Abenteuerlust kennt kein Alter: Margot Flügel-Anhalt und ihre Motorradreise

Ruhestand? Daran denkt Margot Flügel-Anhalt nun wirklich nicht.

Im Gegenteil: Mit 64 Jahren erfüllt sich die äußerst fitte Rentnerin einen lang gehegten Traum, steigt das erste Mal in ihrem Leben auf ein Motorrad und düst los.

Einen Motorradführerschein besitzt sie nicht, doch ihr „alter grauer Lappen“ erlaubt noch das Fahren mit Zweirädern bis 125 Kubikzentimetern.

Los geht’s in ihrem Dorf in Nordhessen und danach 117 Tage und 18.046 Kilometer lang durch Osteuropa und Zentralasien.

Die Bikerin überquert nicht nur die Grenzen von 18 Ländern, sondern auch die zwischen Menschen fremder Sprache und Kultur - und vor allem ihre eigenen: Allein als ältere Frau unterwegs auf einer kleinen Reiseenduro, vorbei an atemberaubend schönen wie rauen Landschaften, über die Wolga und das Pamir-Gebirge, durch u.a.

Die Reiseroute und ihre Herausforderungen

Nach einer früheren Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn war das erklärte Ziel, noch einmal gen Osten zu reisen - also eine sehr lange, sehr weite Strecke.

Das zuerst dafür geplante Muli wollte ich aber nicht über stark befahrene Straßen zerren.

Philip, mein Sohn, drängte mich dazu, Motorradfahren zu lernen, damit er auf mich als Begleiterin zurückgreifen kann - große Ehre!

Und für die kleine 125er Reiseenduro habe ich mich kurzerhand entschieden, weil die Zeit, einen richtigen Motorradführerschein zu machen, vor meiner Abreise nicht gereicht hat.

Bei meinen Recherchen zur Tour gen Osten fiel mir der Pamir Highway ins Auge.

Ich war von den Reisebeschreibungen schließlich so begeistert, dass ich die wundervolle Bergwelt Zentralasiens mit eigenen Augen sehen wollte.

Ein Höhepunkt auf Margots langer Reise ist der Pamir Highway, die zweithöchste Fernstraße der Welt.

Auf beachtlichen 1252 Kilometern verbindet der Pamir Highway die kirgisische Stadt Osch und Dushanbe, Hauptstadt Tadschikistans, führt auf seinem höchsten Punkt - 4655 Höhenmeter - über den Ak-Baital-Pass.

Einzigartige Berglandschaften,faszinierende architektonische Zeugnisse und gastfreundliche Einheimische begeistern die Abenteurerin unterwegs.

Margot erhält Aus- und Einblicke, die sie sich vor ihrem Aufbruch kaum je erträumt hätte.

Die schwierigen Pistenverhältnisse bei Regen, Schlamm und Schneematsch in der dünnen Luft auf mehr als 3800 Meter Höhe über den Kyzyl-Art-Pass von Kirgistan nach Tadschikistan - das waren die größten Herausforderungen für mich und meine gebeutelte kleine Honda mit Benzin-Luftgemisch im Vergaser.

Die letzten angespannten Tage vor einer langen Reise sind eine echte Herausforderung für die Nerven.

Aber noch heftiger wird es, wenn unterwegs plötzlich unerwartet der erste Gedanke an eine mögliche Rückkehr aufkeimt.

Es gibt für mich nichts Schwierigeres, als aus der Freiheit der Ferne wieder ins normale Alltagsleben zurückkehren zu müssen.

Kritische Momente und unvergessliche Eindrücke

Aber auch technische Probleme, Stürze auf schlechten (Schotter-)Straßen und ein tödliches Attentat auf andere Reisende am Hindukusch, dem afghanisch-pakistanischen Gebirge, gehören zu den prägenden Erlebnissen ihrer Tour.

Der polnische Polizist - ein vorbeikommender Biker, der mir im Wakhan-Korridor nahe der afghanischen Grenze nach einem Sturz Erste Hilfe geleistet hat - wird mir mit seiner ruhigen Kompetenz wohl für immer im Gedächtnis bleiben.

Und auch die vielen anderen Menschen, die mir Wasser, Unterkunft, Essen, technische Hilfe und Einblick in ihre besonderen Leben geschenkt haben.

Ich bin ihnen für immer dankbar.

Jeden Augenblick prägen die unfassbaren Wunder der zentralasiatischen Bergwelt mein Bewusstsein: Imposante, erhabene Gebirgszüge auf der einen und auf der anderen Seite Wüsten, die ich durchquert habe: ein wildes, unwegsames, undurchdringliches Nichts.

Das alles zu erleben - dafür bin ich aufgebrochen.

Nach meinem schmerzhaften Sturz, bei dem mir eine Eisenkante des Motorrads den Fußknöchel beinahe gespalten hat, war es unglaublich schwer, wieder auf das Motorrad zu steigen.

Nur mit Hilfe des Mitgefühls und der mentalen Unterstützung meiner Biker-Mentoren konnte ich die Angst vor einem erneuten Sturz überwinden und wieder aufsteigen.

Der furchtbare Terroranschlag, bei dem im Süden Tadschikistans vier Menschen ihr Leben verloren und drei andere teilweise schwer verletzt worden sind, hat tiefe Ängste in uns Fernreisenden ausgelöst.

Geholfen hat dann die Gemeinschaft, in der man über die Tat sprechen konnte, sich ausgetauscht und beraten hat.

Die Welt aber gehört nicht den Kriegstreibern!

Ich wollte erfahren, wie die Menschen dort im Osten leben und überleben.

Daher war weiterfahren oder nicht weiterfahren nie die Frage.

Ich hatte mich entschieden, aufzubrechen.

Davon kann mich nicht viel abhalten.

Doch trotz aller Widrigkeiten bleibt Margot on the road, um Grenzen zu überwinden - geografische, aber auch jene in den Köpfen.

Soziale und politische Beobachtungen

Sie sind auch durch Länder wie z.B. Tadschikistan oder den Iran gereist, in denen schwierige politische und soziale Verhältnisse herrschen und Menschenrechte missachtet werden.

Haben Sie davon etwas mitbekommen?

Die schwierigen sozialen Verhältnisse z.B. in Tadschikistan und insbesondere in der autonomen Region Gorno-Badachschan sind deutlich erkennbar: kein fließendes Wasser, nur stundenweise Strom über Generatoren, keine ärztliche Infrastruktur für Notfälle.

Und Arbeitsplätze, Schulen, Krankenhäuser gibt es nur in den größeren Orten.

Die Aga-Khan-Stiftung versucht zu helfen.

Die politische Unterdrückung im Iran ist überall fühlbar und ständiger Begleiter.

Wer sich nicht den schiitischen Regierungsparteien zuordnet, oder beispielsweise vom Islam zum Christentum konvertiert, ist so gut wie tot.

Dieser Druck ist im Alltag nicht zu übersehen.

Und so „erfährt“ sie - buchstäblich -, dass im Iran zwar keine Helm-, dafür aber Kopftuchpflicht herrscht.

Dort ist Frauen überdies das Motorradfahren streng verboten - entsprechend groß sind Neugier auf und Interesse an der fremden Bikerin aus dem Westen, die ihrerseits mit den Ungerechtigkeiten und der Unterdrückung im Land hadert.

Die Filmdokumentation

Die Dokumentarfilmer Johannes Meier und Paul Hartmann haben die Höhepunkte der Reise in Kirgisistan,Tadschikistan und dem Iran aufgenommen: die härtesten Herausforderungen, schönsten Landschaften und dramatischsten Wendepunkte.

Sie haben während Ihrer Reise selbst gefilmt und sind aber auch von einem Filmteam begleitet worden.

Wie waren die Dreharbeiten für Sie?

Die Dreharbeiten waren schnell nebensächlich.

Die Herausforderungen der Piste nahmen alle Konzentration in Anspruch.

Die beiden Jungs vom Filmteam sind gute Freunde, das Arbeiten mit ihnen ist mir geläufig vom Theaterspielen.

Wenn ich mich vom Fahren ablenken ließ, weil gefilmt wurde, konnte das schnell ins Auge gehen.

Den fertigen Film haben Sie dann selbst zum ersten Mal auf der Kinoleinwand gesehen, zusammen mit vielen anderen Zuschauern.

Was war das für ein Erlebnis?

Das ähnelte der Zeit vor dem Aufbruch zur Reise: Die Gedanken vor der Filmpremiere waren schwierig, der Abend der Premiere war wundervoll.

Da ich wusste, dass es einige sehr persönliche Szenen im Dokumentarfilm gibt, war es mir peinlich, mir vorzustellen, dass jeder nun mein Gesicht so groß und in Nahaufnahme zu sehen bekommen würde.

Das Publikum reagierte aber auf den Film so überaus positiv, dass alle unangenehmen Erwartungen weggefegt wurden.

Bald sind Sie unterwegs auf Kino-Tour und präsentieren ÜBER GRENZEN in ganz Deutschland.

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Auf Fragen und Rückmeldungen des Kinopublikums.

Margot Flügel-Anhalt hat das Reisefieber gepackt - im Spätherbst 2019 will sie erneut ihre Sachen packen und u.a. nach Indien, Thailand und Laos fahren.

Reise Jahr Beschreibung
Über Grenzen 2019 117 Tage, 18.046 km mit der 125er Reiseenduro durch Zentralasien
Einfach Abgefahren 2021 18.000 Kilometer durch 15 Länder mit einem alten Benz bis nach Laos
Hoch. Hinaus. 2023 Mit dem alten Lada Niva bis zum Karakorum-Highway und zurück

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