Wadenschmerzen beim Radfahren: Ursachen und Behandlung

Wadenschmerzen sind in der Physiotherapie-Praxis kein seltenes Phänomen und können viele Ursachen haben. Sie können ganz unterschiedlich in Erscheinung treten: in Ruhephasen, ein- oder beidseitig, beim Sport oder auch danach.

Anatomie der Wade

Schauen wir uns kurz den Ort des Geschehens an, nämlich den Unterschenkel. Als Wade oder lateinisch „Regio suralis“ (Wadenregion) bezeichnet man den rückwärtigen, gewölbten Anteil des Unterschenkels. Die Wade erstreckt sich vom Knie abwärts bis zum Fußknöchel und wird von verschiedenen Muskeln gebildet. Sie weist eine nach hinten gewölbte Form auf, welche sie durch die Muskeln der Flexorengruppe des Unterschenkels erhält.

Gehen, Laufen, Springen - all dies ermöglichen dir diese Wadenmuskeln. Du kannst mit ihnen nämlich den Fuß heben und senken, das Knie anwinkeln oder den Fuß zur Seite drehen.

Wenn die Rede von der Wadenmuskulatur ist, so ist der dreiköpfige Wadenmuskel (Musculus triceps surae) gemeint, der über die Achillessehne am Fersenbein ansetzt. Der Zwillingswadenmuskel ist der größere von den beiden und besitzt einen inneren (medialen) und einen äußeren (lateralen) Muskelbauch. Zwillings- und Wadenmuskel verbinden sich in dieser Sehne, die dann bis zur hinteren Ferse weiter runterläuft.

Der Wadenmuskel (Musculus gastrocnemius) hat zwei Ursprünge, die außen und innen am Ende des Oberschenkelknochens auf Höhe des Kniegelenks entspringen. Der Schollenmuskel (Musculus soleus) als zweiter Hauptmuskel der Wade liegt unterhalb des Wadenmuskels und entspringt an den Schollenbeinen (Tibia und Fibula) sowie am Bindegewebe der Wade. Die Innervation der Wade erfolgt hauptsächlich über den Nervus tibialis.

Alle Wadenmuskeln zusammen heben beim Gehen die Ferse des hinteren Fußes mitsamt dem Körpergewicht hoch und leiten damit die Abrollbewegung ein. Ausserdem sind sie zum Teil bei der Beugung des Knies mitbeteiligt.

Ursachen von Wadenschmerzen

Taub, stechend, kribbelnd, brennend oder krampfartig - Wadenschmerzen können sich ganz unterschiedlich anfühlen.

Die Schmerzen können sich ziehend, bohrend, stechend oder brennend anfühlen und unterschiedlich lange andauern. Welche Behandlung die richtige ist, hängt vom Auslöser bzw. der Ursache der Schmerzen ab.

  • Vielfältige Ursachen: Wadenschmerzen können durch Muskelverspannungen, Überlastung, Durchblutungsstörungen oder Nervenreizungen entstehen.
  • Fehlhaltungen als Ursache: Dauerhafte Überlastungen entstehen oft durch eine falsche Körperhaltung oder Schiefstellungen (z. B. Hohlkreuz, O-Beine, gekrümmte Zehen).

Muskuläre Ursachen

Wir werfen einen Blick auf die häufigsten muskulären Ursachen: Verspannungen, Krämpfe, Zerrungen und Faserrisse sowie den allseits bekannten Muskelkater. Bei Muskelverspannungen ist der Muskeltonus dauerhaft erhöht. Eine Muskelverhärtung ist eine überaus schmerzhafte Form der Muskelverspannung.

Fehlbelastungen und Überlastungen im Sport und im Alltag können zu plötzlichen Kontraktionen (Anspannungen) der gesamten Wadenmuskulatur führen. Daneben können ein Flüssigkeitsmangel und der damit einhergehende gestörte Elektrolyt-Haushalt Wadenkrämpfe bewirken. Dann fehlen dem Muskel wichtige Mineralien wie Magnesium und Kalium.

Muskelverletzungen sind sowohl für Leistungssportler als auch Amateure eine häufige Komplikation. Typisch sind Zerrungen und Faserrisse in der Wadenmuskulatur infolge von abrupten Bewegungen: Bewegungsmuster, die dem Körper plötzliche Richtungswechsel mit Drehungen, Scherungen, Beschleunigungen und Bremsungen - wie beispielsweise im Fußball - abverlangen, fördern solche Verletzungen genauso wie ein verspanntes und unnachgiebiges Muskel-Faszien-Gewebe.

Ungewohnte Bewegungen und Anstrengungen stellen den Körper vor eine echte Belastungs-Herausforderung.

Achillessehnenschmerzen

Wie eingangs im Anatomie-Kapitel beschrieben, bilden die Wadenmuskulatur und die Achillessehne eine funktionale Einheit. Daher können Wadenschmerzen ihre Ursache auch in einer überbeanspruchten Achillessehne (Achillessehnenschmerzen) haben. Eine solche Überbelastung liegt insbesondere dann vor, wenn die verspannte und verfilzte Wadenmuskulatur eine zu hohe Zugkraft auf die Sehne ausübt.

Thrombose

Das Wort Thrombose bedeutet „Pfropf“ oder „Klumpen“ und genau ein solcher bildet sich aus geronnenem Blut in den Adern. Dieses Blutgerinnsel verstopft das Gefäß und behindert somit den Blutfluss. Eigentlich ist die Blutgerinnung ein wichtiger Prozess der Wundheilung, um bei Verletzungen die Blutung zu stillen. Die Symptome gelten unter Medizinern als unspezifisch und führen zu vielen falschen Positiv-Befunden.

Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK)

Im Volksmund „Raucherbein“ oder „Schaufensterkrankheit“ genannt, weil Betroffene ihre Schmerzen beim Gehen mit einer Pause vor einem Schaufenster kaschieren, ist die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) eine alarmierende Störung der Durchblutung in den Extremitäten. Der Grund: die Gefäßerkrankung Arteriosklerose. Die Gefäße verengen sich zunehmend.

Ablagerungen aus Kalk, Fett und Eiweißen bilden sich in ihnen und stören den Blutfluss, bis schließlich ein kompletter Gefäßverschluss eintritt. Mit der Gefäßverkalkung steigt auch das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Nierenprobleme. Bei fünf bis 20 Prozent der Erwachsenen liegt eine pAVK vor.

Nervenschädigungen/-kompressionen

Eine weitere Möglichkeit für Wadenschmerzen können Nervenschädigungen/-kompressionen direkt im Bein oder vom Rücken ausstrahlend sein. Kommt der Wadenschmerz vom Rücken, können dahinter diverse Erkrankungen stecken, die die peripheren Nerven des unteren Rückens beeinträchtigen: Bandscheibenvorfälle oder Spinalkanalstenose.

Auch ohne Nervenbeteiligung kann der Rücken bei Schmerzen in den Waden beteiligt sein: Bei Fehlhaltungen wie dem Hohlkreuz sind die Knie oft durchgestreckt, der Körperschwerpunkt liegt hinten und das Becken ist nach vorne gekippt. Daraus resultieren hohe Spannungen in den Muskeln der Körperrückseite, vornehmlich in den Beinen.

O-Beine und Hohlfüße sind Bein-Fuß-Fehlstellungen, die beidseitige Wadenschmerzen auslösen.

Weitere Ursachen

Nächtliche Wadenkrämpfe sind beispielsweise ein Symptom, von dem kaum ein Mensch verschont bleibt. Sie deuten üblicherweise auf Muskelverspannungen oder einen Vitaminmangel hin.

Chronische Wadenschmerzen oder Unterschenkelschmerzen gehen in vielen Fällen von verspannten Unterschenkelmuskeln und/oder vom Bindegewebe auf diesen Muskeln aus. Häufig kommen die Schmerzen bei oder nach starker Beanspruchung (z.B. bei längerem Joggen, beim Heben von Gewichten, nach einer Bergwanderung).

Der Ursprung dieser Schmerzen und Missempfindungen aus dem Bindegewebe / Faszien der Haut und Unterhaut wird oft lange nicht erkannt (siehe auch andere Missempfindungen). Schmerzen und Missempfindungen aus dem Bindegewebe / Faszien treten häufig in Ruhestellung auf (z. B. nachts beim Liegen) und können zu unruhigen Beinen beitragen (näheres unter Restless legs).

Bindegewebige Wadenverspannungen und Wadenschmerzen können auch Relikte alter Verletzungen sein, an die man sich kaum mehr erinnert. Narben durch Operationen, z.B. Venenoperationen oder Bruch- bzw.

Ist die Außenseite des Unterschenkels dauernd angespannt, hat man außer den Unterschenkel-Schmerzen meist auch einen Knick-Senk-Fuß, manchmal sogar einen Plattfuß (siehe Fehlstellungen Füße). Schmerzen am Unterschenkel außen sind häufig mit X-Beinen verbunden, bei denen sowohl die Ober- wie die Unterschenkel außen chronisch angespannt sind (Fehlstellungen Beine). Die Knie sind dabei durchgedrückt.

Die langen Zehenbeuger-Muskeln, krümmen die Zehen. Sie befinden sich in der Wade unter den großen Wadenmuskeln und erstrecken sich mit ihren Sehnen bis in die Fußsohle und Zehen. Ihre Dauerkontraktion bewirkt ständig gekrümmte, gekrallte Zehen.

Muskelkrämpfe beim Radfahren

Egal, wie gut er gerade in Form ist: Auf den letzten Kilometern einer langen Tour kann es Thomas Goldmann jederzeit erwischen. Es kündigt sich mit einem harmlosen ­Zucken im vorderen Oberschenkel an - und Sekunden später ist der gesamte Muskel schmerzhaft verkrampft.

Bei einem Muskelkrampf, in der Medizinersprache “Spasmus” genannt, zieht sich ein Muskel oder ein Teil eines Muskels plötzlich und teils unter heftigen Schmerzen stark zusammen. Er fühlt sich steinhart an, kontrahiert scheinbar grundlos und ohne, dass sich das willentlich steuern ließe.

“Die Wadenmuskulatur ist am häufigsten von Muskelkrämpfen betroffen”, sagt Prof. Dr. Michael Behringer, Sportmediziner und Leiter des Arbeitsbereichs Sportmedizin und Leistungsphysiologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. “Beim Radfahren können aber noch andere Muskeln betroffen sein, die Fuß- oder Oberschenkelmuskulatur zum Beispiel.”

Laut Behringer, der in seiner Karriere viel zum Thema Muskelkrämpfe beim Sport geforscht hat, ist die Ursache eher eine neurologische: “Das Rückenmark, das die Muskulatur ansteuert, erhält immer hemmende und aktivierende Informationen. Im Zuge muskulärer Ermüdung kommt es aktuelleren Untersuchungen zufolge zu einem Ungleichgewicht zwischen den hemmenden und aktivierenden Informationen - zugunsten der letzteren.”

Diagnose

Die Wadenzerrung wird klinisch diagnostiziert. Die klinische Untersuchung liefert gemeinsam mit der passenden Anamnese die Diagnose: Oben genannte Risikofaktoren werden erfragt.

Wenn es „ein bisschen zieht“: Erstmal Pause und vorsichtig dehnen. Bei der Therapie der Wadenzerrung sollte in der Akutphase die sogenannte PECH-Regel angewendet werden: Pause, Eis, Compression, Hochlagern.

Es wird empfohlen, die Ermüdungsresistenz der Muskulatur durch gezieltes Training zu verbessern und auf eine ausgewogene Zufuhr von Elektrolyten wie Kalium und Natrium zu achten.

Behandlung

Sofortmaßnahmen bei Muskelkrämpfen

Dehnen sei die beste Sofortmaßnahme, rät Behringer: “Dadurch bringt man das Un­gleich­­gewicht zwischen hemmenden und aktivierenden Feed­back­informationen wieder ins Gleichgewicht, hin zu mehr Hemmung.” Bei einem Wadenkrampf muss man dafür nicht einmal vom Rad steigen. Die Wade zu dehnen, ist während der Fahrt möglich - einfach die Ferse bei unten stehendem Pedal nach unten drücken, bis der Schmerz nachlässt.

Als Sofortmaßnahme bei einem Krampf reicht es meist, den Muskel zu massieren und langsam und vorsichtig zu dehnen. Am einfachsten gelingt dies, wenn Sie die Zehen - eventuell mithilfe der Hand - in Richtung Schienbein ziehen und die Position für einige Sekunden halten. Ebenfalls hilfreich können eine warme Dusche oder eine auf die betroffene Stelle gelegte Wärmflasche sein, da beides die Muskulatur entspannt. Das Ausschütteln der Beine und vorsichtiges Gehen können einen Krampf im Bein ebenfalls lindern.

Physiotherapie

Die Physiotherapie wendet verschiedene Verfahren zur Behandlung von Schmerzen im Bereich der Waden an. Neben der klassischen physiotherapeutischen Behandlungsmethode der Manuellen Therapie bietet sich die sogenannte Faszientherapie (Myofascial Release) an. Mithilfe spezieller manueller Drucktechniken lassen sich Blockaden, falsche Bewegungsmuster und verklebte Faszien lösen.

Zur Unterstützung bei der Lösung muskulärer Verspannungen kann die Anwendung einer Stoßwellentherapie sinnvoll sein. Auch das Kinesiotaping kann die Muskelspannung und -funktion positiv beeinflussen und dazu beitragen, Schmerzen zu lindern. Je nach Art und Ursache der Schmerzen eignet sich auch eine Lasertherapie.

Weitere Behandlungsansätze

Vor dem Sport am besten vorbereiten und aufwärmen.

Gewohnheiten ändern, um Verkürzungen zu vermeiden, die Muskulatur zu entlasten und neue Bewegungswinkel einzunehmen. Wie wäre es denn mit einem höhenverstellbarem Schreibtisch, mit dem du dann auch im Stehen arbeiten kannst? Oder baue doch in deine Sporteinheit neue Bewegungsmuster ein: zum Beispiel beim Joggen ein paar Sprünge (Hopserlauf).

Regelmäßige Dehnungseinheiten sind zudem der Anstoß für eine abwechslungsreiche Bewegung. Eine Faszien-Rollmassage aber kann die Achillessehne flexibilisieren und die Beweglichkeit steigern.

Vorbeugung

Um Krämpfe beim Sport zu verhindern, eignen sich alle Maßnahmen, die die Ermüdungsresistenz verbessern, sagt Sportmediziner Behringer. Was ebenfalls gegen vorzeitige Muskelermüdung hilft: Training beziehungsweise ein vernünftiger, individuell passender Trainingsaufbau, damit die Muskulatur nicht über­fordert wird; regelmäßiges Dehnen verkürzter Muskeln. Und dann wäre da noch die Sache mit der Sitzposition.

Empfohlen werden regelmäßiges Dehnen der betroffenen Muskeln oder leichte sportliche Betätigung, etwa auf dem Heimtrainer, für einige Minuten vor dem Schlafengehen. Außerdem sollten Sie ausreichend trinken, mindestens anderthalb bis zwei Liter pro Tag - insbesondere nach dem Sport, nach körperlicher Arbeit und an warmen Tagen. Meiden Sie dagegen Alkohol und Koffein.

Bei einer verkürzten beziehungsweise verspannten Muskulatur helfen regelmäßige Fußgymnastik und leichter Sport wie Walking, Radfahren und Schwimmen, die Ihre Muskeln trainieren. Auch Yoga und andere Übungsformen können helfen. Verkrampfen sich Ihre Muskeln leicht, kann es zudem hilfreich sein, diese täglich sanft zu massieren.

Übungen zur Vorbeugung

Mache diese Übungen regelmäßig, um auch Muskelverletzungen im Sport vorzubeugen. Mit unserem Knieretter inklusive Trittschlaufe für den sicheren Stand übst du zuhause selbstständig bei Wadenschmerzen, Wadenkrämpfen oder Muskelzerrungen.

Damit bei unseren Übungen nichts schiefgeht, haben wir die wichtigsten Infos in einer Checkliste zusammengefasst. Übe immer in der richtigen Intensität und im Zweifelsfall lieber mit etwas geringerer Intensität. Du spürst dabei einen intensiven Schmerz, kannst aber während der Dehnung noch ruhig atmen. Bewege dich bei den Übungen so, dass du deinen Körper zu jedem Zeitpunkt beobachten und einschätzen kannst.

Verzichte so weit wie möglich auf die Einnahme von Schmerzmitteln. Unsere Liebscher & Bracht Übungen® nutzen deinen Schmerz als Ausgangspunkt und täglichen Vergleichswert. Führe an 6 Tagen pro Woche die Übung mindestens einmal täglich aus. Für jeden Übungsschritt solltest du 2 bis 2,5 Minuten investieren.

Benutze professionelle Hilfsmittel für deine Liebscher & Bracht Übungen®. Unsere Hilfsmittel wie Rücken-, Kiefer-, Schulter-, Knie-, Nacken- oder ISG-Ischias-Retter unterstützen Menschen dabei, die Liebscher & Bracht Übungen® noch einfacher durchzuführen und sich damit noch besser selbstständig bei Schmerzen helfen zu können. Sollten die Schmerzen aufgrund der Übungen zunehmen, besteht kein Grund zur Panik. Eine Erstverschlimmerung kann eine normale Reaktion deines Körpers sein.

Weitere Tipps

  • Die Außenkante des Fußes ist ständig hochgezogen, was sich negativ auf das Gehen auswirkt.
  • Harte, kaum biegsame Sohlen verhindern eine ausreichende Fußbewegung. Nicht nur die Füße auch die Waden werden starr und verspannt. Auch nach jahrelangen Tragen von hohen Absätzen verspannen und verkürzen sich die Wadenmuskeln.
  • Steht man mit dem Gewicht auf einem Bein, ist das oft eine Folge schmerzhafter Verletzungen des anderen Beins - oder von Schwächegefühlen des anderen Beins, die von der Verletzung zurück geblieben sind.

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0