Ural Motorrad Geschichte: Eine Reise von Bayern in die Welt

Die Geschichte der Ural-Motorräder ist eng mit der deutschen Motorradmarke BMW verbunden. Gespanne sind motorisierte Vehikel wie aus einer anderen Zeit. Zum Beispiel aus dem Jahr 1938. Damals verschickte das Münchner BMW-Werk einige Maschinen des Modells R 71 nach Moskau. Dort zerlegte man die Motorräder und baute sie fortan nach.

Heute werden sie wieder nach Bayern exportiert, in das Land des Originals. Sie sind beliebt. Aber warum? Ein Gespann vereint alle Nachteile des Autos mit denen eines Motorrads: Man wird bei Regen nass und kann sich trotzdem nicht in die Kurve legen. Aber es ist eben auch eine Herausforderung, so ein Gefährt zu fahren.

In den Kurven muss man das Ding mit Kraft fast in die richtige Richtung "schieben" und bei Linkskurven aufpassen, dass der Beiwagen nicht hochkommt. Weil ein Beiwagengespann eben ein asymmetrisches Gefährt ist, das nur geradeaus fährt, weil es so etwas wie "Vorlauf" und "Nachlauf" der Räder gibt; Begriffe, die freilich schon aus der höheren Beiwagen-Mathematik stammen.

Die Anfänge: BMW R 71 als Vorbild

Die Ural war und ist irgendwo noch immer eine Kopie einer BMW R71, die von 1938 bis 1941 in Bayern gebaut wurde, und diese 750er-Maschine war als Gespannmaschine für den Beiwagenbetrieb geeignet. 1938 lieferte BMW auch drei dieser bayerischen Motorräder nach Moskau, wo sie zerlegt, studiert und schließlich kopiert wurden.

Verlagerung der Produktion in den Ural

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Motorradproduktion 1941 dann aus der sowjetischen Hauptstadt hinter den Ural verlegt, in das Städtchen Irbit, in der Nähe des heutigen Jekaterinburg. Dort wurden bis heute mehr als drei Millionen Maschinen als Ural produziert, zuerst für das Militär, dann ab 1960 für den zivilen Bereich und schließlich auch für den Export.

Die chinesische Kopie

Von der russischen Kopie der bayerischen BMW R 71 gibt es auch eine chinesische Kopie. Diese Kopie der Kopie wurde nach 1956 unter dem Namen Yangtze gebaut, und wird auch heute noch als Changjiang 750 produziert. Als Tourist kann man heute mit diesen Gespannen an Touren teilnehmen und zum Beispiel die Chinesische Mauer ansteuern.

Die Ural im Wandel der Zeit

Bei gemeinsamen Manövern mit der deutschen Wehrmacht zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde die Rote Armee auf die deutschen BMW-R-71-Motorradgespanne aufmerksam (hergestellt von 1938 bis 1941), die mit einem Maschinengewehr und dem Behördenbeiwagen TR500 ausgerüstet waren und sich wegen ihrer Schnelligkeit und Wendigkeit sehr bewährt hatten.

Das sowjetische Verteidigungsministerium beriet zu dieser Zeit über die Anschaffung neuer Fahrzeuge. Nach längerer Diskussion wurde entschieden, die R-71 im eigenen Land nachzubauen. Das sowjetische Militär hatte schon vor dem Krieg BMW-Boxer-Motorräder gekauft, analysiert, mit Harley-Davidson verglichen und dann den BMW-Boxer aufgrund der besseren Kühlungseigenschaften als nachzubauendes Fahrzeug ausgewählt.

Wie die Pläne in die Sowjetunion gelangt sind, ist historisch nicht einwandfrei geklärt. Eine verbreitete Version ist, dass fünf Exemplare des BMW-Motorrads über das neutrale Schweden in die Sowjetunion eingeführt wurden und dort über Reverse-Engineering die Grundlage für die Ural-Produktion bildeten.

Die M-72 wurde bis 1957 in Irbiter Motorradwerken hergestellt, wobei das M für „Motozikl“ (russ. Мотоцикл für Motorrad) steht. Die M-72 war zunächst eine detailgetreue Kopie der BMW R 71. Da diese Maschine für schweres Gelände jedoch ungeeignet war, wurde das Modell laufend verbessert: Neuer Luftfilter mit Ölfüllung, höher gelegtes vorderes Schutzblech sowie hinterer Schutzblechbügel zum besseren Aufklappen des Schutzbleches, was den Radwechsel erleichterte.

Ebenso eingeführt wurden Knotenbleche an der hinteren Stoßdämpferaufnahme, nachdem es im Feldeinsatz zu Rahmenbrüchen gekommen war. Die M-72 wurde mit einem quadratisch ausgelegten (Bohrung x Hub 78 × 78 mm), seitengesteuerten 2-Zylinder-Viertakt-Boxermotor ausgestattet. Seine Höchstleistung betrug 16 kW (22 PS) bei 4950 U/min. Das Gespann wog betriebsfertig etwa 350 kg und konnte drei Personen mit Gepäck und Ausrüstung transportieren.

Ab 1941 lief die Produktion der Seitenwagenmotorräder in Moskau auf Hochtouren. In der Moskauer Fabrik wurden 1753 Motorräder produziert, bevor die Wehrmacht näher rückte und die Fabrik 1200 Kilometer weiter nach Osten nach Irbit ins Ural-Gebirge verlegt wurde. Dies führte schließlich zum Namen „Ural“ für das Gespann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Zweizylinder-Boxer-Modelle in Irbit - wie auch im neuen Kiewer Dnepr Werk - weiterhin hauptsächlich für das Militär und sonstige Behörden gebaut. Infolge des steigenden Bekanntheitsgrades wurde im Jahr 1953 entschieden, die Ural-Motorräder auch zu exportieren.

Ab den 1960er Jahren stiegen die Ural-Werke in die Produktion rein ziviler Motorräder ein. Die Konstruktion wurde dabei weiterentwickelt u.a. im Bereich des Zylinderkopfes, des Rahmens und der Vordergabel, so dass von der ursprünglichen R 71 lediglich die Grundkonzeption erhalten blieb.

Insbesondere die Ausstattung späterer Modelle mit auf der R 75 basierenden OHV-Motoren führte zu einer Abkehr vom ursprünglichen R-71-Konzept und verdeutlichte die Eigenständigkeit diese Nachfolgemodelle. Die Fertigung von Fahrzeugen für das Militär wurde eingestellt.

Mittlerweile wurde nicht mehr der alte und unverwüstliche Seitenventiler-Motor mit 750 cm³ gebaut, sondern schon eine Eigenentwicklung mit 650 cm³ und hängenden Ventilen (Ventilbetätigung mittels Stößelstangen durch eine im Motorgehäuse gelagerten Nockenwelle), der sich schon dadurch vom 650 cm³ OHV-Motor der Dnepr Modelle erheblich unterschied.

1966 verließ die 500.000. Maschine das Werk in Irbit. Ab 1970 importierte der Londoner Fred Wells erstmals die damalige Ural M-63 nach Großbritannien. Von 1972 bis 1979 hatte die „Soviet American Trade Association“ (SATRA) die Konzession für den Export sowjetischer Motorräder und führte in den angelsächsischen Ländern den Handelsnamen «Cossack» ein.

In den deutschsprachigen Ländern waren die Motorräder aus Irbit jedoch immer unter dem Namen „Ural“ bekannt. 1975 wurde das 1.000.000ste Motorrad in Irbit produziert. 1989 waren bei IMZ Ural schon 2 Millionen Maschinen vom Band gelaufen.

Im November 1992 wurde die staatliche Fabrik privatisiert und in Uralmoto AG umbenannt. 40 Prozent der Aktien wurden dem damaligen Management und den Mitarbeitern zugeteilt und 38 Prozent wurden in Form von Privatisierungs-Gutscheinen größtenteils an Management und Mitarbeiter versteigert.

Ab Modelljahr 1998 werden die Gespann-Modelle unter der Bezeichnung Ranger (Gear-Up), Patrol (Sportsman), Tourist und Retro gebaut. Die Solo-Modelle heißen ab 1991 Wolf, Ural Solo und Retro Solo. Sämtliche Modelle verwenden seit 2008 den gleichen luftgekühlten Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor mit 745 cm³ Hubraum. Die Nennleistung beträgt dabei 29 kW.

Nachdem das Unternehmen von 1998 bis 2000 einer privaten russischen Investorengruppe gehörte, kauften im Jahre 2000 drei in den USA lebende russischstämmige Unternehmer die Fabrik. Seinen letzten bedeutenden Großauftrag erhielt das Irbiter Motorradwerk 2002, als die irakische Regierung unter Saddam Hussein 1.000 Ural-Gespanne bestellte. Ausgeliefert wurden die grau lackierten Gespanne mit 650er-Motor, E-Starter und Alu-Zylinder.

Die neuen Eigentümer setzten ein neues Management ein. CEO ist Wladimir Kurmatschew, als Chefdesigner fungierte Sergei Swetlowski. Bei einer kompletten Reorganisation der IMWA wurde das über mehrere Hektar verteilte Fabrikgelände stark verkleinert, die Anzahl der Mitarbeiter auf heute rund 150 Mitarbeiter reduziert und in Teilbereichen neue Produktionstechniken eingeführt.

Dazu gehörte eine Qualitätskontrolle an allen Punkten der Produktion und Zukauf von Komponenten aus 15 westlichen Ländern. Ebenfalls seit dem Modelljahr 2008 werden viele sicherheitsrelevante Bestandteile aus westlichen Ländern verbaut: So werden Keihin L22AA 32-mm-Vergaser und Denso-Lichtmaschinen aus Japan eingebaut.

Aus Italien kommen die elektronische Zündanlage von Ducati Energia, die Lenkerarmaturen, Züge, Hebel sowie die Brembo-Scheibenbremsanlage am Vorderrad. Aus Deutschland werden ZF Sachs-Stoßdämpfer und Herzog-Zahnräder (Motor, Getriebe) verbaut. Auch alle Lager, Wellendichtringe, Schrauben, Muttern, Kabel und elektrischen Verbindungsstecker am Gespann sind westlicher Herkunft.

Nach all diesen Verbesserungen gelten die Ural-Gespanne ab Baujahr 2008 als zuverlässige und alltagstaugliche Fahrzeuge. Der Endantrieb erfolgt über Kardan. Bei den Modellen Ranger und Sportsman lässt sich der Beiwagenradantrieb zuschalten.

Allerdings erfolgt die Übersetzung 1:1 ohne Differential. Somit sollte er nur für Fahrten im Gelände benutzt werden, wo man mit dem normalen Hinterradantrieb nicht mehr weiterkommt.

Hauptabsatzmarkt sind mit 496 Motorrädern die USA. Fast so viele Maschinen werden nach Westeuropa geliefert, Einzelexemplare nach Kanada, Australien, Japan, Südafrika und Korea. Nur ganz wenige Ural Gespanne werden in Russland selbst verkauft. Im Jahr 2009 waren es gerade einmal 17 Maschinen.

Grund hierfür ist, dass die Motorräder aus Irbit für russische Verhältnisse teuer sind. So kostet ein Ural Retro-Gespann auf dem heimischen russischen Markt beispielsweise 355.000 Rubel, umgerechnet etwa 9000 Euro.

Das Händlernetz umfasst in den USA und in Europa je 60 Händler, in Kanada 10, in Australien 5, in Japan 3 sowie einzelne Händler in Korea, Neuseeland und den Golf-Staaten, insgesamt rund 140 Händler weltweit.

Technische Daten im Überblick

Die folgende Tabelle zeigt einige technische Details der Ural-Motorräder:

MerkmalDetails
MotorLuftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor
Hubraum745 cm³
Leistung29 kW (40 PS)
AntriebKardan
ModelleRanger (Gear-Up), Patrol (Sportsman), Tourist, Retro

Die Ural heute: Kult und Individualität

Doch zurück ins oberbayerische Pfaffenhofen. Wer kauft sich heute ein Ural-Gespann, das mittlerweile rund 10 000 Euro kostet und somit alles andere als ein Schnäppchen ist? "Das sind Familienväter", sagt Gespannhändler Peintner, "die sich einen Traum erfüllen wollen." Oder ältere Motorradfahrer, deren Ehefrauen nicht mehr auf dem Soziussitz Platz nehmen wollen. Manche fahren auch Gespann, weil sie so ihren Hund mitnehmen können. Oder die Kinder. Es ist ein sehr spezielles Hobby, das aber immer mehr Freunde findet.

"Du bist wie der Maschinist, es fehlt nur noch, dass man Kohlen nachlegen muss", erklärt Peintner den puristischen Reiz des Gespannfahrens. Seitdem die Ural-Werke privatisiert wurden, legt man Wert auf verschiedene Ausführungen, neben der "Retro", die dem Original sehr nahekommt, gibt es Varianten wie die "Tourist" oder die "Sportsman". "Ein Renner", sagt Peintner, sei die geländegängige Ranger-Variante mit angetriebenem Seitenwagen. Wichtig in Bayern: Der aufklappbare Kofferraum im Beiwagen hat Bierkastengröße.

Wer im Münchner BMW-Museum nach dem Ural-Original, der BMW R 71, Ausschau halten will, wird dort übrigens nicht fündig. Das Museum hat zwar eine Maschine des Typs in seiner Sammlung, sie wird aber aus Platzgründen nicht ausgestellt. Kein Platz ist im Museum auch für ihren Nachbau, die Ural oder gar die chinesische Kopie. "Das ist nicht unsere Geschichte", sagt Museumssprecher Manfred Grunert, "das ist wohl eher Sache des Ural-Museums." Dieses befindet sich im weit entfernten Irbit, wo auch noch eine der ursprünglich kopierten Maschinen stehen soll.

Die Ural ist übrigens nicht das einzige Beispiel für bayerische Verbindungen in Sachen weltweiter Motorradproduktion. Eine weitere Beziehungslinie führt zum Beispiel nach Thiruvottiyur, ein Vorort der südindischen Metropole Chennai.

Hier, in den Produktionshallen an der Thiruvottiyur High Road, laufen jene legendären Motorräder vom Band, die seit 50 Jahren über die indischen Staubpisten und Schlaglöcher knattern und auch in Deutschland mittlerweile Kultstatus erlangt haben.

"Royal Enfield" ist in roten Lettern über dem Werkstor geschrieben. Diese englische Firma baute seit 1901 Motorräder und hatte ihre großen Erfolge in den 50er-Jahren. Doch 1970 kam das Ende für die Firma - allerdings nicht in Indien, dort wurde in Lizenz fleißig weiterproduziert.

Zum Beispiel die Motorradlegende Taurus - eine 325er-Dieselmaschine mit 6,5 PS und einer angeblichen Reichweite von 1000 Kilometern pro Tankinhalt. Heute werden in das Enfield-Chassis Dieselmotoren der in Ruhsdorf bei Passau ansässigen Firma Hatz eingebaut.

1994 wurden die indischen Enfield-Motorradwerke von der Eicher Group aufgekauft. Sie geht zurück auf die Gebrüder Eicher, die ab 1936 nahe bei München Traktoren für die Landwirtschaft bauten, woran Sprüche wie "Wird der Bauer reicher, fährt er Eicher" erinnern. Doch 1984 musste die Firma in Bayern Konkurs anmelden, nachdem sie von der einstigen indischen Tochterfirma übernommen wurde.

Heute sitzen all die Glücklichen, die sich eine Ural leisten können, im Sattel und genießen die Freiheit auf drei Rädern.

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