätte der Ural-Motorräder im russischen Irbit in der Oblast Swerdlowsk. Die Geschichte der Ural (Gespanne) begann, als die Rote Armee bei gemeinsamen Manövern mit der deutschen Wehrmacht zu Beginn des Zweiten Weltkrieges auf die deutschen BMW-R-71-Motorradgespanne aufmerksam wurde.

Nach längerer Diskussion wurde entschieden, die R-71 im eigenen Land nachzubauen. Das sowjetische Militär hatte schon vor dem Krieg BMW-Boxer-Motorräder gekauft, analysiert, mit Harley-Davidson verglichen und dann den BMW-Boxer aufgrund der besseren Kühlungseigenschaften als nachzubauendes Fahrzeug ausgewählt. Wie die Pläne in die Sowjetunion gelangt sind, ist historisch nicht einwandfrei geklärt. Eine verbreitete Version ist, dass fünf Exemplare des BMW-Motorrads über das neutrale Schweden in die Sowjetunion eingeführt wurden und dort über Reverse-Engineering die Grundlage für die Ural-Produktion bildeten.

Fast alle Komponenten der R71 bedeuteten Neuland für die sowjetische Industrie. Die Fertigung vieler Teile erforderten neue Technologien und Maschinen, die erst mühsam hergestellt werden mussten. Die Werke, die für die Produktion des neuen Motorrades bestimmt worden waren, konnten nicht alle Teile selbst herstellen. So wurden auch Fertigungsaufträge für bestimmte Baugruppen auf andere Fabriken verteilt.

Die M-72 war zunächst eine detailgetreue Kopie der BMW R 71. Da diese Maschine für schweres Gelände jedoch ungeeignet war, wurde das Modell laufend verbessert: Neuer Luftfilter mit Ölfüllung, höher gelegtes vorderes Schutzblech sowie hinterer Schutzblechbügel zum besseren Aufklappen des Schutzbleches, was den Radwechsel erleichterte. Ebenso eingeführt wurden Knotenbleche an der hinteren Stoßdämpferaufnahme, nachdem es im Feldeinsatz zu Rahmenbrüchen gekommen war.

Ab 1941 lief die Produktion der Seitenwagenmotorräder in Moskau auf Hochtouren. Die Moskauer Fabrik brachte es auf 1753 Motorräder, bevor die Wehrmacht näher rückte und die Fabrik 1200 Kilometer weiter nach Osten nach Irbit ins Ural-Gebirge verlegt wurde. Dies führte schließlich zum Namen „Ural“ für das Gespann. Am 19. November 1941 traf in Irbit, einer Kleinstadt 300 km östlich der Ausläufer des Ural Gebirges, der erste Zug mit Maschinen, Werkzeugen, Teilen für die Produktion von Motorrädern ein.

Die ersten Motorräder schickte die Fabrik IMZ Irbitskij Moto-Zawod Ende Februar 1942 dann an die Front. Im Sommer 1942 konnte kein einziges fahrbereites Motorrad ausgeliefert werden, da einfach keine brauchbaren Teile mehr in den Werken eintrafen. Fast 9.500 Einheiten M72 wurden bis 1945 der Roten Armee zur Verfügung gefertigt. Es waren viele Frauen und auch Kinder, die da im Westen Sibiriens Motorräder für die Kriegsfront zusammenbauten um den Feind abzuwehren halfen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Zweizylinder-Boxer-Modelle in Irbit - wie auch im neuen Kiewer Dnepr Werk - weiterhin hauptsächlich für das Militär und sonstige Behörden gebaut. Infolge des steigenden Bekanntheitsgrades wurde im Jahr 1953 entschieden, die Ural-Motorräder auch zu exportieren. Ab 1960 wurde die gesamte Produktion auf zivile Maschinen umgestellt. Ebenfalls 1958 wurde die Produktion der guten alten M-72 eingestellt.

Die Konstruktion wurde dabei weiterentwickelt u.a. im Bereich des Zylinderkopfes, des Rahmens und der Vordergabel, so dass von der ursprünglichen R 71 lediglich die Grundkonzeption erhalten blieb. Insbesondere die Ausstattung späterer Modelle mit auf der R 75 basierenden OHV-Motoren führte zu einer Abkehr vom ursprünglichen R-71-Konzept und verdeutlichte die Eigenständigkeit diese Nachfolgemodelle.

Mittlerweile wurde nicht mehr der alte und unverwüstliche Seitenventiler-Motor mit 750 cm³ gebaut, sondern schon eine Eigenentwicklung mit 650 cm³ und hängenden Ventilen (Ventilbetätigung mittels Stößelstangen durch eine im Motorgehäuse gelagerten Nockenwelle), der sich schon dadurch vom 650 cm³ OHV-Motor der Dnepr Modelle erheblich unterschied.

Ab 1970 importierte der Londoner Fred Wells erstmals die damalige Ural M-63 nach Großbritannien. Von 1972 bis 1979 hatte die „Soviet American Trade Association“ (SATRA) die Konzession für den Export sowjetischer Motorräder und führte in den angelsächsischen Ländern den Handelsnamen «Cossack» ein. In den deutschsprachigen Ländern waren die Motorräder aus Irbit jedoch immer unter dem Namen „Ural“ bekannt.

Im November 1992 wurde die staatliche Fabrik privatisiert und in Uralmoto AG umbenannt. 40 Prozent der Aktien wurden dem damaligen Management und den Mitarbeitern zugeteilt und 38 Prozent wurden in Form von Privatisierungs-Gutscheinen größtenteils an Management und Mitarbeiter versteigert.

Ab Modelljahr 1998 werden die Gespann-Modelle unter der Bezeichnung Ranger (Gear-Up), Patrol (Sportsman), Tourist und Retro gebaut. Die Solo-Modelle heißen ab 1991 Wolf, Ural Solo und Retro Solo. Sämtliche Modelle verwenden seit 2008 den gleichen luftgekühlten Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor mit 745 cm³ Hubraum. Die Nennleistung beträgt dabei 29 kW.

Nachdem das Unternehmen von 1998 bis 2000 einer privaten russischen Investorengruppe gehörte, kauften im Jahre 2000 drei in den USA lebende russischstämmige Unternehmer die Fabrik. Seinen letzten bedeutenden Großauftrag erhielt das Irbiter Motorradwerk 2002, als die irakische Regierung unter Saddam Hussein 1.000 Ural-Gespanne bestellte. Ausgeliefert wurden die grau lackierten Gespanne mit 650er-Motor, E-Starter und Alu-Zylinder.

Bei einer kompletten Reorganisation der IMWA wurde das über mehrere Hektar verteilte Fabrikgelände stark verkleinert, die Anzahl der Mitarbeiter auf heute rund 150 Mitarbeiter reduziert und in Teilbereichen neue Produktionstechniken eingeführt. Dazu gehörte eine Qualitätskontrolle an allen Punkten der Produktion und Zukauf von Komponenten aus 15 westlichen Ländern.

Ebenfalls seit dem Modelljahr 2008 werden viele sicherheitsrelevante Bestandteile aus westlichen Ländern verbaut: So werden Keihin L22AA 32-mm-Vergaser und Denso-Lichtmaschinen aus Japan eingebaut. Aus Italien kommen die elektronische Zündanlage von Ducati Energia, die Lenkerarmaturen, Züge, Hebel sowie die Brembo-Scheibenbremsanlage am Vorderrad. Aus Deutschland werden ZF Sachs-Stoßdämpfer und Herzog-Zahnräder (Motor, Getriebe) verbaut.

Nach all diesen Verbesserungen gelten die Ural-Gespanne ab Baujahr 2008 als zuverlässige und alltagstaugliche Fahrzeuge. Der Endantrieb erfolgt über Kardan. Bei den Modellen Ranger und Sportsman lässt sich der Beiwagenradantrieb zuschalten. Allerdings erfolgt die Übersetzung 1:1 ohne Differential. Somit sollte er nur für Fahrten im Gelände benutzt werden, wo man mit dem normalen Hinterradantrieb nicht mehr weiterkommt.

Hauptabsatzmarkt sind mit 496 Motorrädern die USA. Fast so viele Maschinen werden nach Westeuropa geliefert, Einzelexemplare nach Kanada, Australien, Japan, Südafrika und Korea. Nur ganz wenige Ural Gespanne werden in Russland selbst verkauft. Grund hierfür ist, dass die Motorräder aus Irbit für russische Verhältnisse teuer sind.

Das Händlernetz umfasst in den USA und in Europa je 60 Händler, in Kanada 10, in Australien 5, in Japan 3 sowie einzelne Händler in Korea, Neuseeland und den Golf-Staaten, insgesamt rund 140 Händler weltweit.

Abenteuerliche Reisen mit der Ural

Das "Ural"-Motorrad 360 aus Sowjetzeiten ist weltweit bekannt - vor allem für seine Unzuverlässigkeit. Genau deshalb fuhren fünf Künstler aus Halle mit genau diesem Motorrad auf dem Landweg nach New York.

Im Herbst 2014 brachen Anne, Efy, Elisabeth, Johannes und Kaupo aus Deutschland auf. Nach bereits 25 km beginnen unsere russischen Motorräder zu streiken. Ziemlich schnell wird klar, dass uns der ADAC nicht bis nach New York schleppen kann und so sind wir auf uns allein gestellt. Es geht durch kasachische Gewitter, in die mongolische Wüste, entlang tausender Kilometer Wellblechpiste - pausenlos werden wir gejagt von Monstermücken.

Dort wo Sibirien endet und der Ferne Osten Russlands anfängt, müssen wir lernen, dass es nicht immer eine gute Idee ist, eine Abkürzung zu nehmen. Alle Stassen enden hier und der Landweg nach New York City wird zunehmend mühevoller. Nach 2,5 Jahren haben wir es irgendwie nach New York geschafft. Die Ural wurde zur Bühne unserer Reise. Mit jeder Panne öffnete sich der Vorhang - wildfremde Leute kamen dazu und das Theaterstück begann: Woher kommt ihr? Was ist passiert? Ich kann euch helfen!

Die Reise der fünf Künstler aus Halle, Zypern und Estland hatte einen künstlerischen Forschungscharakter: Es war ein Experiment im Umgang mit dem Scheitern - ein Grenzgang im allerwörtlichen Sinne.

Ural Sondermodelle: Eine Hommage an die Vergangenheit und Innovation

Im Laufe der Jahre hat Ural immer wieder Sondermodelle herausgebracht, die besondere Aspekte der Geschichte oder der russischen Kultur widerspiegeln.

Modell 2018 "Im Beiwagen einer Ural reist man so bequem wie in der 1. Klasse der Transsibirischen Eisenbahn." Mit der Limited Edition Modell 2018 zeigt Ural welche Bequemlichkeit im puristischen Beiwagen steckt, wenn man ein paar wenige Dinge beachtet. Als Basismodell dient das Model cT. Es ist dies das preisgünstige Einstiegsmodell von Ural. Das Gespann ist in grün gehalten so wie die Wagons der Transsibirischen Eisenbahn, freilich wurde ein etwas kräftigeres Grün als das ausgeblichene Eisenbahnwagongrün gewählt.

Modell 2016 "Scrambler" Diese gelb/schwarz/graue Ural hätte auch Feuersalamander heißen können. Diese possierlichen Tierchen sind zwar wunderschön, aber weich und verletzlich. Ein Ural Gespann dagegen ist hart im Nehmen und ziemlich unzerstörbar. Wir nennen das Limited Edition Modell diesmal daher einfach Scrambler. Das ist modern.

Modell 2014 "Mir" - Die Ural MIR ist eine Hommage an die sowjetische Raumstation M?? (Mir), die seit den 1980ern 15 Jahre lang die Top-Destination für Weltraumtouristen darstellte. Die straßentaugliche MIR basiert auf der Ural Gear Up. Die MIR ist in “brilliantem, orbitalen Weiß mit feinen Metallflocken” und in feinen blauen Nuancen gehalten, die Farbe verändert sich je nach Lichteinfall leicht.

Modell „ZARJA" (Abendrot) 2013 - Schwarzmatt dominiert an allen Teilen des Motorrades, wie dunkle Wolken der aufkeimenden Nacht. Ein bisschen Orange kommt dezent an der Unterseite des Tanks, im Beiwageninneren, am Rist der Felgen, an den Deckeln und im Inneren der kleinen Ural Seitenkoffer (genannt Baraholka).

Modell "M70" 2011 - Am 19. November 2011 feierte das Irbiter Motorradwerk seinen 70. Geburtstag und brachte aus diesem Anlass ein Jubiläumsmodell M70 auf den Markt. Es soll in der Optik an die Original M72 erinnern, die technischen Details sind allerdings auf dem heutigen Stand.

Modell „Schneeleopard“ 2010 - Im Jahr 2010 kam das Sondermodell „Schneeleopard“ auf den Markt mit grau lackierten Rahmenteilen und weißen Blechen. Von der edlen Version „Schneeleopard“ Retro wurden nur fünf Stück für ganz Europa produziert.

Modell „Roter Oktober“ 2009 - Im Jahr 2009 hieß das Sondermodell „Roter Oktober“ und sollte an die Oktoberrevolution und den Film „Jagd auf roten Oktober“ erinnern. Ausgestattet ist die Ural „Roter Oktober“ mit einem Rückwärtsganghebel am Tank, runden Lichtern am Beiwagen, Gepäckträger an Motorrad und Beiwagen, sowie einem Erste-Hilfe-Kasten. Alle Blechteile sind in Grenadierrot lackiert, alle Rahmen- und Motorenteile in Mattschwarz.

Modell „Wjuga“ 2008 - Das Sondermodell 2008 heißt „Wjuga“ („Schneesturm“) und ist in Winter-Tarnfarben lackiert.

Modell "Pustinja" 2007 - Das Sondermodell von 2007 erhielt den Namen „Pustinja“ („Wüste“).

Modell „Worona“ 2006 - Das erste Sondermodell war 2006 die schwarze „Worona“ ("Der Rabe").

Technische Daten der M72

Die M72 ist eine Ikone - sie war das erste sowjetische Gespannmotorrad, das auf breiter Front zum Einsatz kam. Entwickelt auf Basis der deutschen BMW R71, vereint sie robuste Technik, einfache Wartung und ein unverwechselbares Design. Die M72 ist kein Leichtgewicht, aber sie wirkt kompakt und solide.

  • Motor: luftgekühlter Zweizylinder-Boxermotor mit hängenden Ventilen
  • Kraftstofftank: 22 Liter, inklusive Reserve
  • Elektrik: klassische 6-Volt-Anlage
  • Getriebe: Viergang-Getriebe
  • Rahmen: zweiteiliger Rohrrahmen
  • Vorderradgabel: Teleskopgabel mit hydraulischen Dämpfern
  • Hinterrad: Federbeine

Die M72 ist mehr als nur ein Motorrad - sie ist ein Meilenstein. Ihre Technik ist solide, durchdacht und auf Langlebigkeit ausgelegt.

Eigenschaft Wert
Höchstleistung 16 kW (22 PS) bei 4950 U/min
Gewicht (betriebsfertig) ca. 350 kg
Transportkapazität drei Personen mit Gepäck und Ausrüstung

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