Warum strecken Motorradfahrer das Bein in Kurven raus?

Hallo, ich bin gerade in den französischen Alpen unterwegs und habe mehrere Fahrer beobachtet, die in einer engen Kurve ihr Bein nach vorne abwärts ausgestreckt haben. Also auf der Straße und auch nicht in einer Spitzkehre (eher 30 km/h oder mehr). Frage: ist das nicht eher gefährlich als sinnvoll? Im Zweifel haut es einem doch das Bein weg!!?

Das Schwenken des Fußes vor einer Kurve ist eine Technik, die von Motorradrennfahrern verwendet wird, um das Gleichgewicht zu verbessern und das Motorrad beim Einlenken in die Kurve zu stabilisieren. Dies wird oft als "Dabbing" bezeichnet.

Indem sie ihren Fuß ausstrecken und ihn gegen den Boden halten, können die Fahrer das Gleichgewicht des Motorrads besser kontrollieren, insbesondere in schnellen Kurven oder bei starkem Schräglagenwinkel. Der Fuß fungiert als eine Art Gegengewicht und hilft dabei, das Motorrad auf Kurs zu halten. Nicht jeder Fahrer streckt beim Bremsen jedoch seine Füße aus und es kommt darauf an, womit sich der Fahrer wohler fühlt.

Es ist ein Phänomen, das vor Jahren im MotoGP-Zirkus Einzug hielt und inzwischen von nahezu allen Fahrern praktiziert wird. Die Rede ist vom Heraushalten des kurveninneren Beins in der Anbremsphase. Für das inzwischen als "Leg Wave" - also das "Winken mit dem Bein" - bekannte Phänomen, gibt es auch nach Jahren keine schlüssige Erklärung.

Theorien und Meinungen

Robert Glück, PS-Testredakteur meint: Die Frage, ob die "Bein-Raus"-Nummer etwas bringt oder nicht, hat auf den Fahrstil von uns Hobbyfahrern besser keinen Einfluss. Ich finde, es sieht dämlich aus. Aber so lange einen Leute, die nicht gerade Teuchert, Nebel, Bauer oder Tode heißen, Ende der Parabolika in Hockenheim oder in Oschersleben ohne "Bein-Raus"-Trick ausbremsen, sollte man eher im konventionellen Bremsstil weiter üben, als solche Faxen zu machen.

1. Schwerpunktverlagerung

Tech-3-Yamaha-Crewchief Guy Coulon versucht sich in einer möglichen Theorie: "Das ist schwer zu beantworten. Wir glauben, dass der Schwerpunkt nach innen verlagert wird, wenn der Fahrer das Bein in diese Position bringt. Das Bike bleibt dadurch beim Bremsen länger stabil", so der Franzose gegenüber 'MotoMatters.com'.

Da der Fahrer in der Anbremsphase "in einer geraden Position auf dem Motorrad sitzen muss und beispielsweise die Schultern nicht bewegen kann", hat sich im Laufe der Jahre das "Waving" mit dem Bein eingebürgert, um die Maschine zu stabilisieren.

2. Psychologischer Effekt

Valentino Rossi war vor Jahren der erste Fahrer, bei dem das "Waving" mit dem Bein zu sehen war. Bis heute ist der "Doktor" diesem Stil treu geblieben. In der Anfangszeit des Phänomens machten Spekulationen die Runde, dass Rossi allein aus der Tatsache, dass andere Fahrer seinen Stil kopierten, einen psychologischen Vorteil zog.

3. Stabilisierung des Motorrads

Wilco Zeelenberg, im Yamaha-Werksteam als Teammanager für den amtierenden Champion Lorenzo tätig, bestätigt die Eindrücke Coulons. "Sobald du den Fuß von der Raste nimmst, beginnt das Bike zu 'wandern' und du musst nach Stabilität suchen."

Zeelenberg, in der Saison 1990 Sieger des Großen Preises von Deutschland der 250er-Klasse auf dem Nürburgring, praktizierte den für viele ungewöhnlich wirkenden Stil des "Leg Wave" nie und hält in Bezug auf Fahrer wie Casey Stoner, Dani Pedrosa, Cal Crutchlow oder eben Rossi fest: "Mir kommt es so vor, als würden diese Fahrer versuchen, das Bike zu stabilisieren, wenn das Vorderrad stark belastet wird."

4. Entspannung und mentale Entlastung

Zeelenberg, der es in seiner aktiven Karriere Ende der 1980er und Anfang der 1990er-Jahre auf knapp 100 Grand-Prix-Einsätze brachte, hat noch eine andere Theorie parat: "Wenn du spät bremst - und damit meine ich so richtig spät - dann geht dein Puls nach oben. Dann verkrampfst du auf dem Bike. Durch das Heraushalten des Beins wird der Körper wieder entspannt und du kannst das Motorrad in die Kurve zwingen."

Tatsächlich tritt das "Winken mit dem Bein" verstärkt dann auf, wenn der Fahrer von außen betrachtet seinen Bremspunkt eigentlich schon verpasst hat. "In dem Moment, wo der Fahrer das Gefühl hat 'Mist, es reicht nicht mehr', nimmt er den Fuß von der Raste. Es ist gewissermaßen eine Art, die mentale Sperre, die Kurve nicht zu kriegen, noch zu durchbrechen", glaubt Zeelenberg.

5. Panikreaktion

Honda-Pilot Crutchlow vertritt seine ganz eigene Version: "Ich denke nicht, dass es etwas bringt. Mir wäre es deutlich lieber, wenn ich meine Füße auf den Rasten lassen würde", kommentiert Crutchlow und erklärt: "Man macht es automatisch, weil man eine gewisse Panik entwickelt. Man rutscht auf diesen Motorrädern so weit nach vorn, weil die Vorderreifen so viel Haftung entwickeln. Zudem taucht das Motorrad beim Bremsen tief in die Gabel. Man hält das Bein automatisch raus."

"Wenn man als Kind zum ersten Mal Fahrrad fährt, dann versucht man als erstes das Bein zum Bremsen zu nutzen. Das ist hier das gleiche", ist Crutchlow überzeugt. "Das Problem ist, dass man hier ständig am Limit ist. Man zweifelt in jeder Kurve, ob man ausreichend abbremsen kann. Das ist meine Erklärung für dieses Phänomen. Jeder, der etwas anderes erzählt, redet Schwachsinn", betont der LCR-Pilot in seiner unverfälschten Art und Weise.

Messergebnisse und Fahrversuche

Zur Klärung der Frage "Was soll das abgespreizte Bein?" wurde eine Aprilia RSV4 R mit Federweg- und Lenkwinkel-Sensoren sowie einem gps-gestützten Geschwindigkeitssensor ausgerüstet. Für die Grundlagentests wählte PS eine Landebahn bei Tuttlingen aus. Dort wurde die Aprilia RSV4 R von PS-Tester Robert Glück auf über 240 km/h beschleunigt und dann in drei unterschiedlichen Sitzhaltungen bis auf 120 km/h mit gezogener Kupplung ausgerollt.

Mit diesen Ausrollversuchen kann der Fahrwiderstand, der sich aus Roll- und Luftwiderstand zusammensetzt, gemessen und verglichen werden. Die Messwerte zeigen, dass der Luftwiderstand bei hohem Tempo einen großen Einfluss auf die Bremsverzögerung hat.

Ergänzend zu den Ausrollversuchen legte der PS-Tester eine Serie von Vollbremsung auf der letzten Rille aufs Parkett, um die objektiven Messwerte mit subjektiven Eindrücken zu koppeln.

Ein weiterer entscheidender Faktor bei einer Vollbremsung mit einem Supersport- oder GP-Motorrad ist die Schwerpunkthöhe, die darüber entscheidet, wie früh das Hinterrad abhebt und damit die Bremsverzögerung einschränkt.

Um die Schwerpunktlage zu ermitteln, muss die Achslast der Maschine mit Fahrer in den drei Sitzpositionen gemessen werden. Die auf 100 Gramm genauen Werte geben bei der Ausgangsmessung in waagerechter Position die Gewichtsverteilung von Vorder- zu Hinterrad wieder. Danach wird das Fahrzeug mit Fahrer am Vorderrad um einen bestimmten Betrag (in diesem Fall 710 mm) angehoben und die Achslasten in dieser Position nachgemessen.

Ein Berechnungsprogramm zaubert dann aus allen Messwerten die Schwerpunkthöhe (Y-Achse) und den Abstand zum Vorderrad (X-Achse). Bei diesen Nachmessungen müssen die Negativfederwege exakt in der Position fixiert werden, wie sie bei der Grundmessung ermittelt wurden.

Ergebnisse der Messungen

Betrachtet man die gewonnenen Messwerte, wird klar, dass die "Bein-Raus"-Nummer nur im ganz hohen Geschwindigkeitsbereich, sagen wir ab 200 km/h, wirklich Sinn macht. Der Ausrollversuch von 230 bis 180 km/h zeigt, dass der Luftwiderstand mit einem Bein draußen die Verzögerung von 3,8 m/s² auf 4,7 m/s² erhöht. Diese Luftbremse wird exponentiell größer, je schneller gefahren wird. Das ergibt beachtliche Werte. Allerdings zerren bereits bei 250 km/h riesige Kräfte am baumelnden Bein. Durch die mehrfach wiederholten Bremsversuche sind wir deshalb der Meinung, dass selbst austrainierte MotoGP-Piloten diese Belastung über eine Renndistanz unmöglich durchhalten.

Darum halten die Fahrer ihr Bein erst im letzen Teil des Bremsvorgangs und nicht schon beim Anlegen der Bremse in den Wind. In diesem mittleren Geschwindigkeitsbereich bis 130 km/h verringert sich zwar der aerodynamische Effekt, doch der tiefere Schwerpunkt beim "Bein-Raus" macht sich jetzt tatsächlich positiv bemerkbar. Durch das hängende Bein sinkt der Schwerpunkt an der für die Tests benutzten Aprilia um fast zehn Millimeter. Dazu addiert sich die Luftbremse. Bei konventioneller Bremshaltung bei 130 km/h sind das 1,4 m/s², beim "Bein-Raus"-Stil immerhin 1,6 m/s².

Legt man jetzt bei einer Vollbremsung von 230 auf 130 km/h eine mechanische Verzögerung von 9,8 m/s² zugrunde, ergibt das für die "Bein-Raus"-Variante einen Vorsprung von 1,33 Metern am Einlenkpunkt. An sich ein sehr kleiner Wert, auf dem hohen Niveau des MotoGP vielleicht jedoch entscheidend?

Tabelle: Messwerte im Vergleich

Messung Fahrer in Bremsposition Fahrer in Bremsposition + Fuß raus
Maximale Verzögerung bei 230 km/h 3,8 m/s² 4,7 m/s²
Verzögerung von 230 auf 180 km/h 3,2 m/s² 3,9 m/s²
Verzögerung von 230 auf 130 km/h 2,4 m/s² 2,8 m/s²
Maximale Verzögerung bei 130 km/h 1,4 m/s² 1,6 m/s²
Vorsprung in Meter beim Einlenken mit 130 km/h 0,76 Meter 1,33 Meter
CG Höhe 670,2 mm 661,7 mm

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0