Die Jagd nach dem Geschwindigkeitsweltrekord auf dem Fahrrad hat eine lange und faszinierende Geschichte. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein Mythos um solche Rekorde, der sowohl Zuschauer als auch Fahrer in seinen Bann zog.
Frühe Rekordversuche
Schon im vorvergangenen Jahrhundert begann der Irrsinn der Superraserei auf Fahrrädern. 1899 hatte Charles Murphy eine verrückte Idee: Er ließ sich von einer Lokomotive auf Geschwindigkeit ziehen, ließ die Lok los und raste dann alleine weiter. Niemals zuvor war ein Mensch mit 96 km/h auf dem Fahrrad unterwegs gewesen. Für dieses Event wurden auf einer Strecke von einer Meile extra Sperrholzplatten an den Eisenbahnschwellen befestigt.
Nachdem der Franzose José Meiffret 1962 zum ersten Mal die Marke von mehr als 200 Stundenkilometer (204.778 km/h) hinter einem Mercedes-Benz 300 SL auf einer deutschen Autobahn geknackt hatte, legte der amerikanische Arzt Dr. Allan Abbott, „The Flying Doctor“, am 25. Rekorde, die 1978 auch den Ehrgeiz von Jean-Claude Rude, zu jener Zeit professioneller Bahnradfahrer, befeuerten.
Jean-Claude Rude verfolgte Ende der 1970er-Jahre den Traum, der schnellste Radfahrer der Welt zu werden: 240 km/h war die atemberaubende Geschwindigkeit, die der französische Radprofi übertreffen wollte - im Windschatten eines Porsche 935 Turbo. Am Steuer saß Rennfahrer Henri Pescarolo. Er erinnert sich noch heute genau.
Der gescheiterte Versuch von Jean-Claude Rude
Dazu kontaktierte der Leiter von Rudes Bahnrad-Team den französischen Landsmann Henri Pescarolo - einer der bekanntesten und erfolgreichsten Rennfahrer der Siebzigerjahre, dessen Name nach 33 Teilnahmen und vier Siegen bis heute noch vielfach Erinnerungen an legendäre Le-Mans-Rennen weckt. Was nun noch fehlte, war ein leistungsstarkes Auto. Dafür holte das Rad-Team Porsche ins Boot. Eine Art trapezförmiger Schirm umspannte das Heck des Porsche, um maximalen Windschatten zu gewährleisten. Eine Rolle über die Länge der Stoßstange ermöglichte es Jean-Claude Rude mit seinem Vorderrad am Heck des Porsche 935 zu „kleben“, um sicher im Windschatten zu bleiben.
Auch das Fahrrad, das zum Einsatz kam, war kein gewöhnliches Modell. Das vordere Zahnrad erreichte nahezu den Umfang des Vorderrads, das hintere hatte gerade einmal einen Durchmesser von etwa zwei Zentimetern. Mit einer Kurbelumdrehung von rund 110 Zentimetern hatte das Rennrad ein außergewöhnlich großes Übersetzungsverhältnis - pro Kettenradumdrehung konnte Rude an die 27 Meter Strecke zurücklegen. Das bedeutete aber auch, dass das Rad zum Start von einem Motorrad mit Lanze angeschoben werden musste, da es aus eigener Kraft gar nicht in Schwung zu bringen war.
Während die vorausgegangenen Rekordfahrten von Meiffret und Abbott auf langen Geraden ausgetragen worden waren (Meiffret fuhr auf einer noch nicht fertiggestellten Autobahn in Deutschland, Abbott auf dem ausgetrockneten Salzsee von Bonneville), starteten Pescarolo und Rude unter erschwerten Voraussetzungen. Das Volkswagen-Testgelände in Ehra-Lessien bei Wolfsburg diente als Alternative, bot aber auch zusätzliche Herausforderungen: „Wir haben gleich gesehen, dass es schwierig sein würde“, erinnert sich Henri Pescarolo. „Es gab eine Kurve am Anfang und am Ende der Geraden.“ Bedingungen, die das Anfahren erschweren.
Am Mittwoch, den 23. August 1978, 10.30 Uhr, war es soweit. Nach einigen Warmlauf-Versuchen gelingt dem Duo der Start auf der Geraden. Jean-Claude Rude wird von einem Motorrad über eine Lanze angeschoben und kann seinen Sprint anziehen. Doch dann verliert Rude die Kontrolle über sein Rad. Der hintere Schlauchreifen löst sich mit einem Ruck von der Felge, verwickelt sich zwischen Rad und Rahmen. Rude gelingt es, das schleudernde Vehikel „wie ein Skifahrer“ im Griff zu halten und auf der Felge über die Bahn zu schlittern, bis er an Geschwindigkeit verliert und nach einigen hundert Metern zum Stehen kommt. „Das war das Ende des Rekordversuchs, aber wir waren sehr glücklich, dass ihm nichts passiert ist“, erinnert sich Pescarolo.
Aktuelle Rekorde und Rekordversuche
Bis heute hält der Niederländer Fred Rompelberg den absoluten Geschwindigkeitsrekord auf einem Fahrrad.
Am 14. Oktober 2021 erzielte der deutsche Radsportler Marius Prünte auf dem Dekra Lausitzring in Klettwitz (D) mit einem Tempo von 166,2 km/h den RID-Deutschland-Rekord für die »höchste Geschwindigkeit eines Fahrrads im Windschatten«. Für das Erzielen der neuen Rekordmarke benötigte Prünte insgesamt drei Versuche. Bereits beim Zweiten knackte er mit 158 km/h die Rekordzeit von 154,5 km/h, die Karl-Heinz Kramer (D) am 12. Oktober 1950 aufgestellt hatte. Für das Jahr 2022 kündigte Prünte bereits neue Ziele an. In den USA will er dann 300 km/h auf dem Fahrrad erreichen und sich damit den Weltrekord sichern.
Eine dreifache Mutter aus den USA kann es. Die 45-Jährige hat sich in der Salzwüste zuerst von einem Dragster mit einem Schleppseil auf 160 km/h ziehen lassen und dann bis auf 296 km/h beschleunigt.
Weltrekord in der Salzwüste von Salt Lake City: Am Schleppseil des Dragsters wurde Denise Mueller-Korenek bis auf 160 km/h beschleunigt.
Die Rekordfahrt verlief dann so: Die ersten 2,4 Kilometer fuhr Denise Mueller-Korenek mit einem Schleppseil am Auto befestigt mit Autoantrieb bis auf eine Geschwindigkeit von 160 km/h. Dann löste die Fahrerin des Dragsters, Shea Holbrook, die Verbindung und die 45-Jährige Mueller-Korenek profitierte die restlichen 5,6 Kilometer lediglich noch vom Windschatten des Fahrzeugs, um auf den Rekordwert von 296 km/h zu beschleunigen. Das Fahrrad für die Weltrekordfahrt wurde von der US-amerikanischen Fahrradschmiede KHS gesponsert und speziell für diesen Rekord entwickelt.
Es wurde statt mit Fahrradreifen mit 17-Zoll-Rädern und -Reifen von Motorradrädern ausgestattet, um den Schwerpunkt zu reduzieren. Der Rahmen des Rades ist zur Stabilisierung verlängert und verfügt über eine „Kurzweg“-Aufhängung, um die unvermeidlichen Vibrationen bei hoher Geschwindigkeit zu dämpfen.
Ein weiterer Extremsportler, der sich der Geschwindigkeitsherausforderung gestellt hat, ist Elias Schwärzler. Mit über 272 km/h auf einem serienmäßigen Mountainbike ist er jetzt offiziell “schnellster Mensch, der auf einem Fahrrad gezogen wurde”. Am 22. Mai 2022 war es so weit. Von einem Rennmotorrad ließ er sich über die Gerade des Hochgeschwindigkeits-Ovals des Lausitzrings ziehen. Mit offiziell 272 km/h verpasste er zwar sein selbst gestecktes Ziel, den Eintrag unter den Guinness World Records hat er aber sicher. Kein Mensch ließ sich zuvor so schnell auf einem Fahrrad ziehen.
Technische Innovationen und Herausforderungen
Um solch hohe Geschwindigkeiten zu erreichen, sind spezielle Fahrräder und Techniken erforderlich. Beim Rekordversuch von Denise Mueller-Korenek beschleunigte die motorisierte Zugmaschine Mueller-Korenek zunächst auf 80 km/h - aus eigener Kraft hätte sie bei dieser massiven Übersetzung nicht beschleunigen können. Zwei riesige hintereinander geschaltete Kettenblätter an einem Carbon-Spezialrahmen halfen der ehemaligen Bahnrad-Sprinterin, diese extrem hohe Geschwindigkeit zu fahren.
Der Geschwindigkeitsrekord der Eta ist der jüngste in einer langen Reihe von Weltrekorden im Zusammenhang mit Fahrrädern. Das schnellste Fahrrad der Welt ist das Aerovelo Eta, das 2016 mit einer Geschwindigkeit von 137,92 Kilometern pro Stunde (85,71 Meilen pro Stunde) gemessen wurde. Das Fahrrad wurde von dem kanadischen Ingenieur und Radfahrer Todd Reichert entworfen und gebaut.
Jedes Jahr werden in der Wüste von Nevada Geschwindigkeitsrekorde gebrochen. Teams aus aller Welt versuchen mit stromlinienförmig verkleideten Hightech-Rädern, die Grenzen für muskelbetriebene Fahrzeuge auszuloten. In diesem Jahr stellte der Kanadier Todd Reichert mit seinem Fahrzeug "Eta" einen neuen Rekord auf: Er erreichte am 18. September eine Geschwindigkeit von 144,17 km/h.
Das Rad sieht aus wie eine weiß schimmernde Rakete, die die Straße runterbrettert. Der Fahrer ist komplett umschlossen von einer aerodynamischen Hülle, aus der die Räder nur acht Millimeter herausragen. Um die Aerodynamic zu verbessern, gibt es keine Haube, aus der der Fahrer herausgucken kann, stattdessen gibt es zwei kleine Kameras wie eine Art Periskop, und der Fahrer navigiert, indem er innen auf die Schirme starrt. Es ist wirklich extrem eng, um den Luftwiderstand noch zu minimieren.
Weitere Geschwindigkeitsrekorde im Radsport
Auch abseits der absoluten Geschwindigkeitsrekorde gibt es beeindruckende Leistungen im Radsport:
- Downhill-Racing: Im Worldcup werden sogenannte Speedtraps aufgestellt, Zeitmessungen, die an besonders schnellen Passagen der Strecke die Geschwindigkeiten der Athleten ermitteln. Sie messen oft 60 km/h und schneller.
- Auf nur einem Rad: Bei seinem Weltrekord 2001 in Palmdale, Kalifornien, erreichte Bobby Root unglaubliche 138,6 km/h auf dem Hinterrad. Noch verrückter: Root stellte auch den Rekord für die schnellste Fahrt auf dem Vorderrad auf. Im Nose-Manual erreichte der Profi-Freerider sagenhafte 90,7 km/h.
- Top-Speed beim Absprung: Profi-Freerider Cam Zink stellte einen Weltrekord auf. Er flippte in Mamoth Mountain 30 Meter weit. Beim Absprung hatte er 74 km/h drauf.
- Auf Sand: 2011 Markus Stöckl (geb. 1974) saust seinem Geschwindigkeits-Weltrekord für Serien-Mountainbikes entgegen: 164,95 km/h auf Sand und Geröll auf dem Vulkankegel des Cerro Negro, Nicaragua.
- High-Speed bei der Tour de France: Die angeblich höchste Geschwindigkeit erzielte 2016 der deutsche Tour de Franc’ler Markus Burghardt vom Team BMC bei der Abfahrt Port de la Bonaigua mit gemessenen 130,7 km/h.
Geschwindigkeitsrekorde in anderen Sportarten
Zum Vergleich hier Geschwindigkeitsrekorde in anderen Sportarten:
- Wellenreiten: Bei seiner über 25 Meter hohen Rekordwelle erreichte Sebastian Steudtner Geschwindigkeiten über 80 km/h.
- Klippenspringen: Laso Schaller springt aus fast 60 Metern Höhe und trifft mit 123 km/h aufs Wasser auf.
- Windsurfen: Björn Dunkerbeck ist der schnellste Windsurfer der Welt mit 103,7 km/h.
- Skifahren: Simon Billy erreichte 255,50 km/h im Speed-Ski.
- Skydiving: Marco Hepp erreichte 530 km/h beim Speed Skydiving.
- Superstunt: Felix Baumgartner durchbrach die Schallmauer mit 1357,6 km/h.
Weitere bemerkenswerte Leistungen im Radsport
Neben den reinen Geschwindigkeitsrekorden gibt es auch andere beeindruckende Leistungen im Radsport, die hier kurz zusammengefasst sind:
- 1895 stellte der amerikanische Radfahrer Arthur Zimmerman den Weltrekord für die längste an einem einzigen Tag zurückgelegte Strecke auf, als er 584 Meilen (940 Kilometer) in die Pedale trat.
- 1937 fuhr der niederländische Radfahrer Jan Hettema 24 Stunden lang mit dem Fahrrad und legte dabei 1.003 Meilen (1.620 Kilometer) zurück und stellte damit den Weltrekord für die längste in 24 Stunden zurückgelegte Strecke auf.
- 1955 stellte der amerikanische Radsportler Bob Tetzlaff den Weltrekord für die schnellste Überlandfahrt mit dem Fahrrad auf, als er in 11 Tagen, 7 Stunden und 29 Minuten von Los Angeles nach New York City radelte.
- 1983 fuhr der amerikanische Radfahrer Steve Worland mit seinem Fahrrad in 6 Tagen, 10 Stunden und 55 Minuten von San Diego nach St. Augustine, Florida, und stellte damit den Weltrekord für die schnellste kontinentübergreifende Fahrradreise auf.
- 1986 fuhr der britische Radfahrer Dave Barter mit seinem Fahrrad in 245 Tagen um die Welt und stellte damit den Weltrekord für die längste Reise mit dem Fahrrad auf.
- 2000 stellte der amerikanische Radfahrer Pete Penseyres den Weltrekord für die längste an einem einzigen Tag zurückgelegte Strecke auf, als er 683 Meilen (1.098 Kilometer) in die Pedale trat.
- 2006 umrundete der britische Radfahrer Mark Beaumont die Welt in 194 Tagen und stellte damit den Weltrekord für die schnellste Weltumrundung mit dem Fahrrad auf.
- 2010 stellte der niederländische Radfahrer Wouter Weylandt den Weltrekord für die längste an einem einzigen Tag zurückgelegte Strecke auf, als er 671 Meilen (1.080 Kilometer) zurücklegte.
- 2012 umrundete der britische Radfahrer James Bowthorpe die Welt in 170 Tagen und stellte damit den Weltrekord für die schnellste Weltumrundung mit dem Fahrrad auf.
- 2013 stellte der amerikanische Radfahrer Kurt Searvogel den Weltrekord für die längste in einem Jahr zurückgelegte Strecke auf, als er 74.065 Meilen (119.012 Kilometer) zurücklegte.
- 2014 stellte die niederländische Radfahrerin Mina Guli den Weltrekord für die längste an einem einzigen Tag zurückgelegte Strecke auf, als sie 674 Meilen (1.086 Kilometer) in die Pedale trat.
- 2015 stellte der amerikanische Radfahrer Steve Messer den Weltrekord für die längste an einem einzigen Tag zurückgelegte Strecke auf, als er 687 Meilen (1.106 Kilometer) in die Pedale trat.
Jon Ornee's Rekordversuch über 100 Meilen
Der frühere Triathlet Jon Ornee stellte auf dem Michigan International Speedway mit zwei Stunden 20 Minuten 26 Sekunden und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 68,6 km/h hinter dem Minivan seines Vaters wohl einen neuen Weltrekord über 100 Meilen für Fahrräder auf. "Guinness World Records" prüft derzeit, und will in Kürze bekanntgeben, ob der Rekord anerkannt wird.
Zum Vergleich: Der Weltrekord für die schnellste 100-Meilen-Fahrt auf dem Rad ohne Windschatten liegt bei drei Stunden 11 Minuten, was einem Durchschnitt von 50,53 km/h entspricht.
Ornee absolvierte für seinen Rekordversuch 50 Runden auf der 3,17 km langen ovalen Rennstrecke in Brooklyn im US-Bundesstaat Michigan. Da nur eine Seite der Strecke völlig gerade war, musste Ornee in jeder Runde eine lange Linkskurve bewältigen.
Ornee weiter: "Ehrlich gesagt, ich hatte Angst. Rad- und Autofahrer sollten sich die Straßen eigentlich teilen, aber schlechte Infrastruktur, abgelenkte Fahrer und Wut - weil dieser Radler mich zwang, fünf Sekunden lang langsamer zu fahren - bringen Fahrradfahrer regelmäßig in Gefahr. Aber schnell fahrende Radfahrer gehören auf die Straße. Autos und Fahrräder können und sollten koexistieren. Sie sollten keine Feinde sein, sondern Freunde! Daher dachte ich: Wäre es nicht cool, wenn Auto und Fahrrad zur Abwechslung mal zusammen fahren - und etwas Spektakuläres machen?
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