Die Auswahl an Mountainbike-Reifen ist riesig und unübersichtlich. Schwalbe, MAXXIS, Conti, Pirelli, Michelin, WTB, Kenda und Co. bieten eine breite Palette an Modellen und Versionen an - abgestimmt auf verschiedene Fahrertypen und - niveaus, Bikes und Trail-Bedingungen. Wir haben über 50 Reifen getestet und wollen euch erklären, auf was ihr in Zukunft achten müsst, welche Unterschiede es gibt und was ihr von gewissen Anpassungen - wie dem Luftdruck oder der Karkasse - erwarten könnt.
Grundlagen der Reifenwahl
Im ersten Teil unseres Tests findet ihr alles, was ihr grundlegend über Reifen wissen müsst. Die vier wichtigsten Faktoren, auf die ihr bei der Reifenwahl achten müsst, haben wir im zweiten Teil erklärt. Im letzten Teil verraten wir euch, wie ihr die zu euch passenden Reifen findet. Und im Anschluss daran geben wir euch einen Überblick über alle bekannten Hersteller.
Tubeless-Montage
Die Vorteile von tubeless montierten Reifen liegen auf der Hand: weniger Gewicht, mehr Grip, geringerer Rollwiderstand und höherer Pannenschutz. Auch wenn die Montage etwas mühsam sein kann, sind fast alle modernen MTB-Reifen sowie -Felgen für den Tubeless-Einsatz vorgesehen. Wir selbst fahren nur tubeless und haben auch alle Reifen nur ohne Schlauch für euch getestet. Es gibt aber auch den Trend, mit sogenannten TPU-Schläuchen zu fahren, die wesentlich leichter, etwas robuster, allerdings auch deutlich teurer sind als herkömmliche Schläuche.
Luftdruck
Der richtige Luftdruck im Reifen ist essenziell: Zu viel davon und ihr könnt euch von Komfort und Grip verabschieden. Bei einem zu geringen Luftdruck sind ein unpräzises, schwammiges Fahrverhalten und Defekte vorprogrammiert. Der passende Druck ist dabei sehr individuell und hängt von unzähligen Faktoren ab, wie der Karkasse, Gummimischung und den Bedingungen auf der Strecke. Wir empfehlen euch, vor jedem Ride den Luftdruck mit einem Luftdruckprüfer zu checken und etwas zu experimentieren - die Minute und Investition lohnt sich!
Reifenbreite
Wie breit ist zu breit und wie schmal ist zu schmal? Prinzipiell gilt: Die Reifenbreite muss zur Felgenweite passen. Ein breiterer Reifen hat eine größere Aufstandsfläche und kann so mehr Grip generieren. Zudem kann das erhöhte Volumen den Pannenschutz und den Komfort erhöhen. Mit Reifen, die breiter als 2,6” sind, haben sportlich-aggressive Fahrer in Kurven aber oft mit negativen Effekten zu kämpfen: Das Fahrverhalten wird schwammig und unpräzise, wodurch sich enge Linien oft nicht mehr halten lassen. Sowohl die Felge als auch das Profil beeinflussen die tatsächliche Breite des Reifens enorm.
Gemessen wird nämlich immer an der breitesten Stelle: also ganz außen an den Seitenstollen. Somit sind die Reifenbreiten der unterschiedlichen Hersteller nicht direkt vergleichbar und ein 2,5”-Reifen von MAXXIS kann breiter oder schmaler sein als ein 2,5”-Reifen von SCHWALBE, Continental oder anderen Herstellern.
Reifengewicht
Das Gewicht eurer Reifen solltet ihr nicht unterschätzen: Der Reifensatz alleine, ohne Tubeless-Milch und Co., trägt mit etwa 2,5 kg zum Gesamtgewicht eures Bikes bei. Das kommt zwar einer gefüllten großen Trinkblase gleich, dennoch wirkt sich das Gewicht des Reifens deutlich spürbarer auf die Fahrperformance aus. Zum einen sind die Reifen Teil der rotierenden Masse, die ihr bei jedem Antritt und bei jeder Bremsung beschleunigen und abbremsen müsst. Zum anderen fungieren die Reifen - noch vor eurer Gabel - als Federelement und reagieren auf Schläge, wodurch sie massiven Einfluss auf euer Fahrwerk haben. Schwere Reifen können das Fahrverhalten aber auch positiv beeinflussen: Geht es heftiger zur Sache, helfen euch schwere Reifen, die Linie im Steinfeld oder über den Wurzelteppich zu halten, was eure Fahrt stabilisiert.
Vorder- vs. Hinterrad
Die Anforderungen am Vorderrad unterscheiden sich von denen am Hinterrad. Beim MTB gilt es, so viel Grip wie möglich am Vorderrad zu generieren, während man am Hinterrad Kompromisse zwischen Traktion und Rollwiderstand eingehen muss. Auch beim Thema Pannenschutz gibt es massive Unterschiede, die Kräfte am Hinterrad sind oftmals um ein Vielfaches höher. Ihr habt also viel Spielraum bei Profil, Karkasse und Gummimischung.
Reifen als Tuning-Teil
Auch wenn ihr nicht wie so manche Profis täglich auf neuen Reifen unterwegs seid, schlagen Reifen als Verschleißteil immer wieder große Löcher in die Urlaubskasse. Fakt ist: Ein hochwertiger Reifen ist relativ teuer, hat aber auch einen massiven Einfluss auf eure Trail-Performance und kann über Frust oder Spaß im Urlaub entscheiden. Ihr solltet euren Reifen deshalb als Tuning und nicht als Verschleißteil betrachten.
Tire Inserts
Tire Inserts gibt es mittlerweile wie Sand am Meer und die Preisspanne dieser Systeme ist riesig. Das Funktionsprinzip ist bei den meisten Systemen dasselbe: Ein Schaumstoff agiert bei heftigen Einschlägen als Puffer zwischen dem Felgenhorn und dem Reifen. Dadurch schlägt der Reifen nicht mehr oder deutlich weicher auf der Felge auf der Felge auf und wird nicht so schnell von ihr beschädigt. Deshalb gilt: Erst wenn ihr mit der stabilsten Karkasse im Line-up weiterhin Probleme habt, solltet ihr über einen Tire-Insert nachdenken.
Profil und Einsatzzweck
Auch wenn ein Reifen speziell für das Vorder- oder Hinterrad designt wurde, kann er auch am jeweils anderen Laufrad zum Einsatz kommen. Darüber hinaus habt ihr auch die freie Wahl beim Einsatzzweck: Ein „Matschreifen“ funktioniert im Hochsommer bei super staubigen, weichen Trails in der Regel ebenfalls hervorragend. Die Reifenhersteller geben euch einen groben Überblick, wofür sich der Reifen eignet.
Testverfahren
Gut Ding will Weile haben: Kein anderer Test bei ENDURO hat so lange gedauert und so viele Tester involviert wie unser Reifen-Vergleichstest. In den letzten zwei Jahren haben wir an die 200 Bikes getestet und unzählige Trail-Kilometer abgespult. Während unserer Back-to-Back-Sessions im uns sehr gut bekannten Bikepark Kronplatz lief unsere Tubeless-Pumpe auf Hochtouren. Armpump vom Reifenwechseln - ja, hatten wir. Aber nur so, mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Strecken und Bedingungen, können die Unterschiede der Reifen wirklich beurteilt werden.
Für unseren Test am Kronplatz in Südtirol sind alle Tester auf dem Pivot Firebird und dem gleichen HUNT Trail Wide MTB-Alu-Laufradsatz gefahren, um gleiche Voraussetzungen zu haben: Gleiche Bikes und gleicher Laufradsatz, unterschiedliche Reifen. Zudem konnten wir mehrere Tage lang das renommierte Labor von Schwalbe in Beschlag nehmen, um alle Reifen unter standardisierten Bedingungen zu testen. Dort haben wir nicht nur alle Modelle gewogen und vermessen, sondern auch Tests zum Rollwiderstand, Durchschlagschutz und zur Pannenanfälligkeit durchgeführt, um unsere Test-Eindrücke vom Trail zu untermauern.
Labor-Tests
- Labor-Durchschlagtest: Ein 19 kg schwerer Stahl-Keil wird auf die Lauffläche des Reifens ausgerichtet, auf eine definierte Höhe angehoben und anschließend fallen gelassen. Der Versuch wird mit steigender Fallhöhe so lange wiederholt, bis sich ein Defekt des mit 1,5 bar gefüllten Reifens einstellt.
- Labor-Durchstichtest: Ein Prüfkörper wird mit steigender Krafteinwirkung auf den Reifen gedrückt, bis dieser durchstochen wurde. Gemessen wird die maximale mittlere Kraft in N, die für den Durchstich notwendig war.
- Labor-Rollwiderstandsmessung: Jeder Reifen wird auf einer 30 mm breiten Test-Felge montiert, auf 1,5 bar Reifendruck aufgepumpt und mit einer Radlast von 50 kg belastet, während er auf einer Stahlrolle abrollt. Dabei wird die benötigte Leistung in Watt gemessen, die es braucht, um den Reifen mit einer Geschwindigkeit von 20 km/h anzutreiben.
Praxis-Tests
Für unseren Back-to-Back-Test waren wir im uns sehr gut bekannten Bikepark Kronplatz. Hier gibt es einen wilden Mix an Trails - von großen Jump-Trails mit dicken Anliegern und hohen Kompressionen bis hin zu steilen, verblockten und engen Passagen. Zudem pedalierte unser Redaktions-Praktikant für mehrere Tage die unterschiedlichsten Passstraßen und Schotterwege hinauf. So konnten wir mithilfe von GPS-Aufzeichnungen und Wattmess-Pedalen die Werte für den Rollwiderstand aus dem Labor in der Praxis nachprüfen, denn nur da zählt es wirklich.
Die Karkasse
Die Karkasse bildet so etwas wie das Rückgrat des Reifens und ist mit der wichtigste Faktor, auf den ihr bei der Wahl eurer Reifen achten solltet. Sie verleiht ihm seine Rundung und beeinflusst maßgeblich die Dämpfung, die Kurvenstabilität und den Pannenschutz. In erster Linie solltet ihr die Karkasse nicht anhand ihres Gewichts, sondern anhand eures Gewichts, eures Fahrstils und eurer Trails auswählen. Je stabiler die Karkasse, desto weiter könnt ihr den Luftdruck senken, ohne Gefahr zu laufen, an jeder Kante einen Pinch-Flat zu bekommen oder den Reifen in Kurven wegzuknicken.
Specialized Reifen im Test
Specialized deckt mit seinem Reifensortiment alles ab: vom leichten XC-Racer bis zum robusten Gravity-Pneu. Die S-Works-Karkasse ist mit ihrem einlagigen 120-TPI-Aufbau die leichteste und geschmeidigste Karkasse im Angebot. Control bezeichnet bei Specialized die Allround-XC-Karkasse, die gegenüber der S-Works-Karkasse dank ihrer 60-TPI-Gewebedichte mit einem besseren Durchstichschutz punkten soll. Auch die GRID-Karkasse ist eine 60-TPI-Konstruktion, die jedoch zusätzlich über einen Seitenwandschutz verfügt. GRID Trail ist im Hause Specialized die Karkasse für den härteren Trail-Einsatz. GRID Gravity ist bei Specialized die Karkasse fürs Grobe. Sie ist daher als zweilagige Karkassenkonstruktion aus 60-TPI-Karkassenmaterial aufgebaut.
Specialized hat drei Gummimischungen im Angebot, die den Buchstaben „T” mit einer darauffolgenden Zahl kombinieren. Das „T” steht dabei für „Tread Compound”. T5 ist die XC-Mischung im Specialized Gummimischungsportfolio. T7 ist die Trail-Mischung von Specialized, die gute Roll- und Gripeigenschaften miteinander verbinden soll. T9 ist aktuell die weichste Gummimischung im Portfolio.
In unserem Praxistest haben wir fünf Modelle für den Einsatzzweck Trail bis Gravity für euch getestet: Purgatory, Eliminator, Butcher, Hillbilly und Cannibal.
Specialized Purgatory
Der Purgatory wird von Specialized als vielseitiger Trail-Reifen eingestuft und bietet auch in schwierigen Situationen guten Grip und Traktion. Der Purgatory erhaltet ihr neben den zwei Karkassenversionen mit T7- oder T9-Gummimischung. Der stets 2,4” breite Purgatory wird mit T7-Gummimischung in beiden Laufradgrößen 27,5” und 29” angeboten.
Specialized Eliminator
Auch wenn der Purgatory am Hinterrad bereits eine gute Figur macht, ist es der Eliminator, den Specialized als idealen Trail-Hinterreifen sieht. Bei der von uns getesteten Variante mit GRID Gravity-Karkasse setzt Specialized auf ein Dual-Compound-Design. Dieses kombiniert die schneller rollende T7-Gummimischung an der Lauffläche mit der griffigen T9-Gummimischung an den Seitenstollen.
Specialized Butcher
Der Butcher soll mit besonders viel Auflagefläche punkten, was vor allem durch das Block-in-Block-Profildesign gewährleistet werden soll. Der Butcher wird grundsätzlich mit der weichen T9-Gummimischung ausgeliefert. Ihr erhaltet den Butcher in den drei Breiten 2,3”, 2,4” und 2,6”.
Specialized Hillbilly
Der Hillbilly ist klar auf den Gravity-Bereich fokussiert. Dank des aggressiv gestalteten Profils mit tiefen Stollen und reichlich Zwischenraum sollen lose Böden sein Terrain sein. Das hat zur Folge, dass der Hillbilly den höchsten Rollwiderstand der Specialized-Reifen erzeugt. Im direkten Vergleich mit anderen Reifen für softe und nasse Untergründe war der Hillbilly durch sein hohes Maß an Berechenbarkeit verbunden mit der starken Dämpfung der T9-Gummimischung unser Favorit.
Specialized Cannibal
Mit dem Cannibal fährt Specialized das schwerste Geschütz im Reifenportfolio auf, dem auch Loïc Bruni und Kollegen im Downhill-Worldcup vertrauen. Besonders die breiten Bremskanten sind auffällig und sollen sich aggressiv in den Boden beißen. In der Praxis konnte der Cannibal mit massig Grip und Kontrolle punkten.
Empfehlungen für Enduro-Reifenkombinationen
Hier sind einige empfohlene MTB-Reifenkombinationen für Enduro-Bikes, sowohl für Allround- als auch für Extrem-Einsätze:
Allround-Kombinationen
- Continental: Kryptotal Fr Trail / Re Trail
- Maxxis: Assegai EXO+ / Minion DHR II EXO+
- Schwalbe: Magic Mary Superground / Big Betty Supertrail
- Michelin: Wild Enduro Front Racing / Wild Enduro Rear Racing
- Kenda: Hellkat ATC / Pinner ATC
- Specialized: Butcher Grid T9 / Purgatory Grid T7
Extrem-Kombinationen
- Continental: Kryptotal Fr DH / Re DH
- Maxxis: Assegai DD / Minion DHR II DH
- Schwalbe: Magic Mary SuperG / Big Betty SuperG
Weitere Reifentests und Modelle
Neben den genannten Modellen wurden auch weitere Reifen für E-MTB und Tour & Trail Bikes getestet. Hier eine Auswahl der Testsieger:
E-MTB Reifen (Test 2024)
- Maxxis: Assegai Double Down 3C Maxx Grip TR (Vorderreifen) & Minion DHR II DH Casing Dual TR (Hinterreifen)
- Michelin: E-Wild Front Racing Line (Vorderreifen) & E-Wild Rear Racing Line (Hinterreifen)
- Pirelli: Scorpion E-MTB S (Vorderreifen) & Scorpion E-MTB R (Hinterreifen)
- Schwalbe: Eddy Current Front Super Trail Soft (Vorderreifen) & Eddy Current Rear Super Gravity Soft (Hinterreifen)
- Vittoria: E-Mazza Enduro Graphene 2.0 (Vorderreifen) & E-Martello Enduro Graphene 2.0 (Hinterreifen)
Tour & Trail Reifen (Test 2024)
- Schwalbe: Nobby Nic Super Ground Soft (Vorderreifen) & Wicked Will Superground Speed Grip (Hinterreifen)
- Continental: Mountain King Protection TR (Vorderreifen) & Cross King Protection TR (Hinterreifen)
- Goodyear: Escape Ultimate TC
- Kenda: Regolith Pro SCT TR (Vorderreifen) & Karma 2 Pro SCT TR (Hinterreifen)
- Maxxis: Forekaster Exo 3C Maxx Terra TR (Vorderreifen) & Rekon Exo Dual TR (Hinterreifen)
- Specialized: Purgatory Grid T9 2Bliss (Vorderreifen) & Ground Control Grid T7 2Bliss (Hinterreifen)
- Vittoria: Agarro Trail Graphene APF & Syerra Downcountry 4C Graphene 2.0 TLR
Zusammenfassung
Die Wahl des richtigen Mountainbike-Reifens ist entscheidend für die Performance auf dem Trail. Unser ausführlicher Labor- und Praxistest macht die Vor- und Nachteile der einzelnen Kompromisslösungen bestmöglich sichtbar. Ob Allround- oder Extrem-Reifenkombination, die richtige Wahl hängt von den individuellen Bedürfnissen und dem bevorzugten Einsatzbereich ab.
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