Langarm-Funktionshemden sind nicht unbedingt das Bike-Produkt, das emotional anmacht: grau, dunkelblau oder schwarz, meistens aus Plastik, und oft müffeln sie schon nach einer Stunde säuerlich nach Schweiß. Viele Modelle kommen und gehen im Laufe der Jahre durch den persönlichen Bestand. Doch dann ist da das eine, das bleibt: ein mindestens zehn Jahre altes Unterhemd, durch zahllose Waschgänge verfärbt, am Kragen ausgeleiert - aber einfach ein Lieblingsteil.
Was es dazu macht, erschließt sich durch gründliches Nachspüren: Das Lieblingsunterhemd puffert einen großen Temperaturbereich ab, wirft auch unter engen Trikots keine Falten und zwickt nirgends. Es stinkt kaum. Die Ärmel sind lang und eng genug, und der Kragen hat die richtige Höhe. Das ist eigentlich schon alles.
Doch was so einfach klingt, ist in der Praxis offenbar ziemlich individuell, denn das Angebot ist breit gefächert. Wir haben von den einschlägigen Herstellern Langarm-Funktionshemden angefordert, die sich nach deren Meinung besonders gut für das Radtraining bei kaltem Wetter eignen. Auf den ersten Blick wirkt das Ergebnis ziemlich homogen, doch sobald der Blick aufs Materialetikett fällt, wird es interessant.
Material-Mix: Der Unterschied liegt im Detail
Die Hemden im Test bestehen aus insgesamt sieben verschiedenen Materialien, bis zu fünf davon in einem einzigen Hemd! Welche Mischung zum Einsatz kommt, hat möglicherweise viel mit dem Einsatzbereich zu tun. Der Körper als Kraftwerk ist auf etwa 37 Grad Kerntemperatur optimiert. Wenn die Temperatur zu hoch oder zu niedrig ist, sinkt die Leistung beträchtlich.
Gleichzeitig erzeugt die Maschine Mensch sehr wechselhafte Mengen an Abwärme. Am Schreibtisch sitzend beträgt die Heizleistung etwa 100 Watt, doch schon bei einer mittleren Tretleistung auf dem Rad von 200 Watt sind es um die 600 Watt Abwärme. Zu geringe Temperaturen kompensieren wir durch Kleidung, zu hohe durch Fahrtwind, Abstrahlung - und Verdunstung.
Der Schweiß, den wir dafür produzieren, sollte dafür möglichst dicht am Körper verdunsten. Funktions-Shirts müssen diese Kühlung unterstützen, aber gleichzeitig so schnell trocknen, dass sie in Ruhephasen nicht weiterkühlen. Aus Laborversuchen ist bekannt, dass beispielsweise Elasthan, das die Passform unterstützt, schlecht trocknet. Oder dass Polypropylen praktisch kein Wasser aufnimmt, während Polyester und Polyamid das in Maßen tun.
Auch das Verhalten von Wolle oder Baumwolle ist gut untersucht, ebenso das Tragegefühl all dieser Stoffe. Keine Faser leistet alles Gewünschte. Also sind die Textilexperten gezwungen, ihre Produkte schon durch die Materialwahl auf bestimmte äußere Randbedingungen und für bestimmte Trainingsintensitäten zu optimieren.
Sonderrolle Wolle: Struktur des Gewebes und Anfälligkeit für Geruch
Dazu kommt die große Bedeutung der Struktur des Gestricks. Viele Funktionshemden im Test sind auf der Innenseite anders strukturiert als außen: Grobe Maschen oder Schlingen sollen den Schweiß durch Kapillarkraft auf die Hemdoberfläche leiten, wo er - zwar hautnah, aber nicht direkt auf der Haut - kühlend verdunstet oder an die nächste Kleidungsschicht weitergeleitet wird.
Merinowolle spielt in diesem Werkzeugkasten eine Sonderrolle. Diese besonders feine Schafwolle lagert in ihren Fasern relativ viel Feuchtigkeit ein, bevor sie klatschnass ist und damit kaum noch isoliert. Ein Merinohemd mit 50 Prozent Feuchtigkeit wird sich deshalb angenehmer tragen als ein Baumwoll-Shirt mit demselben Wassergehalt.
Doch Wolle polarisiert: Manche kratzt sie, und dicke Wollhemden würden wir wegen ihres Trocknungsverhaltens nur eingeschränkt für intensives Training empfehlen. Ihr unbestreitbarer Vorteil ist aber die geringe Geruchsentwicklung. Der Mief entsteht nämlich aus der Zersetzung von Schweiß durch Bakterienstämme - die sich auf Wolle nicht ansiedeln, auf Kunstfasern allerdings gerne. Auf welcher Kunstfaser sie das bei wem tun, ist kaum vorherzusagen. Oft entwickelt sich die Geruchsanfälligkeit zudem erst nach vielen Wäschen.
Zwei Hemden (GripGrab und UYN) waren antibakteriell ausgerüstet - ein hautärztlich umstrittenes Extra, da es die natürliche Hautflora stören soll.
Der Tragekomfort
Neben der Fasermischung trägt auch der Sitz erheblich zum Tragekomfort bei. Wie auflackiert sitzende Shirts fördern durch ihren flächigen Hautkontakt prinzipiell die Thermo-Regulierung, außerdem dürfen sie in der Übergangszeit mit ihrer Armstulpen-Optik unter race-mäßigen Kurzarmtrikots hervorschauen.
Diese hochelastischen, nahtarmen Hemden sind aber, gerade bei feuchter Haut, etwas umständlich anzuziehen. Nicht jede und jeder mag zudem den engen Sitz, doch funktional sind drei der vier bei den Testbesten. Und da liegt letztlich ein Problem unseres Tests mit satten 50 Mustern: Den einen, einzigen Testsieger kann es trotz größter Sorgfalt kaum geben.
Zu vielfältig sind die Randbedingungen, zu individuell die Voraussetzungen persönlichen Wohlgefühls. Trotzdem sind wir sicher, dass unsere Empfehlungen helfen, Fehlkäufe zu vermeiden. Denn so ähnlich die Shirts auch aussehen: Fast jedes hat andere Stärken. Und die haben wir herausgefiltert.
Testergebnisse im Detail
Im Folgenden werden die getesteten Modelle im Detail vorgestellt:
Castelli Flanders Warm
Normalerweise ist Castelli eine Marke, die mit hoher Funktionalität glänzt. Das Flanders Warm kommt angesichts dieser Erwartungen eher bescheiden weg. Das reine Polyestermaterial trocknet zwar rasant, doch die verfilzte Innenseite nimmt den Schweiß nur sehr zögerlich auf. Er bleibt auf der Haut und wird schnell nasskalt. Daher sehen wir den Einsatzbereich im weniger schweißtreibenden Drehzahlbereich.
Die Passform orientiert sich Castelli-typisch an schlanken Sportlerinnen und Sportlern, doch das Unterhemd ist aufgrund des nur querelastischen Materials wenig flexibel und wenig „figurtolerant“. Bei der Haptik kritisierten mehrere Versuchspersonen unelastische, kratzende Nähte. Doch einer Testerin war das Shirt offenbar auf den Leib geschneidert: Sie machte es zu ihrem Favoriten.
- Preis: 75 Euro
- Hergestellt in Moldawien
- Größen: XS-XXL / XS-XL
- Material: 100 % Polyester (PES)
- BIKE-Urteil: befriedigend
Craft Active Extreme X CN LS
Fußballveteran Franz Beckenbauer prägte über das Duell Deutschland-England den unvergessenen Satz „We call it a Klassiker“. So ein Klassiker ist auch das seit Jahren fast unveränderte Craft-Hemd. Die aktuelle Version enthält viel Recycling-Polyester und ein wenig Netzgestrick, insgesamt bleibt es bei der bewährten Funktion.
Im Training nimmt das leichte Hemd fühlbar Feuchtigkeit auf, wodurch es etwas kühlt. Die Herstellerempfehlung sieht den Einsatz bei intensiverer Belastung und kühlen, aber nicht eiskalten Temperaturen vor, was auch der Erfahrung unserer Probanden entspricht. Das reine Polyester-Shirt ohne Elasthan sitzt nicht ganz so straff wie andere, doch dafür trocknet es schnell. Abseits der Belastung kann das Tragegefühl nicht ganz mit den Hautschmeichlern im Test konkurrieren.
- Preis: 60 Euro
- Hergestellt in Litauen
- Größen: S-XXL / XS-XXL
- Material: 100 % Polyester (PES) z. T. recycelt
- BIKE-Urteil: gut
Falke Langarmshirt Warm
Wer laborfixiert nur auf die Fasermischung und die Trocknungszeiten des Falke-Shirts schaut, wird es total unterschätzen: Es „feuchtelt“ länger als andere Kunstfasermodelle. Dass es trotzdem ein Favorit des Testteams ist, verdankt es seiner guten Schweißableitung und seinem sehr enganliegenden Sitz - bei feuchter Haut ist es sogar schwer anzuziehen.
Die volle Passform-Punktzahl verfehlt es wegen des etwas zu weiten Halsbereichs und einer vorderen Länge, die sich in Tights leicht wulstig zusammenrollt. Der Hersteller bewirbt es für milde bis kalte Bedingungen und hohe Trainingsintensität. Das entspricht weitgehend unseren Erkenntnissen. Bei der Temperatur korrigieren wir die Empfehlung etwas in Richtung Wärme. Insgesamt sehr sportlich, aber kein Favorit für vielstündiges Grundlagentraining.
- Preis: 55 Euro
- Hergestellt in Türkei
- Größen: S-XXL / XS-XL
- Material: 69 % Polyamid (PA), 26 % PES, 5 % Elasthan
- BIKE-Urteil: gut
Gore Base Layer Thermo Long Sleeve
So konsequent wie kein Mitbewerber setzt Gore auf schnell trocknendes Material. Dass das innen rau strukturierte Polypropylen den Schweißtransport noch einmal beschleunigt, verstärkt das im Vergleich sehr trockene Hautgefühl. Vor allem unter Regenkleidung, die ansonsten einen Nässestau provoziert, kann das Material damit punkten.
Die Herstellerempfehlung für hohe Trainingsintensität würden wir im Vergleich zu stärker kühlenden Modellen relativieren, doch dafür funktioniert das Gore-Shirt auch auf längeren Runden als erste Lage. Kritikpunkte waren das etwas „plastikmäßige“ Tragegefühl und Schnittdetails wie der etwas niedrige T-Shirt-Kragen. Außerdem dauert es eine Weile, bis beim Anziehen die Ärmel so weit zurechtgezupft sind, dass sie keine störenden Falten mehr werfen.
- Preis: 65 Euro
- Hergestellt in Türkei
- Größen: S-XXL / 34-42
- Material: 92 % Polypropylen (PP), 8 % Elasthan
- BIKE-Urteil: sehr gut
GribGrab Expert 2 Thermal Seamless
Die gute Nachricht zuerst: Kein anderes Hemd erhielt für die Passform und den Sitz so viel Lob wie dieses. Es liegt gut an, ohne irgendwo einzuschneiden und hat die richtigen Proportionen für Sportlerinnen- und Sportlerkörper, inklusive Toleranz nach oben. Ungewaschen riecht es etwas chemisch, was mit der umstrittenen antibakteriellen Ausrüstung zusammenhängen könnte. Nach mehreren Wäschen verflüchtigte sich dieser Duft weitgehend.
Etwas weniger euphorisch sind auch die in der Praxis gesammelten Einschätzungen zum Körperklima: Trotz der inneren und äußeren Strickstrukturen und des hohen Anteils an schnell trocknendem Polypropylen saugt sich das relativ dicke GripGrab-Hemd auch hautnah voll und kann sich klamm anfühlen. Es erhielt für intensivere Dauerbelastung wenig Lob.
- Preis: 63 Euro
- Hergestellt in China
- Größen: XS-XXL, 3 Größen, unisex
- Material: 56 % PP, 40 % PA, 4 % Elasthan, antibakteriell ausgerüstet
- BIKE-Urteil: gut
Icebreaker Zone Knit 200
Das teure Merinohemd vereint in sich die Vor- und Nachteile von Wolle: Das Icebreaker-Modell trocknet kaum schneller als ein Baumwoll-T-Shirt, fühlt sich feucht, aber deutlich wärmer an. Weil Merinowolle sich nicht so ausgefuchst „zweiflächig“ verstricken lässt wie manche Kunstfaser, bleibt diese feuchte Wärme hautnah spürbar. Für Starkschwitzer und hohe Intensitäten würden wir es deshalb nicht empfehlen.
Die Haptik von Merinowolle polarisiert. Ein ansonsten unempfindlicher Tester empfand das Netzgestrick am Rücken als kratzig. Andere lobten das Tragegefühl des trockenen Shirts - Wolle als Funktionsfaser bleibt Gefühlssache. Der Schnitt des (sehr groß ausfallenden) Icebreaker-Hemdes ist sportlich, aber nicht radspezifisch und vor allem an Bauch und Hüfte eher leger als hautnah.
- Preis: 126 Euro
- Hergestellt in China
- Größen: S-XXL / XS-XL
- Material: 100 % Merinowolle
- BIKE-Urteil: befriedigend
Löffler Transtex Hybrid
Die österreichische Firma Löffler ist ein Pionier der Funktionswäsche und verarbeitet in der eigenen Strickerei diverse Faserarten. Beim Transtex Hybrid fällt vor allem der Anteil der aus Holz gewonnenen Faser Lyocell und von Baumwolle auf. Die Fasern sind zweiflächig verarbeitet, Innen- und Außenseite des Shirts unterscheiden sich deutlich.
Nach Ansicht der Testerinnen und Tester leitet diese Struktur die Feuchtigkeit gut von der Haut weg, auch wenn das Hemd sich außen klamm anfühlt. Der Schnitt ist schlank und enganliegend, aber nicht komprimierend. Die Ärmellänge reicht für eine sportliche Bike-Position gerade aus - ist aber nicht radspezifisch. Der Hersteller empfiehlt es für mittlere bis hohe Aktivität. Eine Vorgabe, die wir sogar bis in den niedrigeren Pulsbereich ausweiten. Sehr vielseitig.
- Preis: 80 Euro
- Hergestellt in Österreich
- Größen: 46-60 / 32-46
- Material: 36 % PP, 29 % Lyocell, 17 % PA, 15 % Baumwolle, 3 % Elasthan
- BIKE-Urteil: gut
Odlo Natural 100% Merino Warm
Odlos reines Merinohemd gewinnt ziemlich klar die Hautschmeichler-Wertung - zumindest im gemäßigten Einsatz. „Fast seidige Oberfläche“ und „Baumwollgefühl“ steht in den Testbögen. Auch die Merino-Mitbewerber Icebreaker und Sportful erreichen nicht solche Haut-Sympathiewerte.
In der Trocknungsmessung liegt das Hemd im Mittelfeld, auf ähnlichem Niveau wie etwa Falke, GripGrab oder Löffler. Unter Trainingsbelastung entwickelt es trotzdem das wolltypische feuchtwarme Treibhausklima. Der Hersteller hat es völlig zutreffend für moderate Anstrengungen entwickelt. Auch der Schnitt ist eher zivil, wie bei einem Langarm-T-Shirt mit schlanken Ärmeln. Im Schulterbereich sowie am Bauch kann es unter engen Trikots Falten werfen. Ein Hemd für kühle Grundlageneinheiten.
- Preis: 85 Euro
- Hergestellt in Rumänien
- Größen: S-XXL / XS-XL
- Material: 100 % Merinowolle
Weitere getestete Produkte:
- Sportful Merino Layer Tee
- UYN Ambityon Underwear Shirt
- Van Rysel Winter Race
Verwandte Beiträge:
- Merino Fahrradbekleidung Herren: Komfort & Funktionalität auf dem Rad
- Merino Fahrradbekleidung für Damen: Unschlagbare Vorteile & überraschende Nachteile entdecken!
- Merino Rennrad Trikot Test: Die Top-Modelle für ultimativen Fahrkomfort im Vergleich
- Shimano Karpfenruten Test: Die Top-Modelle für ultimatives Karpfenangeln entdecken!
- Radfahren Gegen Die Fahrtrichtung Auf Dem Gehweg – Was Sie Unbedingt Wissen Müssen!
Kommentar schreiben