Michael Schumachers "Dreirad": Ein legendäres Rennen in Spa 1998

Der 30. August 1998 ist in der Formel 1 unvergessen. Es war ein Rennen voller Dramatik, Kontroversen und einem denkwürdigen Moment, als Michael Schumacher auf drei Rädern in die Box zurückkehrte.

Das Rennen in Spa: Ein Fiasko mit Ansage

Tourt die Formel 1 nach Spa, setzt sich etwas Mystisches in Gang, das mit dem Pawlow‘schen Reflex zu vergleichen ist. Kaum kreiseln Autos durch die belgischen Ardennen, sabbert es vom Himmel herab. Es muss einfach regnen in Spa, und vor 20 Jahren regnet es nicht - es schüttet. So heftig, dass heutige Generationen an sogenannten Formel-1-Helden eine Rennfreigabe nicht einmal mit Scheibenwischern unterm Halo und Schwimmflügeln auf den Windabweisern akzeptieren würden.

Es fuhr ja auch der wahrhaft testosterongeschwängerte Sachbearbeiter Häkkinen, übrigens auf Pole Position, vor Coutlhard, Damon Hill und einem seltsam farblosen Regenmeister Schumacher als Viertem. Alles, was nach Erlöschen der Ampeln passiert, füttert die Annalen auf so vielfältige Art, dass 20 Jahre darauf Texte verfasst werden, und es steht zu vermuten, dass Ähnliches in weiteren 20 Jahren eintritt. Immerhin spricht Bernie Ecclestone, der dieses Internet für ein flüchtiges Phänomen hält, seinerzeit vom "aufregendsten Rennen seit Ben Hur".

Beim ersten Start streift die Formel 1 die Katastrophe. 13 Wagen verkeilen sich in Fontänen und bei Nullsicht, weil just Coulthards McLaren ausschwenkt, gegen die Boxenmauer prallt, wieder auf die Piste pendelt und dort eine gigantische Massenkarambolage auslöst. Zurückbleibt ein Multi-Millionen-Grab, wundersam: ohne Verletzte.

Stunden verstreichen, ehe Häkkinen beim zweiten Versuch in der ersten Kurve ausscheidet, bald bremst sich Schumacher an Hill vorbei und würde eine verloren geglaubte WM zur offenen Angelegenheit wenden. 24 von 44 Runden sind absolviert, die Bedingungen sind fürchterlich, und Schumacher führt mit astronomischem Abstand. Er muss überrunden. Nur noch überrunden.

Der Zusammenstoß mit Coulthard

Coulthard schleicht zwei Minuten hinter der Spitze wie kastriert um den Kurs. Ferrari-Rennleiter Jean Todt bricht sicherheitshalber zur McLaren-Box auf, um Fairness zu propagieren. Keine Spielchen! Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug wird schwören: "Wir haben David über Funk die klare Anweisung gegeben, Schumacher passieren zu lassen."

Die britische Kommentatorenikone Murray Walker murraywalkert gerade vor sich hin, als Coulthard und Schumacher die Pouhon-Biegung nehmen. Coulthard zuckelt auf der Bahn, Schumacher schert aus, leicht versetzt. Plötzlich verschwimmen der silberne und der rote Punkt in der Gischt, als hätte ein Künstler versehentlich seinen Wassermalkasten übers Gemälde gekippt.

Walker schreit die Worte, eigentlich ist es ein japsendes Schreien. Der Crash auf Coulthards Heck hat Schumachers rechtes Vorderrad abgerissen, es ist an seinem Kopf vorbei ins Nichts geflogen, vielleicht sollte man es mal suchen, hätte sicher Sammlerwert. Schumacher steuert jetzt das schnellste Dreirad der Welt.

Und er weiß, dass er das Rennen aufgeben muss, und jeder weiß das, aber keiner weiß, was geschehen wird, wenn die Bruchpiloten ihre Boxen erreicht haben, und schon gar nicht, welch zündelndes Dynamit zur Staatsaffäre darin schlummert. In diesem Moment, als Schumacher den Helm samt Haube abnimmt, sich im Laufschritt mit gefrorenen Mundwinkeln von einem Ferrari-Bediensteten losreißt und die McLaren-Garage zur Manege eines Amateurboxkampfes transformiert - in diesem Moment erlebt das Volk für einmal nicht den technokratischen, von ewiger Ratio gelenkten Deutschen. Sie erlebt eine Manie, die nie zuvor und niemals danach in Schumachers Karriere tritt. Ungezügelte, ungeschminkte, ungefilterte Manie.

"Did you want to kill me!?" Hier entsteht das Etikett vom "fucking killer".

Die Folgen des Unfalls

Nicht behaglicher macht es der Umstand, dass die internationale Presse den Schuldigen eher in Schumacher identifiziert. Er sei doch klar vorne gelegen und hätte vorsichtiger sein müssen, belehren die Schlagzeilendichter seufzend, und überhaupt: Bereits der Straßenverkehr befiehlt, dass der Hinterherfahrende beim Unfall zur Räson zu ziehen sei.

Solche Reaktionen bedingen den zweiten Wutanfall. "Ich habe mich für nichts zu entschuldigen", giftet Schumacher, der keinen Millimeter abweicht von seiner Ansicht, dass es Coulthard sei, der um Verzeihung bitten müsse. McLaren legt apodiktisch versiegelte Telemetriedaten offen, die belegen sollen, dass Coulthard nicht gebremst habe, damit Schumacher aufläuft und Häkkinen profitiert. Sauber-Pilot Jean Alesi aber sagt: Beim nächsten Grand Prix in Monza treffen sich die Streithähne zu einer Pseudo-Aussprache im Ecclestone-Zelt. Die Fehde schwelt weiter.

Coulthards Eingeständnis

Im Sommer 2003 sagt Coulthard: "Die Wahrheit ist, dass ich vom Gas gegangen bin, um ihn vorbeizulassen. Ich habe das jedoch in der Gischt und auf der Ideallinie getan. Das sollte man nicht, und ich würde es auch nie mehr tun.“ Schumachers Replik: "Schön zu hören, dass er es zugibt."

Fünf Jahre später gibt Coulthard seinen Fehler zu. Die Aufklärung lieferte nun ausgerechnet Coulthard: "Als Michael in mein Heck fuhr, glaubte er, ich hätte ihn zu töten versucht und all diese Dinge. Die Rennkommissare schauten sich die Daten an, sahen, daß ich nicht gebremst hatte, und so wurde alles unter den Teppich gekehrt", berichtete Coulthard der Nachrichtenagentur "Reuters": "Die Realität aber ist, daß ich lupfte, um ihn vorbeizulassen. Aber ich lupfte bei großer Gischt auf der Rennlinie. Das sollte man nie machen. Ich würde das jetzt nie mehr machen." Coulthard hat gelernt.

Das Ergebnis des Rennens und der Saison

In Spa 1998 siegt Hill. Weltmeister wird Häkkinen. Finnisch Line. Für die Wahrheit ist es ja angeblich nie zu spät.

Zusammenfassend die wichtigsten Fakten:

  • Schumacher führt das Rennen in Spa 1998 an.
  • Er kollidiert beim Überrunden mit Coulthard.
  • Schumacher fährt auf drei Rädern zurück in die Box.
  • Es folgt ein hitziger Streit zwischen Schumacher und Coulthard.
  • Hill gewinnt das Rennen, Häkkinen wird Weltmeister.

Dieses Rennen bleibt als ein Beispiel für die unberechenbaren Bedingungen, die hohen Risiken und die intensiven Emotionen in der Formel 1 in Erinnerung.

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