Amerikanische Rockerbanden: Geschichte und Gegenwart

Die Bezeichnung „Rocker“ ist eng mit einer Subkultur verbunden, die sich durch Motorradfahren, rebellisches Auftreten und eine Leidenschaft für Rockmusik auszeichnet. Die Rocker-Subkultur entstand nicht als Jugendkultur, wie in den 1960er bis 1980er Jahren in England und Deutschland, sondern als Protestkultur.

Ursprünge und Entwicklung

Soziologen sehen die Ursprünge in heimkehrenden Soldaten aus Kriegen, die Schwierigkeiten hatten, sich wieder in das zivile Leben einzugliedern. Besonders in der Literatur werden verschiedene Gründe für die Entstehung dieser Gruppenbildung genannt. Ehemalige Rocker, wie das Hells-Angels-Gründungsmitglied Sonny Barger, gaben an, dass der Wunsch nach fortdauernder Kameradschaft und starker Zusammenhalt maßgeblich zu dieser Entwicklung beitrug. Die Mitglieder betrachteten sich als eine Art Brüder und nannten sich oft „Brother“ (dt. „Bruder“), um die enge Verbundenheit untereinander auszudrücken.

Die Motorräder wurden zu einem verbindenden Element, das ein Gefühl intensiver Lebendigkeit und Freiheit vermittelte. Die Wurzeln der Rocker-Subkultur gehen zurück auf die Pissed Off Bastards of Bloomington, eine Gruppe, die sich im Jahr 1945 aus ehemaligen Mitgliedern der US Air Force rekrutierte. Ein bedeutendes Ereignis für das Selbstverständnis und das Bild der Rocker nach außen war das Motorradtreffen in Hollister am 4. Juli 1947, das als Hollister Bash bekannt wurde.

Bei diesem Treffen kam es zu Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gruppen und der Polizei. Die Presse dramatisierte die Ereignisse und trug so zur Entstehung des Mythos vom gewaltbereiten Rocker bei. Die American Motorcyclist Association (AMA) soll nach den Ereignissen von Hollister erklärt haben, dass nur „ein Prozent“ der Motorradfahrer an den Unruhen beteiligt gewesen sei, während sich 99 % der Motorradfahrer anständig verhalten hätten. Im März 1948 benannten sich einige Mitglieder der Pissed Off Bastards of Bloomington in Hells Angels um und wurden zu einem der weltweit bekanntesten Rockerclubs.

Doch sie waren nicht die einzigen. Der GYPSY MC, gegründet 1932 von Lee Simerly in Maryville, Louisiana, gilt als ältester Motorcycle Club der Welt im Sinne der Rocker-Subkultur. Im Laufe der Jahre bildeten sich zahlreiche Chapter oder Charter, und die Rockerclubs breiteten sich von den USA bis nach Europa aus.

Die 1980er Jahre: Konsolidierung und Image-Wandel

Viele der etablierten Motorrad-Clubs hatten sich zu großen und international bekannten Organisationen entwickelt, darunter die Hells Angels, die Outlaws und die Bandidos. Während die Rocker-Subkultur in den 1950er Jahren oft mit Rebellion und Unruhen in Verbindung gebracht wurde, versuchten die Clubs in den 1980er Jahren, ihr Image zu wandeln. Sie betonten vermehrt ihre sozialen Aktivitäten, wie Wohltätigkeitsveranstaltungen und Spendenaktionen für gemeinnützige Zwecke.

Internationale Ausbreitung und Konflikte in den 1990er Jahren

In den 1990er Jahren begann sich die Rocker-Subkultur verstärkt international auszubreiten. Rockerclubs etablierten sich in Europa, Australien, Lateinamerika und anderen Regionen der Welt. Ein bekanntes Beispiel für diese Konflikte ist der sogenannte „Great Nordic Biker War“ Anfang der 1990er Jahre in Skandinavien, bei dem es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Hells Angels und den Bandidos kam.

Gesetzliche Verschärfungen und behördliche Beobachtung in den 2000er Jahren

In den 2000er Jahren verschärften viele Länder ihre Gesetze gegen Rockerclubs und deren Aktivitäten. Besonders die Hells Angels gerieten in vielen Ländern unter behördliche Beobachtung und wurden als kriminelle Organisation eingestuft.

Gegenwart der Rocker-Subkultur

Auch in der Gegenwart sind Rockerclubs weltweit weiterhin präsent. Dennoch bleibt die Rocker-Subkultur oft von negativen Stereotypen und Vorurteilen geprägt. Einige Rockerclubs setzen sich aktiv für die Rechte von Motorradfahrern ein und organisieren Charity-Veranstaltungen. Die Rocker-Subkultur hat sich seit ihren Anfängen in den 1940er Jahren stark verändert. Von einer rebellischen Protestkultur hat sie sich zu organisierten Motorrad-Clubs entwickelt, die weltweit präsent sind.

Die Rocker-Subkultur ist weiterhin von Vorurteilen und negativen Stereotypen geprägt, obwohl viele Clubs versucht haben, ihr Image zu verbessern. Die Zeit der klammheimlichen Sympathie für Hells Angels, Bandidos und anderen Rockern ist vorbei.

Der Rocker in Film und Mythos

Der erste Rocker, den wir erlebten, sah aus wie Marlon Brando und war ein Getriebener zwischen Machogewalt und Liebessehnsucht. Genauso hatten wir uns das vorgestellt: einen Engel aus der Hölle. In „The Wild One“ von Laszlo Benedek drückte er all das aus, was auch späterhin unser Verhältnis zu den mehr oder weniger uniformierten Motorradnomaden bestimmen sollten: diese Widersprüchlichkeit zwischen Angst, Faszination, Neid und Erlösungssucht. Die No-Nonsense-Version des Bürgerschrecks.

In den siebziger Jahren liebten Menschen mit etwas derberem Geschmack die Rockerfilme, wie sie bei Roger Corman gedreht wurden, hierzulande liefen sie in den Kinos der Bahnhofsgegenden (so hieß das damals). Rocker waren, was ihre amerikanische Spielart anbelangt, die morbiden Nachfahren des einsamen Cowboys. Ein Trick war, dass es um Kämpfe zwischen guten und bösen Rockern ging, ein anderer, wie im Western, um den Kampf des Individualisten gegen das korrupte Kollektiv.

Und dann kam „Easy Rider“, sozusagen der Spätwestern der Rockerfilme. Der (praktisch eher imaginäre) Pakt zwischen Hippies und Rockern wurde ziemlich endgültig gebrochen durch die mörderische Tat eines Hells-Angels-Manns beim Konzert der Rolling Stones in Altamont im Dezember 1969.

Rocker, so „rebellisch“ sie auch sein mochten, waren zugleich immer eine Kraft der Vergangenheit, der Reaktion und Beharrlichkeit: sexistisch, rassistisch, homophob und auf eine verquere Art auch nationalistisch, oder, wie im Gebrauch der Südstaatenfahne, als Anhänger einer „alten“ Gesellschaftsform kenntlich. Und in Deutschland? Sowohl die Outlaw-Mythologie aus den USA als auch die Working-Class-Rebel-Legende aus Großbritannien konnten hier jenseits des Kinos so richtig nicht greifen.

Hier etablierte sich eine sehr, sehr deutsche Fantasie von einem mehr oder weniger harmlosen Zusammenschluss motorradbegeisterter Herren verschiedenen Alters, deren Vereinsmeierei sich kaum von der von Kaninchenzüchtern unterschied. Während auch hier nach und nach ruchbar wurde, dass es die motorisierten Vereine nicht bei Auseinandersetzungen untereinander und nicht beim Dosenbier bewenden ließen, verschwanden sie mehr oder weniger auch vom Schirm der populären Mythologie.

Immerhin waren sie noch ein Phänomen radikaler Analogie im anbrechenden Zeitalter des Digitalen. Eine der vielen Formen, „Authentizität“ zurückzugewinnen. Motorradfahren an sich war eine Geste des Widerstands, so schien es eine Weile. Und zwischen „zivilen“ Motorradklubs und Formen und Subformen der Motorradrocker blieb eine Zwischenzone. So wurden Rocker weniger als die Kerle wahrgenommen, die im „Rotlichtmilieu“ die Drecksarbeit erledigen, als vielmehr als Extreme einer organisierten Bewegung von Freizeit und Freiheit.

Die Entmythologisierung, ja Trivialisierung medialer Rockerbilder kam zäh und langsam. Noch die tribalistischen Kämpfe zwischen einzelnen Organisationen („Bandidos“, man bedenke!) hatten ja etwas kaputt Heroisches. Rocker taugen nicht mehr als Projektionsfläche für Freiheitsträume. Aus dem kaputten Anarchismus ist ein nicht minder defekter Anachronismus geworden. Und die klammheimliche Sympathie des Mainstreams schwindet mit dem Outlaw-Mythos. Was bleibt, ist schmutzige Wirklichkeit.

Glaubt man also den Zeitungen, herrschen in der Kleinstadt drei Tage Gewalt und anarchische Zustände. Der Ruf der Biker allerdings, darunter viele ehemalige Kriegsteilnehmer, ist ramponiert. Dazu trägt ein paar Jahre später auch Hollywood bei - mit Filmen wie "The Wild One" mit Marlon Brando als rebellischer Rocker. Der Film dramatisiert die Ereignisse von Hollister mit - für damalige Verhältnisse - schockierenden Szenen. Der "Hollister Bash" gilt als Geburtsstunde des Rocker-Mythos.

Damals mischen Clubs mit, aus denen später die "Hells Angels" hervorgehen: die "Pissed off Bastards of Bloomington", die "Booze-Fighters" oder die "Motherfuckers". Protest, Revolte, Aufbruchstimmung - in den 1960er-Jahren geht die Jugend buchstäblich auf die Straße. Die Szene der Biker ist Teil dieser Bewegung. Auf der einen Seite schließt sich mancher Clubs wie den Hells Angels an, die sich 1948 gegründet haben.

Biker-Ikone: Die Aufnahme des unbekannten Motorradfahrers, der entspannt Bier trinkend auf einer Harley hockt, entstand am ersten Juli-Wochenende 1947 bei einem aus den Fugen geratenen Biker-Treffen in der kalifornischen Kleinstadt Hollister. Fronteinsatz: Der Motorradhersteller Harley-Davidson aus Milwaukee, Wisconsin, lieferte im Zweiten Weltkrieg Tausende motorisierte Zweiräder für die Streitkräfte der USA.

Motorradparkplatz: Anfang Juli 1947 hatte die American Motorcyclist Association, AMA, zum ersten Mal nach dem Krieg zu einem Treffen ihrer Mitglieder geladen - in die US-Kleinstadt Hollister. Müde Biker: Die Stadt war auf die Mengen an Motorradfahrern, die zu dem mehrtägigen Treffen kamen, nicht vorbereitet. Festnahme: Zum Rocker-Treffen in Hollister, rund 150 Kilometer südlich von San Francisco, kamen nicht nur Motorradfreunde, die einfach nur feiern wollten.

Viele der Angereisten hatten Randale im Sinn. Biker-Pose: Die Aufnahme des jungen Marlon Brando in dieser Szene des Films "Der Wilde" von 1953 wurde zu einer weltweit bekannten Ikone. Rebellische Halbstarke: Die Szene aus dem Film "Der Wilde" von 1953 zeigt Marlon Brando als Johnny Strabler, den Anführer des "Black Rebel Motorcycle Club".

Motorradfahrer in allen Straßen: Das Städtchen Hollister in Kalifornien wird seit dem legendären Rocker-Treffen im Jahr 1947 jährlich zum Nationalfeiertag des 4. "Hollister-Police": Der Police Officer Dave Mustard begutachtet die Motorradfahrer-Parade auf der Hauptstraße in Hollister während der sogenannten Hollister Independence Rally am 6. Vom Chaos zum Kult: Das jährliche Motorradtreffen in Hollister ist inzwischen zu einer Kultveranstaltung der Szene geworden. Die Aufnahme zeigt Motorradfahrer auf der San Benito Street in der Stadtmitte am 3.

Tierischer Sozius: Motorradfahrer Jay Bird aus Nordkalifornien chauffiert seinen Hund Cinder am 5. Juli 1997 die San Benito Street beim Motorradtreffen in Hollister entlang. Auch für Cinder gehören Biker-Brille und Lederkutte zum Dresscode.

Rocker in Deutschland

Kriminelle, die Motorräder fahren, gibt es fast überall. Doch in anderen Ländern heißen sie anders. Am Anfang waren die Rocker rabiate Sartre- und Jazz-Kritiker mit Hilfsschulabschluss. Ein ahnungsloser Amerikaner könnte beim Lesen deutscher Zeitungen auf die Idee kommen, das größte Problem unseres Landes wären Schaukelstühle.

Solche Missverständnisse provoziert das Wort Rocker. Im Englischen ist Rocker, laut Definition des Merriam-Webster-Wörterbuchs einerseits ein Stück Holz oder Metall, auf dem eine Wiege oder ein ähnliches Möbelstück hin und herschwingt. Im Deutschen gibt es dafür offenbar kein so spezifisches Wort, man spricht von gebogenen Kufen. Darüber hinaus heißt Rocker, Merriam-Webster zufolge: „Any of various objects that rock on rockers“ - als Beispiel wird ein Schaukelstuhl genannt.

Im Englischen kann Rocker auch noch einen Mann bezeichnen, der Rockmusik macht, oder einen Rocksong. Das weiß man spätestens seitdem unter anderem Judas Priest, AC/DC, Bruce Springsteen und - als Allererste schon 1973 - Thin Lizzy Lieder gesungen haben, die „I’m a Rocker“ heißen. Wer den Film ,Quadrophenia’ gesehen hat, weiß, dass es in England in den Sechzigerjahren zu regelrechten rituellen Straßenschlachten zwischen Rockern und Mods kam.

Die Bedeutung „Mitglied einer kriminellen Motorradfahrerbande“ hat Rocker aber ausschließlich im Deutschen. Im Englischen bezeichnet man solche Männer als biker, ihre Banden als biker gangs oder motorcycle clubs. Die Franzosen nennen sie motards. Die deutsche Sonderbedeutung hat sich in den Sechzigerjahren entwickelt. Zunächst war ein Rocker einfach nur ein Jugendlicher, der Rock ‘n‘ Roll hörte und sich entsprechend kleidete. Mindestens 1956 gibt es das Wort in Deutschland, schreibt Lorelies Ortner in ihrem „Wörterbuch der Rock- und Popmusik“.

Lesen Sie auch Jene Jugendkultur wurde auch in England so bezeichnet - wenn man ihre Vertreter nicht Teddyboys nannte. Wer den Film „Quadrophenia“ gesehen hat, weiß, dass es im Großbritannien der Sechzigerjahre zu regelrechten rituellen Straßenschlachten zwischen Rockern und Mods kam. Bezeichnenderweise ist diese Bedeutung von Rocker in einem amerikanischen Wörterbuch wie dem Merriam-Webster überhaupt nicht notiert. Es war eben ein sehr britisches Phänomen. Andererseits steht der Rocker, der sich mit den Mods prügelt, auch nicht im auf britisches Englisch konzentrierten großen Muret-Sanders von 1974.

Die frühen Rocker in Deutschland traten ähnlich auf wie die Briten, waren aber keine hundertprozentige Kopie des englischen Originals. Sie stammten häufig aus dem proletarischen und subproletarischen Milieu und grenzten sich scharf von Gymnasiasten und Studenten ab, die eher Jazz hörten und denen man unterstellte, an der von Jean-Paul Sartre begründeten französischen Modephilosophie des Existenzialismus interessiert zu sein. Überliefert ist der Spruch: „Lieber blöd und Rocker sein als ein dummes Exi-Schwein.“ Im frühesten Beleg, den Broder Carstensen in seinen grundlegenden „Anglizismen-Wörterbuch“ verzeichnet, spielt dieser Gegensatz noch eine Rolle. Eine Überschrift in der „Welt“ vom 28. September 1963 lautete: „Rocker gegen Jazzer“. Es ging um eine Bande, die Flensburg terrorisierte.

Irgendwann in den Sechzigerjahren scheint sich die Bedeutung von Rocker dann unter dem Einfluss amerikanischer Vorbilder wie der Hells Angels allerdings verschoben zu haben. Während die Rocker der Frühzeit eher Halbstarke mit Elvis-Tolle waren, haben sie sich 1968/69 dem Look der neuen Zeit angepasst. In der „Mittelbayerischen Zeitung“ werden sie so beschrieben: „Die jungen Burschen tragen lange Mähnen, Rollkragenpullis und Lederjacken, und wo sie mit ihren Mopeds und Motorrädern auftauchen, suchen ängstliche Bürger das Weite.“

Das Motorrad ist mittlerweile ein absolut notwendiges Accessoire. In der „Woche“ heißt es ebenfalls 1968 über die Regensburger Rocker-Szene: „Zu den Rockern in der Kongo-Bar gesellen sich nur die mit den schweren Maschinen. Wer sich nur ein Moped leisten kann, ist ein ,Gringo’ und wird nicht für voll genommen.“

Doch immer noch rekrutieren sich Rocker eher aus den unterprivilegierten Schichten: „Von den hanseatischen Rockern sind nach Schätzungen der Hamburger Polizei etwa 20 Prozent Hilfsschüler“ und „Unter 745 erfassten Minderjährigen (ca. 95 Prozent der Hamburger Rockers, darunter 57 Mädchen) findet sich kein einziger, der nicht in seinem Leben stark benachteiligt worden wäre“, heißt es Ende der Sechzigerjahre wieder in der „Mittelbayerischen Zeitung“.

Buchtitel wie ,Rocker. Stiefkinder unserer Gesellschaft’ aus dem Jahre 1971 bringen die Romantisierung dieser ,Sozialrebellen’ auf den Punkt. Kein Wunder also, dass die Rocker von den Linken der Zeit als Objekte der Agitation und der Sozialarbeit entdeckt wurden. Man hielt den Rocker für einen natürlichen Verbündeten im Kampf gegen das Establishment.

Ein 1971 im Fischer-Verlag erschienenes Buch über „Sozialistische Projektarbeit im Berliner Schülerladen Rote Freiheit“ nennt als eine der „Spielszenen, über deren Inhalt wir hofften, leichter mit den Kindern ins Gespräch zu kommen“ das Improvisationstheaterstückchen „Rocker gegen Polizei“. In dem Buch „Fabrikbewohner“ über eine Kommune des Journalisten Rolf-Ulrich Kaiser (der später eine gewichtige Rolle bei der Propagierung des sogenannten Krautrocks spielte) heißt es: „Die im Frühjahr 1968 entstandene Projektgruppe ,Märkisches Viertel’, eine der Berliner Basisgruppen, hat versucht, mit den Rockern dieses Gebiets zusammenzuarbeiten.“ Der lokale Rockerclub in diesem Neubaugebiet im Norden West-Berlins hieß „one“.

Es gab 1970 sogar einen „Rockerpastor“. Die ganze Ambivalenz der Einstellung zu den Rockern besingt erstaunlich differenziert Udo Lindenbergs Lied „Ich bin Rocker“ aus dem Jahre 1976: „Ich bin Rocker, ich bin Rocker, doch ich hätt‘ noch viel mehr Spaß dabei, wenn‘s unter uns nicht immer wieder so ‘n paar Ochsen gäb’ immer geil auf ‘ne Schlägerei. Manchen Rentner haben sie ausgenockt und ihm die Kohle abgenommen und jede Menge alte Frauen sind auch schon voll auf den Horror gekommen.“

In den Achtziger- und Neunzigerjahren schienen dann allerdings die Rocker allmählich aus der Mode zu kommen. Broder Carstensen schreibt 1996 in seinem „Anglizismen-Wörterbuch“, die Bedeutung „Angehöriger einer lose organisierten Bande von meist männlichen Jugendlichen, die häufig zu Aggression und Gewalt neigen und für die schwarze Lederkleidung und schwere Motorräder charakteristische Statussymbole sind“, sei „veraltend“.

Ich selbst erinnere mich, dass ich im Jahre 2000 bei einem Besuch in Kanada staunend zur Kenntnis nahm, dass in diesem Land Rocker noch so präsent in Filmen, Medien und auf der Straße waren. Zur gleichen Zeit hörte und las man allerdings auch schon regelmäßig von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Hells Angels und den rivalisierenden Bandidos, die damals allerdings fast nur in Skandinavien stattfanden.

Es waren Vorboten jener Renaissance des Rockertums als einer Spielart des internationalen organisierten Verbrechens, der wir verdanken, dass Rocker jetzt wieder ein allgegenwärtiges Schlagzeilenwort geworden ist. Die Rocker sind darin der Mafia vergleichbar, indem sie auf eine naive Form proletarischen Sozialrebellentums zurückgehen. Doch die Erinnerungen daran - das ganze Lederjacken- und Motorradgetue - sind heute nur noch folkloristische Maskerade eines knallharten Gangstergeschäfts.

Dieser kriminelle Karneval kann für die Verkleideten genauso tödlich werden wie die Machete oder Pistole eines Konkurrenten: Im Berliner Chapter des Rockerclubs „Mongols MC“, der von arabischstämmigen Männern dominiert wurde, war nur ein einziges Mitglied so traditionsbewusst, den Motorradführerschein zu machen.

Hells Angels

Ein Totenkopf im Profil, mit geflügelter Pilotenkappe - das Symbol der Hells Angels erinnert an die Entstehung des Motorradclubs: Am 17. März 1948 schließen sich im kalifornischen San Bernardino amerikanische Veteranen des Zweiten Weltkriegs zu einer Gang zusammen. 1957 beginnt Ralph "Sonny" Barger vom kalifornischen Oakland aus, die Rockerbande zum internationalen Imperium auszubauen. Auseinandersetzungen mit der Polizei und Schlägereien mit feindlichen Gangs verstärken das Image als Gesetzlose.

Die Angels geben sich eigene Regeln, die eisern einzuhalten sind. So sind gilt etwa: Die Frauen anderer Mitglieder sind tabu, bei Fahrten in Kalifornien darf mit Schusswaffen nur zwischen 6.00 und 16.00 Uhr gefeuert werden, für das unentschuldigte Fernbleiben bei einem Treffen wird eine Geldstrafe erhoben. Als Hells Angels 1969 bei einem Rolling-Stones-Konzert als Ordner eingesetzt werden, ersticht einer der Rocker einen schwarzen Fan.

Inzwischen sind die Hells Angels eine weltweite Vereinigung, die sich zwischen Freiheitsliebe, eigenem Ehrenkodex und organisierter Kriminalität bewegt. Immer wieder stehen Gruppenmitglieder wegen Erpressung, Zuhälterei, Körperverletzung, unerlaubten Waffenbesitz, Drogenhandel und Vergewaltigung vor Gericht. Seit den 90er Jahren herrscht Krieg zwischen den Hells Angels und den Bandidos, einem Motorradclub, der 1966 in Texas gegründet worden ist.

In Skandinavien hat es Tote und Verletzte gegeben, als die beiden Gruppen sich gegenseitig mit Maschinenpistolen und einer Panzerfaust angegriffen haben. Auch NRW ist von der Auseinandersetzung betroffen: Im Frühjahr 2008 will das Landgericht Münster im Mordprozess gegen zwei Bandidos-Mitglieder urteilen. Sie sollen in Ibbenbüren ein Mitglied der Hells Angels erschossen haben.

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