Gelegentlich gibt es Radtests, die beim ersten Lesen ein groß geschriebenes Fragezeichen hervorrufen. Dabei wurden vier bekannten Carbon-Produktionsrennern von Trek, Specialized, Focus und Univega vier Rennräder kleinerer Marken bzw. Custom-Renner von Nicolai (Alu), Krabo (Alu), Ulrich Vogel (Edelstahl) und Cubetto (Stahl) gegenübergestellt. Mein erster Eindruck: Ziemlich willkürliche, weitgespreizte Auswahl, die Äpfel mit Birnen vergleicht.
Vorweg: Dieser spontane Eindruck wurde zuguterletzt dann doch relativiert. Als Anregung über Rennrad-Spielarten und Alternativen zum Massenmarkt ist er aber eine ziemlich gute Sache.
Die Besonderheiten der Stahlrahmen
Das Cubetto von Rahmenbauer Franz Funk aus Regensburg(komischerweise ein vier Jahre altes Rad) aus gemufften Columbus Life Rohren mit querovalisiertem Unterrohr als Steuerrohr-Anschluss und Carbongabel wirkt klassisch und doch modern. Der Tester bescheinigt dem Rad ein „liebevolles Rahmenset, durchdachtes Design und sorgfältige Handarbeit“.
Nur der Satz „Die vier Jahre alten Teile treiben selbstverständlich das Gewicht in die Höhe, lassen das Rad behäbig auf Antritte reagieren“ macht maximal im Vergleich mit Leightweight-Carbon-Boliden Sinn. Witzigerweise hält der Autor des Berichts Cubetto für „die unbekannteste Radschmiede, die wir kennen“.
Das „Trum“ von Ulrich Vogel aus Bamberg (wie es der Autor mehr oder weniger liebevoll nennt) besteht aus einem muffenlos gelöteten Stahlrahmen mit Sitzrohr, Ketten- und Sitzstreben aus Edelstahl (gemufft wurden das Tretlagergehäuse sowie die Sitzrohrverlängerung). Besonderheiten sind u.a. die interne Zugverlegung von Schalt- und Bremszügen sowie das verlängerte Sitzrohr. Das Test-Urteil: „Klasse Handarbeit, liebevoll gestaltet … Vogel nutzt alle Möglichkeiten, die Stahl bietet“.
Aber auch hier darf eine Mainstream-Aussage nicht fehlen: „Gewicht scheint hier nebensächlich. Ästhetik war wichtiger als das Durchschnittstempo“. Ja, genauso ist es eben bei Stahlrahmen-Bikes, ob Custom oder nicht: Es zählt die Liebe zum Detail, der Hang zur Individualität und zu einer gewissen Exklusivität, die ohne oberflächliche Effekte auskommt.
Und ja: es zählt auch die Weigerung, jede massenkompatible Mode mitzugehen. Deshalb taugt dieser Test eben auch nicht als objektiver Vergleich, der er allerdings auch nicht sein sollte.
Stahl vs. Carbon: Ein ungleiches Duell?
Max von Senger und Etterlin ist Designer, kein Techniker. Er ist der Gründer der Radmarke Standert, zu Hause in Berlin-Mitte - und heute auch im Sport überzeugter Stahlrahmenfahrer. „Anfangs war es eher so ein ästhetisches Ding“, sagt er, „wir haben mit Singlespeeds angefangen, die sich im Design an japanischen Keirin-Rädern orientiert haben. Erst in der weiteren Entwicklung habe ich dann auch die Performance schätzen gelernt: Stahlräder haben einfach ein sattes und lebendiges Gefühl auf der Straße. Und wenn du sie pflegst, hast du sie lange!“
In seiner kleinen Marktnische ist Stahl nicht kaputt zu kriegen - im Gegenteil: Immer neue Firmen und Designs greifen auf den Traditionswerkstoff zurück. Was Standert und den anderen Stahl-Marken dabei hilft, ihre Leidenschaft in Rahmen umzusetzen, ist der Werkstoff selbst. Auch Kleinstbetriebe bis hinunter zur One-Man-Show können individuelle Stahlrahmen herstellen. Rohrsätze diverser Hersteller wie Tange, Dedacciai, Columbus oder Reynolds, kombiniert mit einer Vielzahl weiterer Rahmenteile, führen - schick lackiert - zu eigenständigen Ergebnissen.
Bei ausreichender Stückzahl sind auch eigens angefertigte Ausfallenden, Rohrformen oder Tretlagergehäuse eine Option, denn Stahl lässt sich relativ einfach bearbeiten. Bei Carbonrahmen lägen die Einstiegshürden für ein individuelles Produkt deutlich höher. Hier bleibt kleinen Marken nur die individuelle Lackierung eines zugekauften Rahmens, den andere Hersteller auch beziehen können.
Gleichzeitig klinken sich die Stahl-Individualisten aus einem Rennen aus, das sie schon am Start verloren haben: Beim Optimieren von Gewicht oder Aerodynamik haben sie gegen die vielköpfigen Entwicklungs teams der Carbon-Top-Marken keine Chance. Mit dem Werkstoff Stahl starten sie nicht in einer niedrigeren Liga, sondern in einer anderen Disziplin. Ein Rennrad mit Stahlrahmen wird bei guter Steifigkeit immer etwa ein Kilo schwerer sein als eines mit Carbongestell.
Wer ständig auf Höchstleistung aus ist, kauft fast automatisch den Faserflitzer. Selbst wenn die Bedeutung des Rahmengewichts traditionell überbewertet wird: hochheben kann jeder, und auch im Wiegetritt fühlt sich ein Stahlrahmen schwerfälliger an als ein Carbon-Leichtgewicht.
Mythos Komfort?
Für Stahlrahmen sprechen dennoch einige Ansichten, Fakten - und Vorurteile. Um mit diesen anzufangen: Dass Stahlrahmen per se komfortabel seien, ist Unsinn. Richtig konstruiertes Carbon kann das besser. Schon die sinnvolle Kombination aus Carbonsattelstütze und Sattel bewirkt viel, wie in diesem Testfeld der Vergleich zwischen dem hoppelig-harten 8bar und den deutlich komfortableren Standert oder Rennstahl zeigt.
Zudem sind die schmalsten Reifen im Test 28 Millimeter breit. Mikro-Rütteleien saugen sie so gut auf, dass das Rahmenmaterial höchstens unterstützend wirkt. Wenn, dann zählt die Konstruktion, das Rahmendesign.
Nachhaltigkeit und Individualisierung
Was definitiv für Stahl spricht, ist dessen dem Carbon weit überlegene Energie- und Ökobilanz. Recycelter Stahl (und das ist weltweit ein großer Teil des Materials) braucht in der Herstellung nur wenige Prozente der Energie von Carbonlaminat und lässt sich - ganz anders als die Fasern - praktisch endlos recyceln.
Angesichts der im Test weit verbreiteten Gabeln, Laufräder und Anbauteile aus Carbon werden zwei Kilo Stahl anstelle eines Kilos Carbon die Welt zwar kaum verbessern. Doch auch Reparierbarkeit, Robustheit und zeitlosere Optik können für das Metall sprechen. In der Klimabilanz des Transportwegs nähmen sich beide Materialien in diesem Testfeld indes wenig: Alle Marken lassen ihre Stahlrahmen in Taiwan schweißen.
Andreas Kirschner, Chef von Rennstahl und der Titan-Marke Falkenjagd, hängt das Umweltthema dennoch hoch: „Die Ökobilanz unserer Fahrräder haben wir während der gesamten Wertschöpfungskette im Auge, von der energieeffizienten Gewinnung der notwendigen Rohstoffe und der extrem langen Haltbarkeit des Endproduktes, bis hin zur Wiederverwertbarkeit“, verkündet seine Webseite.
Unsere Testräder eint außer dem Werkstoff Stahl auch ihr Grundkonzept: Während Carbonräder immer häufiger in nur einer Variante ohne die Chance individueller Anpassung angeboten werden, lassen sich unsere Stahlsportler sehr weitgehend in Baukastensystemen personalisieren.
Die beiden günstigeren Stahlrahmen im Test, die Modelle von Tannenwald und 8bar, leuchten auf Wunsch fast in der gesamten RAL-Farbpalette, und die ohnehin sehr individuell lackierten Räder von Standert und Rennstahl lassen viel Freiheit bei der Ausstattung. Damit besetzen die Stahlräder ihre Marktnische nachdrücklich: Individualität statt Messwert, Gefühl statt Aerodynamik.
Testmodelle im Detail
Hier eine Übersicht der getesteten Stahlrenner mit ihren jeweiligen Eigenschaften und Ausstattungen:
| Modell | Preis (Euro) | Gewicht (kg) | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| 8bar Kronprinz Steel V1 | 4.099 | 9,2 | SRAM Force AXS eTap, 8bar Road Ultra Disc Laufräder |
| Standert Triebwerk Disc | 5.599 | 8,9 | SRAM Force AXS eTap 2x11, DT Swiss PRC 1400 Spline Laufräder |
| Rennstahl 853 Trail Gravel Hawaii | 5.600 | 9,7 | Campagnolo Ekar 1x13, Tune Schwarzbrenner Laufräder |
| Tannenwald Vogelfrei C.3 | 5.800 | 10,4 | Shimano GRX 1x12/SRAM XO, SON Dynamo/Hope RS4 Laufräder |
Cinelli: Ein glänzendes Jubiläum
Gäbe es so etwas wie eine Ruhmeshalle für legendäre Rennräder, mindestens ein Cinelli stünde sicherlich darin. Zwar nahm die Bedeutung der Marke im Profisport in den letzten Jahrzehnten stetig ab; im Alu- und Carbonzeitalter konnte Cinelli nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen. Doch die Räder und Komponenten genießen unter Fans bis heute Kultstatus.
2023 feierte die Marke ihr 75-jähriges Jubiläum und beging dies mit einem Sondermodell, das in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes ist. Das signalisiert schon der Rahmen aus glänzendem Edelstahl, zieht sich über die Geometrie bis hin zur extravaganten Ausstattung - doch dazu später mehr. Herzstück ist ein Rahmen aus XCr-Stahl von Columbus. Gegenüber klassischen Stahlrahmen sind die Durchmesser der Rohre üppig, die Wandstärken dafür außergewöhnlich gering - ein Patentrezept, um hohe Steifigkeit und geringes Gewicht zu vereinen.
Der daraus geschweißte Rahmen bringt knapp 1800 Gramm auf die Waage und ist der leichteste Stahlrahmen im TOUR-Test seit Beginn des Scheibenbremsen-Zeitalters. Dabei geizt er nicht mit hübschen Details: Die Leitungen sind innen verlegt, die Ein- und Ausgänge dafür sauber eingelötet. Die geschmiedeten Ausfallenden zeigen das Cinelli-Logo, eine Plakette aus Titan am Steuerkopf rundet das edle Erscheinungsbild ab. Unverwechselbar ist auch die in die Sitzstreben integrierte Sattelstützenklemmung, eine Reminiszenz an das legendäre Supercorsa. Weil Edelstahl nicht rostet, ist eine Lackierung überflüssig. Der Rahmen ist stattdessen von Hand auf Spiegelglanz poliert und mit verschiedenen Firmenlogos aus der Unternehmensgeschichte verziert.
Die Geometrie ist laut Hersteller beeinflusst von den Supercorsa-Modellen der 1950erJahre, die unter Fahrern wie Fausto Coppi berühmt wurden. Die Winkel fallen etwas flacher, der Radstand länger und die Reifenfreiheit größer aus als bei modernen Rennmaschinen - bei aktuellen und auf Vielseitigkeit getrimmten Allroad-Bikes ist das indes wieder modern. Dabei fährt sich das Rad keineswegs unsportlich, gerade die Sitzposition ist gegenüber Rädern vergleichbaren Zuschnitts deutlich gestreckt. Auf der Straße ist die Rennsport-Tradition trotz der Anpassungen spürbar: Das Rad rollt spurstabil und gut berechenbar, aber keineswegs langweilig; nur das im Vergleich zu modernen Carbonboliden hohe Gewicht bremst sportliche Ambitionen etwas ein.
Der Aufbau des Sondermodells ist originell, besonders der Antrieb sticht ins Auge. Die Italiener kombinieren eine elektronische SRAM-Red-Schaltung mit einer Zwei-Gang-Nabe von Classified im Hinterrad, die den Umwerfer ersetzt. Auffällige, gefräste Alu-Kurbeln der italienischen Custom-Schmiede Ingrid übertragen die Pedalkraft. Das Ensemble funktioniert tadellos; lediglich die Position des Schalters für die Nabe im Lenkerbogen ist diskutabel, er ließe sich aber an einer beliebigen Stelle positionieren.
Komplettiert wird das Rad mit ebenso edel wie klassisch anmutenden Teilen: Die Gabel dreht sich in einem Chris-King-Steuersatz, die zarten Reifen von René Herse rollen besonders geschmeidig ab und bieten mit 32 Millimetern Breite viel Komfort, der farblich passende Brooks-Sattel mit Carbongestell ist eine exklusive Anfertigung für das Jubiläumsrad. Lenker, Vorbau und Sattelstütze steuert Cinelli selbst bei.
Die 14900 Euro Sonderedition war schnell vergriffen.
Servus Corsa: Stahl modern interpretiert
Der Rahmen wird in Norditalien bei einem Familienbetrieb handgefertigt und individuell lackiert. Da die Rahmen Einzelanfertigungen sind, ist jede Wunschgröße und -farbe möglich. Das „Servus Corsa“ ist gleichermaßen ein Rad für anspruchsvolle, sportliche, aber auch detailverliebte Fahrer, die in einem Rennrad mehr sehen, als nur ein Sportgerät.
Dieses hochmoderne Bike zeigt, dass der Werkstoff Stahl bei Rennrädern auch in Zeiten von Carbon noch lange nicht tot ist. Ganz im Gegenteil: die Steifigkeit und gleichzeitige höhere Robustheit im Vergleich zu Alu oder Carbon sind zweifelsohne ein Durchschlagsargument. Zum Leichtgewicht von 2.1 Kilogramm (Rahmenset) muss an dieser Stelle nicht mehr viel geschrieben werden.
Wer ein zuverlässiges, sportliches und Rennkompetitives Allround-Rennrad sucht, sollte sich das „Servus Corsa“ unbedingt aus der Nähe ansehen. Die Kombination aus Campa-Komponenten und der affengeilen „Purple Haze“ Lackierung geben euch von Hamburg bis München mit Sicherheit die maximale Street-Credibility!
Rennstahl: Innovation aus Deutschland
Das leichte Rennstahl 931 Rennrad gefällt als eigenständiges Touren-Rennrad mit sportlicher Note. Sehr leicht, sehr wendig, ohne je nervös zu werden und äußerst antrittsstark, begeistert es vom ersten Meter an auf der Straße. Dabei dämpft der Rahmen auch noch gut, die bequem-sportliche Sitzposition gefällt Rennfahrern und Marathonisti gleichermaßen.
Hinter Rennstahl steht dasselbe Team um Andreas Kirschner, das - in Garching bei München ansässig - auch die Titan-Marke Falkenjagd verantwortet. Der Anspruch der Macher an sich selbst: die Innovations- und Technologieführerschaft in ihrem Bereich. Entsprechend eigenständig und modern gibt sich das 931. Den Edelstahlrahmen kombinieren die Entwickler mit einer hauseigenen Titangabel, Vorbau und Sattelstütze sind ebenfalls aus unverwüstlichem Titan gefertigt.
Und auch die Tubeless-Reifen von Schwalbe drücken aus: Rennstahl gibt sich technisch up to date. Im Labor sammelte das 931 dank des geringen Gewichts, ordentlicher Komfortwerte und guter Tretlagersteifigkeit fleißig Punkte. Nur in Sachen Lenkkopfsteifigkeit bleibt das 931 etwas hinter den Erwartungen.
Beim Thema Stahlrahmen denken viele an klassisches bis altmodisches Material, doch es geht natürlich auch anders: Bei Rennstahl, der Schwestermarke der Titanschmiede Falkenjagd, werden hochmoderne Stahlrahmen mit allen aktuellen Montagestandards gefertigt. Ergänzt wird der Rahmen von einer Titangabel, wobei die zwei Materialien nur anhand der Schweißnähte identifiziert werden können und auch etwas über die dahinter stehende Philosophie sagen.
Optisch gefällt das schlanke Rad mit den eingelaserten Schriftzügen, zumal das Material alle Bauelemente deutlich herausstellt, etwa die gefrästen Aufnahmen für die Steckachsen, die aufgeschweißten Rahmen für die Zugeingänge oder die Stahlplatte, die zwischen Kettenstrebe und Tretlagergehäuse sitzt und für Reifenfreiheit sorgt. Auch in Sachen Geometrie ähneln sich Rennstahl und Falkenjagd, wobei ersteres ein etwas längeres Steuerrohr und einen minimal steilerer Lenkwinkel aufweist.
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