Fahrradreifen richtig entsorgen und recyceln: Ein Leitfaden für Berlin

Bei Fahrradreifen ist die Nutzbarkeit nicht so kritisch wie bei motorisierten Fahrzeugen. Anders als beim Auto gibt es keine gesetzlichen Vorgaben zur Profiltiefe. Wenn ein Fahrradreifen abgenutzt, rissig oder beschädigt ist, sollte er allerdings aus Gründen der Fahrsicherheit ausgetauscht werden. Abgefahrene und spröde Reifen haben bei Nässe und Glätte eine deutlich verringerte Bodenhaftung.

Der Bremsweg wird dann übermäßig lang und das Fahrrad kann bei Bremsmanövern und in Kurvenfahrten viel schneller außer Kontrolle geraten. Unfälle mit dem Fahrrad sind keine Lappalie, sondern können zu schweren Verletzungen führen und andere Verkehrsteilnehmer in Mitleidenschaft ziehen. Daher gilt auch beim Fahrrad wie beim Auto, dass mit ordentlicher Bereifung gefahren werden sollte, um kein Sicherheitsrisiko einzugehen.

Entsorgung von Fahrradreifen in Berlin

Abgenutzte Fahrradreifen können im Restmüll entsorgt werden. Dies gilt übrigens auch für Fahrradschläuche. In die Wertstofftonne gehören Fahrradmäntel und -schläuche nicht! Wenn Sie die gebrauchten Radreifen also schnell und unkompliziert loswerden wollen, dann spricht nichts dagegen, diese einfach in eine Mülltonne zu werfen. Mit rund 100 Euro Strafe müssen Sie allerdings rechnen, wenn Sie erwischt werden, da die Entsorgung am Straßenrand streng verboten ist.

Achtung: Im Gegensatz zu Fahrradmänteln und -schläuchen ist die Entsorgung von Autoreifen im Hausmüll allerdings verboten.

Alternativen zur Entsorgung

Nicht unbedingt müssen Sie alte Reifen auch entsorgen. Nur weil diese am Fahrrad keine Verwendung mehr finden, heißt dies nicht, dass sie nicht noch anders genutzt werden können. Alte Reifen können noch zu vielerlei Zwecken dienen. Zum Beispiel können Reifenstücke als Transportsicherung für empfindliche Gegenstände verwendet werden. In kleine Stücke geschnitten, können sie auch als Gummipuffer für Schraubverbindungen dienen.

Das sogenannte „Upcycling“, also die Zuführung einer neuen Verwendung, kann eine interessante Alternative zur Entsorgung darstellen. Zu diesem Zweck können gebrauchte Reifen zum Beispiel bei Ebay, auf Flohmärkten oder in Kleinanzeigen veräußert oder verschenkt werden. Einen hohen Erlös sollten Sie allerdings nicht erwarten, sondern froh sein, wenn Ihnen jemand die alten Reifen abnimmt.

Recycling von Radreifen

Die Entsorgung von Radreifen im Restmüll hat allerdings den Nachteil, dass dabei die im Reifen noch vorhandenen Wertstoffe ungenutzt verloren gehen. Bei Fahrradschläuchen wird Recycling bereits seit geraumer Zeit angewandt. Da diese bis auf das Ventil fast ausschließlich aus Gummi bestehen, ist dies auch einfacher als beim Reifen, dem aus Stabilitätsgründen noch Verbundstoffe zugefügt sind. Jetzt ist es möglich, auch Radreifen zu verwerten.

Schwalbe Recycling System

Der bekannte Reifenhersteller Schwalbe hat dazu ein neues Verfahren entwickelt. Für das Recycling können alte Reifen einfach bei einem am Programm teilnehmenden Händler abgegeben werden. Es ist nicht nötig, dafür auch neue Reifen zu kaufen. Die Marke des Reifens spielt dabei ebenfalls keine Rolle. Die gebrauchten Reifen werden dann eingeschmolzen und nach Wertstoffen getrennt. Diese können für die Herstellung neuer Reifen eingesetzt werden. Dieses Verfahren erspart im Vergleich zur Neuherstellung nicht nur wichtige Rohstoffe, sondern auch 80 % an CO2.

Kunden können die Fahrradreifen bei allen Händlern, die sich an dem Programm beteiligen, abgeben. Das Logistikunternehmen Emona bringt die Sammelcontainer zum Reifen-Recycling-Stützpunkt von Pyrum. Dort werden die Bestandteile der Reifen in einem patentierten, thermischen Verfahren voneinander getrennt. Danach werden die wiedergewonnenen Rohstoffe für die Produktion neuer Reifen einsetzt. Knapp 80 Prozent CO2 werden laut Schwalbe so gespart.

Bestandteile und Rohstoffe in Fahrradreifen

Ruß ist neben Kautschuk ein wesentlicher Bestandteil von Radreifen. Im Recycling kann der enthaltene Ruß nahezu vollständig extrahiert und wiederverwendet werden. Der Gummi im Reifen kann nicht wieder verwendet werden. Er wird allerdings zu Kohlenwasserstoffen veredelt und kann dann von der Chemieindustrie als Ausgangsstoff verwendet werden. Hierdurch wird Erdöl eingespart. Stahl dient im Reifen zur Stabilisierung. Die im Gummi einvulkanisierten Stahlstreifen können nach Zerkleinerung des Reifens recycelt werden.

Reifen enthalten polyzyklische und aromatische Kohlenwasserstoffe. Diese sind zwar ungefährlich, solange sie im Reifen gebunden sind, werden allerdings bei der Verbrennung freigesetzt. Daher sollten Reifen nur fachgerecht entsorgt oder recycelt werden.

Das Pyrolyse-Verfahren der TH Köln

Defekte Fahrradreifen müssen bald nicht mehr verbrannt werden: Die TH Köln hat ein neues Recycling-Verfahren entwickelt. Ein platter Reifen am Rad landet hierzulande im Restmüll und kommt zur Müllverbrennungsanlage. „Dieses Verfahren ist aus ökologischer Sicht nicht sinnvoll“, sagt Danka Katrakova-Krüger vom Institut für Allgemeinen Maschinenbau der TH Köln. Gemeinsam mit Partnern hat sie ein Verfahren für Recycling von Fahrrad-Altreifen entwickelt.

Zu den Partnern der Technischen Hochschule Köln gehören im Projekt „Innovatives rohstoffliches Verwertungskonzept für Fahrrad-Altreifen im Sinne einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft“ die Ralf Bohle GmbH und Pyrum Innovations AG. Mittels Pyrolyse werden chemische Verbindungen durch Hitzebehandlung unter Luftausschluss gespalten. Da hohe Temperaturen zum Einsatz kommen, werden die Bindungen innerhalb der Moleküle gespalten. Aufgrund des Sauerstoffausschlusses bedarf es keiner Verbrennung mehr.

Das Projektteam behandelt in einer Pyrolyse-Anlage Altreifen bei Temperaturen zwischen 550 und 750 Grad unter Sauerstoffabschluss thermisch. Das Ergebnis: Der Fahrradreifen zersetzt sich in drei Teile - und zwar Pyrolysegas, -öl und -koks.

  • Pyrolysegas ist brennbares Gas, das in erster Linie durch Pyrolyse von Biomasse bei Temperaturen von unter 500 bis zu 1.500 °C aus den flüchtigen Bestandteilen gewonnen wird.
  • Pyrolyseöl wird auch „Bio-Öl“ genannt und besteht aus einer dunkelbraunen Flüssigkeit. Es lässt sich zu wertvollen Feinchemikalien für die chemische Industrie weiterverarbeiten.
  • Das Pyrolysekoks nennt sich auch Recycling-Ruß und soll wieder in die neuen Fahrradreifenmischungen eingebracht werden.

Das Verfahren ist so umweltschonend, da sich die Anlage vollkommen energieautark betreiben lässt.

Ingo Ruhland und die Vorreiterrolle des Handels

Radhändler Ingo Ruhland glaubte fest daran, dass Reifen-Recycling eines Tages möglich sein wird. Er sollte recht behalten. 23 Jahre, nachdem er angefangen hatte, Altreifen von Kunden für den Tag x aufzuheben, wurden die angesammelten 20 000 Exemplare von Schwalbe abgeholt.

Die Meldung klang wie ein Märchen und ging durch alle Medien: Radhändler Ingo Ruhland aus Freising hatte jahrelang die alten Reifen seiner Kundschaft gesammelt, weil er es als Verbrechen an der Umwelt empfand, sie einfach in die Müllverbrennung zu geben. Insgeheim habe er gehofft, dass irgendwann ein Recycling-Verfahren entwickelt werde. “Reifen sind kein Müll, sondern Wertstoffe”, stellt Ingo Ruhland klar.

Der Recycling-Kreislauf im Detail

Die Fahrrad-Altreifen werden in vier Stufen zerkleinert und separiert.

1 Tonne Altreifen ergeben:

  • 150 kg Stahl
  • 100 kg Textilfasern
  • 750 kg Gummigranulat

Das Gummigranulat landet bei 700 °C unter Sauerstoffausschluss im Pyrolyse-Backofen. Es entstehen:

  • 190 kg Prozessgas
  • 250 kg Pyrolyse-Öl
  • 310 kg Pyrolyse-Koks rCB (Recovered Carbon Black)

Mit dem Gas wird die Pyrolyse-Anlage energieautark betrieben. Das Öl findet seinen Einsatz als Rohölersatz und wird von BASF abgenommen. Das rCB wird für die Produktion neuer Reifen verwendet.

Felix Jahn von Schwalbe im Interview: "Das Verbrennen von Reifen empfanden wir schon immer als Katastrophe."

BIKE: Schwalbe versucht schon seit den 90er-Jahren, ein Reifen-Recycling-Programm aufzustellen. Warum hat das so lange gedauert?

Felix Jahn: Im Gegensatz zum Schlauch besteht ein Reifen nicht aus Mono-Material. Er ist deutlich komplexer im Aufbau mit Wulstkern, Karkasse sowie verschiedenen Gummimischungen. Schon die Zerlegung ist eine Herausforderung. Ganz zu schweigen von der Wiederaufbereitung. Umso stolzer sind wir jetzt, den Kreislauf geschlossen zu haben.

Warum habt Ihr Euch an dem Thema so festgebissen?

Grundsätzlich sehen wir es als unternehmerische Pflicht, so ressourcenschonend wie möglich zu handeln. Die Kreislaufwirtschaft ist dabei ein wichtiger Baustein. Ganz ehrlich: Das Verbrennen von Reifen empfanden wir schon immer als Katastrophe. Die Emissionen, die dabei entstehen, die Ressourcen, die für immer verloren gehen. Ich bin mir sicher, dass auch andere alte Radkomponenten zu hochwertigen neuen werden können. Wir können als Branche den Wandel von der linearen hin zur Kreislaufwirtschaft schaffen.

Weitere Informationen und Anlaufstellen

Auf der Schwalbe-Webseite finden sich mittlerweile über 1300 teilnehmende Händler. Dort können alte Fahrradreifen abgegeben werden. Es wird jeder Fahrradreifen angenommen und recycelt. Und man kann natürlich auch Reifen abgeben, wenn man keinen neuen kauft.

Durch den Prozess vermeidet man Müll und CO2-Emissionen bei der Verbrennung. Stattdessen wird Rohölersatz in einer energieautarken Produktion gewonnen sowie Ruß, der dann in neuen Reifen Verwendung finden kann. Dadurch spart man auch im Reifenherstellungsverfahren CO2 (laut Schwalbe 80 Prozent) sowie fossile Rohstoffe.

Schwalbe wird inzwischen selbst in der Automotive-Industrie als Blaupause verwendet. Den ersten Pyrolyse-Reaktor von Pyrum im Saarland „füttert“ seit Januar 2023 unter anderem auch BMW.

Wo gebe ich meinen alten Fahrradreifen ab?

Auf der Schwalbe-Webseite finden sich mittlerweile über 1300 teilnehmende Händler. Dort können alte Fahrradreifen abgegeben werden.

Kann ich auch Fahrradreifen anderer Marken abgeben?

Ja. Es wird jeder Fahrradreifen angenommen und recycelt. Und man kann natürlich auch Reifen abgeben, wenn man keinen neuen kauft.

Welchen Beitrag für die Umwelt leiste ich mit der Rückgabe alter Reifen?

Durch den Prozess vermeidet man Müll und CO2-Emissionen bei der Verbrennung. Stattdessen wird Rohölersatz in einer energieautarken Produktion gewonnen sowie Ruß, der dann in neuen Reifen Verwendung finden kann. Dadurch spart man auch im Reifenherstellungsverfahren CO2 (laut Schwalbe 80 Prozent) sowie fossile Rohstoffe.

Recycling von Autoreifen

Jeder Autoreifen wird nach der Entsorgung geprüft. Ein kleiner Teil, dessen Karkasse nicht beschädigt ist, wird runderneuert. Dabei wird die alte Lauffläche abgetragen und eine neue Lauffläche aufgebaut. Dieser Vorgang verlängert die Lebensdauer des Reifengerüsts. Ist ein runderneuerter Reifen verschlissen, wird er nicht erneut runderneuert. 2017 wurden ca. 5% der angefallenen Altreifen runderneuert.

Ein Großteile der Altreifen wird geschreddert. Zunächst werden die Reifen in etwa faustgroße Teile zerlegt, anschließend zu Granulat vermahlen. Aus dieser feinen Masse werden Metallteile ausgesondert. Das Gummigranulat bei der Herstellung von neuen Produkten verwertet. So finden sich Altreifen etwa in Dämmstoffen, Bodenplatten und Kunstrasenplätzen wieder. Einen anderen Teil der Altreifen (gut 35% im Jahr 2017) verwendet die Zementindustrie zur Energiegewinnung.

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