Einstellung und Zustand der Lenkkopflager haben bei allen Motorrädern maßgeblichen Einfluss auf das Lenk- und Fahrverhalten. Denn bei einer Fehleinstellung hat der Kurvenspaß schnell ein Loch.
Wie eine Steuerkopflagerung aufgebaut ist
Am oberen und unteren Ende sitzen Lagerschalen, auf denen das Kugellager läuft, die sogenannten "bearing races" quasi die "Rennbahn" für die Kugeln. Rost und Dreck machen Kugeln eckig und diese Polygone schleifen dann die Lagerschale aus. Das Lager ist hin.
Symptome eines defekten Lenkkopflagers
- Rastpunkte in der Lenkung: Haben sich die Wälzkörper der Kugel- oder Kegelrollenlager in die Oberfläche der Lagerschalen eingearbeitet, hakt die Lenkung in Geradeausstellung leicht ein und kann sich nicht mehr auspendeln.
- Kippeliges Fahrverhalten: Klemmen die eingelaufenen oder zu stramm justieren Wälzkörper, muss der Fahrer die Maschine in Schräglage durch permanente Lenkkorrekturen auf der Linie halten, was meist zu einem kippeligen, unrunden Fahrverhalten führt.
- Verstärkte Vibrationen im Lenker: Hat das Lenkkopflager zu viel Spiel, verstärken sich meist die Motorvibrationen in den Lenkern, zudem leidet die Spurstabilität.
- Lenkerschlagen (Kickback): Auch das gefürchtete Lenkerschlagen, neudeutsch Kickback, kann wegen der verringerten Lagerreibung früher und stärker einsetzen.
- Schwergängige Lenkung: Dreht sich die Lenkung nur mit einem spürbaren Widerstand und fällt nicht von selbst zur Seite, ist das Lager zu stark vorgespannt und muss mit mehr Spiel eingestellt werden.
- Erhöhter Verschleiß: Der Verschleiß an Wälzkörper und Lagerschalen nimmt zu, da sie verstärkt Stößen und Vibrationen ausgesetzt sind.
Ein weiteres Indiz für ein defektes oder falsch eingestelltes Lager: Bei langsamer Fahrt kippelt die Maschine wie bei einem zu stramm justierten Lenkungsdämpfer, beim freihändigen Ausrollen muss der Fahrer die Maschine akrobatisch mit dem Oberkörper ausbalancieren.
Überprüfung des Lenkkopflagers
Die Überprüfung erfolgt im Stand bei entlastetem Vorderrad. Dazu kann die Maschine vorsichtig nach links über den Seitenständer gekippt werden. Jetzt wird der Lenker mit zwei Fingern (siehe Foto-Show) und leichten Lenkbewegungen aus der Geradeausstellung heraus etwa 30 Millimeter nach links und rechts bewegt. Ist eine Rasterstellung fühlbar, müssen die Lager erneuert werden.
Bei dieser Prüfung darauf achten, dass keine verspannten Kabelleitungen oder Züge die Freigängigkeit der Lenkung beeinträchtigen. Bei Motorrädern mit Lenkungsdämpfer muss dieser zur Überprüfung ausgehängt sein.
ACHTUNG: In diesem Zustand auf keinen Fall fahren - Sturzrisiko durch blockierte Lenkung!
Ein zu lose eingestelltes Lagerspiel lässt sich feststellen, indem man das Motorrad bei gezogener Vorderradbremse kräftig schiebt und eintaucht. Ist ein leichtes Klackern zu hören oder zu spüren, wird bei diesem Vorgang der Daumen so an das obere Lager angelegt, dass etwaiges Spiel an einer ruckartigen Verschiebung zwischen Lenkkopf und Gabelschaftrohr/Einstellmuttern spürbar ist.
BEACHTEN: Auch schwimmend gelagerte Bremsscheiben oder Bremsbeläge können Klackergeräusche verursachen.
Maßnahmen bei einem defekten Lenkkopflager
Wenn ein Lager stramm geht, muss man es lockern. Wenn es hakt, muss man nachschauen. Muss das Lager nachjustiert werden, ist eine Demontage der oberen Gabelbrücke und eine Sichtprobe zu empfehlen.
- Lenker ab, Gabelbrücke ab, Kontermutter lösen, Halteschraube aufmachen (Vorderrad unterlegen, sonst saust das runter).
- Kappe abnehmen und das obere Lager inspizieren.
- Schauen, obs neu und sauber ist, Kappe wieder drauf, Mutter und Kontermutter drauf. "handwarm" anziehen und prüfen.
- Hakt es immer noch, muss man die Frage nach dem unteren Lager stellen.
- Nun die Haltemutter oben lösen und die untere Gabelbrücke nebst Rohr vorsichtig (sonst fallen die Kugeln runter) rausziehen.
Bei entlasteter Front wird die obere Zentralmutter am Lenkschaft entfernt sowie die Gabelbrückenklemmung gelöst und die Gabelbrücke gleichmäßig ohne zu verkanten nach oben abgezogen. Unter den gekonterten Nutmuttern und dem Dichtring sitzen die Lager, deren Außenringe auf eine solide Fettfüllung und vor allem auf Beschädigung und Ausbrüche überprüft werden. Ohne Befund werden die Teile gereinigt und frisch gefettet wieder eingesetzt. Auch der Dichtring bekommt sein Fett ab, damit die Dichtlippen möglichst wenig Reibung aufbauen und besser vor Wasser und Staub schützen.
Nach der Montage wird die untere Nutmutter mit 10 Nm Drehmoment gegen die Lager angezogen, damit diese stramm in den Sitz gepresst werden. Danach wird die Einstellmutter vorsichtig wieder um eine sechstel Umdrehung geöffnet und mittels Hakenschlüssel gekontert.
Sind die Muttern gekontert, wird das Spiel geprüft und wenn nötig absolut spielfrei, aber leichtgängig nachjustiert.
Das korrekte Spiel im Lenkkopflager ertüfteln selbst Spezialisten oft erst nach mehreren Anläufen. Ist die Gabelbrücke montiert, und sind die Klemmungen festgezogen, muss das Spiel nochmals kontrolliert werden, da sich die Nutmuttern unter dem hohen Anzugsmoment der Zentralmutter setzen können. Nach einer anschließenden Probefahrt mit einem Dutzend harter Bremsungen erneut Spiel und Freigängigkeit prüfen. Alles bestens?
Achtung: Bei allen Arbeiten am Lenkkopf sollte der Tank vorher mit einer stoßfesten Textildecke oder Schaumstoff abgedeckt werden, um Beschädigungen wie Beulen oder Kratzer zu vermeiden.
Wartung und Prävention
Lenkkopflager haben einen harten Job: Beim Bremsen stemmt sich über den Hebelarm der Gabel bis zu eine Tonne Biegelast auf das untere Lenkkopflager. Jedes Schlagloch drischt erbarmungslos auf die kleinen Wälzkörper ein. Unter solchen Bedingungen ist es kein Wunder, dass die Lager oft schon nach 20.000 Kilometern die Grätsche machen. Dann heißt es: austauschen. Denn nur ein absolut leichtgängiges, reibungsarmes Lager garantiert ein neutrales Lenkverhalten.
Mängelerkennung ist ein wichtiger Teil der Fahrzeugwartung. Sie hilft, kleinere Probleme zu identifizieren, bevor sie zu größeren Schäden führen. Die Lokalisierung von Störungen erfordert systematisches Vorgehen und technisches Wissen. Prävention ist der Schlüssel, um die Wahrscheinlichkeit von Störungen zu minimieren.
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