Harley-Davidson Evo Getriebe: Aufbau und Funktion

Seit 1915 werden Harley-Davidson Motorräder mit Getriebe angeboten, damals reichten noch drei Gänge für wechselnde Geschwindigkeiten und Lastanforderungen. Mitte der 1930er gab es die ersten Viergang-Getriebe, mit dem Modelljahrgang 1980 bekamen die großen Twins fünf Gänge (die Sportster erst zehn Jahre später), und seit Mitte der 2000er sind bei den großen Zweizylindern (Twin Cam und Milwaukee 8) sechs Gänge das Maß der Dinge.

Die Notwendigkeit eines Getriebes

Das liegt am Motor. Also nicht speziell am Harley V Motor, aber am Verbrennungsmotor. Jeder Verbrenner hat eine optimale Drehzahl, bei der er das meiste Drehmoment entwickelt. Wenn der Motor ohne Getriebe immer von Null auf Volllast durch das Drehzahlband hecheln muss, um alle möglichen Geschwindigkeiten abzudecken, läuft er ganz selten im optimalen Bereich - oder anders ausgedrückt: bei nur einer bestimmten Geschwindigkeit. Ein Getriebe mit mehreren Gängen ermöglicht den Betrieb im oder nahe am optimalen Drehzahlbereich bei verschiedenen Geschwindigkeiten.

Und je mehr Gänge ein Getriebe bietet, desto kleiner sind die Drehzahlsprünge beim Schalten und desto besser gelingt der "Anschluss" und desto kleiner sind die Drehzahlsprünge. Tipp: das ist der Grund, warum Elektro Motorräder wie die LiveWire kein Schaltgetriebe haben. Deren Drehmoment liegt ab der ersten Umdrehung über alle Drehzahlen hinweg an, es gibt von daher keinen Grund zu schalten.

Funktionsweise der Harley-Davidson Getriebe

Bei Harley-Davidson ja, bzw. zumindest weitgehend ähnlich. Die Factory hat sich Experimente wie Ketten- oder Ziehkeil-Getriebe erspart und von Anfang an auf Getriebe mit verschiebbaren Zahnrädern und/oder Schalt-Kupplungen - auch Schaltklauen genannt - gesetzt. Unterschiede gibt es bei der Form der Schaltgabeln und wie die Zahnräder hin- und hergeschoben werden. Unterschiede gibt es noch in der Betätigung: Handschaltung zusammen mit Kupplungspedal war bis in die 1950er Standard. Die Sportster Baureihe hatte immer nur Fußschaltung, die großen Twins erst ab 1980 ausschließlich.

Alle Getriebe von Harley-Davidson sind sequentiell, d.h. man kann immer nur einen Gang dem anderen einlegen, nicht wie beim Auto Gänge überspringen.

Getriebevarianten und Versatz-Kits

Ein äußerst wichtiger Faktor ist die Spurtreue der Reifenpaarung. Um den Spurversatz möglichst zu minimieren, verbauen wir in der Evo Softail® Familie zwei Arten von Versatz-Kits.

4-Gang bis 1985

Diese Version ermöglicht 10 mm Getriebeversatz. Das Getriebekit wird mit Primärspacer, Getriebegrundplatte und Spacer für das Kettenantriebsrad geliefert.

5-Gang 1985 - 1999

In der 5-Gang-Version hast du die Wahl von 5 mm bzw. 25 mm Versatz. Je nach Reifenbreite. Das 5-mm-Kit ist für 200er Reifen in der HD® Schwinge vorgesehen.

Getrieberevision: Eine Herausforderung für Experten

Normalerweise machen Harleys Fünfganggetriebe selten die Grätsche. Aber wenn, dann kann es, je nach Schaden, teuer werden. Eine Getrieberevision ist keine Arbeit für einen Laien, da sie spezifische Kenntnisse und vor allem spezielles Werkzeug voraussetzt. Vor uns liegt ein Fünfgang-Evo-Getriebe einer Harley-Davidson, das nun überholt werden soll. Rund fünf Stunden Arbeitszeit sind dafür vorgesehen, Aus- und Einbau exklusive. Dazu kommen die entsprechenden Ersatzteile. Wartungshandbücher sind genauso wichtig wie das entsprechende Werkzeug.

Doch vor die Therapie hat der Schrauber-Gott, wie immer, die Diagnose gestellt. Spekulieren und darauf zu hoffen, dass man aufgrund seiner Erfahrung mit der Problemerkennung richtig liegt, bringt nichts, wie Geschäftsführer Ralf Zander sagt: »Natürlich gibt es Schäden am Getriebe, die wir regelmäßig feststellen. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von fehlerhaftem Material über mangelnde Wartung bis hin zu rücksichtslosem Umgang. Wer zum Beispiel auch beim Getriebe regelmäßig nach dem Öl schaut und einigermaßen pfleglich damit umgeht, bekommt kaum Probleme.«

In unserem Fall ließ sich das Getriebe nicht mehr sauber schalten und zickte rum. Das ungeöffnete Getriebe wirkt unscheinbar und auch nicht allzu groß. Dazu kommt erst einmal der Deckel vom Getriebegehäuse ab und die Schaltwalze wird ausgebaut, anschließend folgen die Schaltgabeln. Jetzt lässt sich das Getriebe herausziehen und näher begutachten. Bei der Untersuchung wird Ralf auch schnell fündig - am Getriebeausgang, auch Main-Drive-Gear genannt, ist ein Zahn gebrochen.

»Das Problem ist, dass solche Metallteile sich durch das Getriebe arbeiten und zwischen die anderen Zahnräder geraten. Über die weiteren Folgen brauche ich nichts zu sagen«, so Ralf über den kleinen Übeltäter. Warum der Zahn abgebrochen ist, darüber kann man wieder einmal nur spekulieren.

In unserem Fall musste das Getriebe ausgebaut, geöffnet und zerlegt werden, um den Fehler zu finden. Da das Getriebe sowieso geöffnet ist, nimmt Ralf auch Haupt- und Nebenwelle heraus. »Die Hauptwelle sollte auf jeden Fall geprüft und vermessen werden. Nicht dass sie krumm oder eingelaufen ist.« Anschließend presst er das Main-drive-gear aus.

Nachdem die Hauptwelle vermessen und für gut befunden wurde, erfolgt der Zusammenbau - in umgekehrter Reihenfolge. Eigentlich ganz einfach - wenn man eben weiß, was man macht. Kleine Ursache, große Wirkung. Alternativ kann man auch versuchen, sich ein gebrauchtes Getriebe zu besorgen.

Ein Blick auf eBay zeigt, dass solche Teile, je nach Version, ab 600,- Euro aufwärts zu haben sind. Allerdings baut ihr dann euer altes Getriebe selbst aus und das gebrauchte wieder ein, immer das passende Spezialwerkzeug und entsprechende Kenntnisse vorausgesetzt. Wartungshandbücher sind genauso wichtig wie das entsprechende Werkzeug. Hier finden sich alle relevanten technischen Informationen

Das Innenleben ist ebenfalls unspektakulär, aber entscheidend. Das Getriebe kann auch am Motorrad geöffnet werden. Doch manchmal muss das komplette Bauteil zur Fehlersuche ausgebaut werden. Kleine Ursache, große Wirkung. Ein abgebrochener Zahn sorgte dafür, dass sich das Getriebe nicht mehr sauber schalten ließ.

Wenn sich Bruchstücke durchs Getriebe arbeiten, ziehen sie die anderen Zahnräder in Mitleidenschaft. Vermessen der Getriebehauptwelle. Sie sollte weder eingelaufen noch krumm sein. Danach kann das Getriebe wieder zusammengesetzt werden. Ralf presst das Main-Drive-Gear aus, um es zu ersetzen.

Alle Teile, die in Mitleidenschaft gezogen wurden, werden ausgetauscht und anschließend wird alles wieder sauber zusammengesetzt. Hier das fertig zusammengebaute Getriebe, bei dem nur noch der Deckel fehlt.

Tabelle: Getriebeversatz-Kits für Evo Softail® Modelle

Modell Baujahr Getriebeversatz Details
Evo Softail® Bis 1985 10 mm Kit mit Primärspacer, Getriebegrundplatte und Spacer für Kettenantriebsrad
Evo Softail® 1985 - 1999 5 mm / 25 mm 5 mm Kit für 200er Reifen in HD® Schwinge

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0