Die Erfindung des Fahrrads durch Karl von Drais

Karl Friedrich Freiherr Drais von Sauerbronn (1785-1851) gilt heute als der größte Erfinder seiner Zeit und wird in einem Atemzug mit Carl Benz (1844-1929) oder den Brüdern Wright genannt. Lange Zeit blieb dem genialen Tüftler aus Karlsruhe diese Anerkennung aber verwehrt, hing ihm doch schon zu Lebzeiten und lange über seinen Tod hinaus der Ruf eines verschrobenen Sonderlings an. Dieses Bild war hauptsächlich über gezielte Fehlinformationen und Karikaturen entstanden, die von den Anhängern des Studenten Karl Sand (1795-1820) verbreitet worden waren.

Seine sicherlich bedeutendste Erfindung machte Drais 1817 mit der Entwicklung einer „Laufmaschine“, bei der es sich um das erste Zweirad der Welt handelte. Dieses bildete die Grundlage für die Entwicklung des Fahrrads in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bei einer Umfrage der britischen Zeitung „Times“ aus dem Jahr 2004 zu den wichtigsten Erfindungen wurde das Fahrrad auf den ersten Platz gesetzt. Hierzu dürfte auch die Tatsache beigetragen haben, dass inzwischen gezeigt werden konnte, dass das Fahrrad und nicht die Kutsche das entscheidende Vorbild bei der Konstruktion des ersten Automobils durch Carl Benz war.

Die Bürger Mannheims staunten nicht schlecht an jenem 12. Juni 1817: Da sauste jemand auf einem hölzernen Gestell mit zwei Rädern durch ihre Straßen, ganz ohne Pferde! Karl Freiherr von Drais stellte ihnen hier seine neueste Erfindung vor: eine "Laufmaschine". Sie war das erste lenkbare, durch Muskelkraft betriebene Zweirad und somit der direkte Vorläufer unseres heutigen Fahrrads.

Die Draisine: Ein Meilenstein der Mobilität

Drais fuhr an diesem Sommertag mit seinem Laufrad die fast 15 Kilometer lange Strecke von Mannheim zum Schwetzinger Relaishaus und zurück in nur einer Stunde. Das war schneller als die Postkutsche und eine echte Sensation. Drais wurde schlagartig berühmt. Seine Laufmaschine nannte man dem Erfinder zu Ehren oft auch "Draisine".

Am 12. Januar 1818 erhielt Drais für seine Laufmaschine vom badischen Herrscher ein zehnjähriges Großherzogliches Privileg, was heute einem Patent gleichkäme. Mit etwa 50 Pfund Gewicht war die Draisine aus Eschenholz nicht viel schwerer als moderne Stahlrahmenräder. Sie besaß bereits Klappständer, Gepäckträger und Bremse.

Dank des Großherzoglichen Privilegs musste jede Draisine in Baden eine Drais-Lizenzmarke auf der Lenkstange tragen. Außerdem erhielt Drais noch ein „Brevet“ in Frankreich. Aber trotz des „Privilegs“ musste Drais erleben, wie seine Erfindung unerlaubt nachgebaut und verkauft wurde. Andere Bastler meldeten Drais´ Erfindung etwa in den USA oder Großbritannien für sich selbst zum Patent an. Der Freiherr verdiente an seiner Erfindung daher nur sehr wenig.

Bei den Plagiaten fehlte mitunter die Bremse, was zu Unfällen und einer Rufschädigung der Erfindung führte. Bald sahen sich etliche Städte (beginnend mit Mannheim) gezwungen, ein Verbot des Befahrens von Bürgersteigen mit Draisinen auszusprechen. Auf den damals meist sehr holperigen Straßen lief die Draisine nicht gut. Nach einem kurzen Boom verebbte daher die Begeisterung für die Laufmaschine wieder.

Inspiration durch Not: Das "Jahr ohne Sommer"

Drais war möglicherweise durch das „Jahr ohne Sommer“ 1816 inspiriert worden, ein Fortbewegungsmittel ohne Pferde zu erfinden: Infolge des Ausbruchs des Vulkans Tambora in Südostasien im Jahr zuvor kam es auf der Nordhalbkugel zu einer Klimaverschlechterung mit viel Regen und Kälte; Missernten und Mangel an Hafer folgten. Die Menschen konnten oft weder sich noch ihre Pferde ausreichend ernähren und aßen sie deshalb lieber auf. Es war also naheliegend, über ein Verkehrsmittel ohne Zugtiere nachzudenken.

Dieser Zusammenhang ist allerdings nicht erwiesen, denn bereits 1813 hatte Drais (erfolglos) ein Patent auf einen kurbelbetriebenen „Wagen ohne Pferde“ beantragt.

Ein Leben für die Innovation

Drais, geboren 1785 in Karlsruhe, war Patenkind des badischen Großherzogs. 1808 wurde er Forstmeister, aber zwei Jahre später bei vollem Gehalt vom Dienst freigestellt, damit er sich ganz auf seine Erfindertätigkeit konzentrieren konnte. 1818 wurde er außerdem zum Professor für Mechanik ernannt.

Der Freiherr war ein innovativer Mathematiker und vielseitiger Erfinder: Er entwickelte unter anderem eine Notenschriftmaschine, die beim Klavierspielen das Gespielte aufschrieb, eine Schnellschreibmaschine, einen Holzsparherd und eine Kochmaschine. Dennoch galt Drais gegen Ende seines Lebens eher als gescheiterter „verrückter Erfinder“ denn als technischer Innovator.

Dass Drais in seinen späteren Jahren gesellschaftlich zunehmend isoliert war, hatte auch politische Gründe. Sein Vater, der badische Geheimrat und Oberhofrichter Karl Wilhelm Ludwig Friedrich von Drais von Sauerbronn, war 1820 am Todesurteil für Karl Ludwig Sand beteiligt.

Andererseits machte Drais sich später auch bei der althergebrachten, restaurativen Obrigkeit unbeliebt, die ihn bisher protegiert hatte. Deswegen soll sogar ein Entmündigungsverfahren gegen ihn angestrengt worden sein.

Die Weiterentwicklung des Fahrrads

Erst sehr lange nach seinem Tod setzte die Würdigung seiner Pionierleistungen ein. In den folgenden Jahrzehnten nach Drais´ Patent sorgten einige entscheidende technische Weiterentwicklungen wie der Tretkurbelantrieb für das Hinterrad, der luftgefüllte Reifen oder die Niederrad-Rahmenbauweise dafür, dass das Fahrrad seine bis heute gültige Form erhielt. Heute ist es mit einer geschätzten Milliarde von Exemplaren weltweit das mit Abstand häufigste Fahrzeug: Allein in Deutschland soll es rund 70 Millionen "Drahtesel" geben.

2017 wurde die Erfindung des Zweiradprinzips 200 Jahre alt. Am 3. Juni ist der Welttag des Fahrrads. Die Vereinten Nationen würdigen damit die "Einzigartigkeit, Langlebigkeit und Vielseitigkeit des Fahrrads“.

Vom Laufrad zum modernen Fahrrad: Eine Chronologie

Jahr Ereignis Bedeutung
1817 Karl Drais erfindet die Laufmaschine Erstes Zweirad, Vorläufer des Fahrrads
1860 Pierre Michaux und Pierre Lallement fügen Pedale hinzu Erstes Veloziped mit Tretkurbel
1870 Entwicklung des Hochrads Höhere Geschwindigkeit, aber instabil
1885 John Kemp Starley entwickelt das Sicherheitsfahrrad Erstes Fahrrad mit zwei gleich großen Rädern und Kettenantrieb
1887 John Boyd Dunlop erfindet den Luftreifen Deutlich komfortablere und schnellere Fahrt

Die Vereinten Nationen wollen mit dem Welttag auch darauf aufmerksam machen, dass die Bedürfnisse von Radfahrern und Fußgängern vielerorts „weiterhin übersehen werden“. Keine Frage: Fahrradfahren hat beträchtliche gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Vorteile. Rund die Hälfte aller innerstädtischen Pkw-Fahrten sind unter fünf Kilometer lang.

Aber auch die motorlosen Drahtesel werden bis heute ständig weiterentwickelt, wie ein kleiner Blick auf neue Anmeldungen beim DPMA zeigt. Das betrifft besonders die Bereiche Schaltung und Getriebe, aber etwa auch Kette und Dämpfung. Besonders populär in den Städten sind weiterhin die Lastenräder, die ebenfalls kontinuierlich weiterentwickelt werden.

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