Russische Beiwagen-Motorradmodelle: Eine Historische Übersicht

Mit Motorradgespannen für den militärischen Einsatz begann das russische Unternehmen IMZ Ural Ende der 1930er Jahre mit der Produktion von Motorrädern der Modellreihe M72, für die das technische Know-how des deutschen Motorradherstellers BMW genutzt wurde.

Anfänge und Militärische Nutzung

Die Geschichte der Ural begann auf einem geheimen Treffen des Verteidigungsministeriums der UdSSR. Die Frage war, welches Motorrad am besten zur Verwendung in der Sowjetarmee zu gebrauchen sei. Daraufhin wurden in Schweden fünf R71 gekauft, gründlich zerlegt und nachgebaut.

Fast alle Komponenten der R71 bedeuteten Neuland für die sowjetische Industrie. Die Fertigung vieler Teile erforderten neue Technologien und Maschinen, die erst mühsam hergestellt werden mussten. Die Werke, die für die Produktion des neuen Motorrades bestimmt worden waren, konnten nicht alle Teile selbst herstellen. So wurden auch Fertigungsaufträge für bestimmte Baugruppen auf andere Fabriken verteilt. Die Moskauer Fabrik brachte es auf 1753 Motorräder, bevor auch sie evakuiert wurde.

Die ersten Motorräder schickte die Fabrik IMZ Irbitskij Moto-Zawod Ende Februar 1942 dann an die Front. Im Sommer 1942 konnte kein einziges fahrbereites Motorrad ausgeliefert werden, da einfach keine brauchbaren Teile mehr in den Werken eintrafen.

Am 19. November 1941 traf in Irbit, einer Kleinstadt 300 km östlich der Ausläufer des Ural Gebirges der erste Zug mit Maschinen, Werkzeugen, Teilen für die Produktion von Motorrädern ein. Nur ein Monat davor wurde beschlossen das Moskauer Motorradwerk vor der drohenden Gefahr des Angriffs deutscher Truppen zu evakuieren. Es folgten lange Jahre Krieg. Die übersiedelte Motorradfabrik hatte die Aufgabe schwere geländegängige Motorräder und Gespanne für den Einsatz im Krieg zu produzieren. So begann die Geschichte des Irbiter Motorrad Werkes (IMZ). Das Motorrad hieß M72. Die ersten Exemplare aus Irbit konnten Mitte 1942 fertig gestellt werden. Fast 9.500 Einheiten M72 wurden bis 1945 der Roten Armee zur Verfügung gefertigt.

Es waren viele Frauen und auch Kinder, die da im Westen Sibiriens Motorräder für die Kriegsfront zusammenbauten um den Feind abzuwehren halfen. Keine Idee für diese Arbeiter, dass Ihre Motorradfabrik 70 Jahre später noch immer existiert, ja die einzige Gespannfabrik weltweit ist und das Motorrad mit Seitenwagen Ural Kult geworden ist.Seit 1941 wurden über 3 Millionen Motorräder in der Irbiter Motorradfabrik gefertigt.

Am 19. November 2011 feiert das Irbiter Motorradwerk seinen 70. Geburtstag und stellt dazu das Jubiläumsmodell Ural M70 vor. Es ist den Pionieren unter den Arbeitern und Ingenieuren des Irbiter Motorradwerks aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges gewidmet. Es soll in den Details eng an das Original erinnern, daher kommt nur das Modell Retro als Basisfahrzeug in Frage. Es wurde versucht, die Farbgebung des Jubiläumsmodells M70 von den M72 aus den Kriegsjahren zu übernehmen. Das Material und die Farbe der Beiwagenabdeckung ist fast identisch mit dem Original aus den 1940er Jahren. Eine Maschinengewehrhalterung ist am Beiwagen integriert. Ein Wiedersehen gibt es auch mit dem alten roten runden IMZ Logo am Tank.

Die M-72 im Detail

Die M-72 war zunächst eine detailgetreue Kopie der BMW R 71. Da diese Maschine für schweres Gelände jedoch ungeeignet war, wurde das Modell laufend verbessert: Neuer Luftfilter mit Ölfüllung, höher gelegtes vorderes Schutzblech sowie hinterer Schutzblechbügel zum besseren Aufklappen des Schutzbleches, was den Radwechsel erleichterte. Ebenso eingeführt wurden Knotenbleche an der hinteren Stoßdämpferaufnahme, nachdem es im Feldeinsatz zu Rahmenbrüchen gekommen war.

Die M-72 wurde mit einem quadratisch ausgelegten (Bohrung x Hub 78 × 78 mm), seitengesteuerten 2-Zylinder-Viertakt-Boxermotor ausgestattet. Seine Höchstleistung betrug 16 kW (22 PS) bei 4950 U/min. Das Gespann wog betriebsfertig etwa 350 kg und konnte drei Personen mit Gepäck und Ausrüstung transportieren.

Entwicklung und Zivile Modelle

Erst 1958 wurde die Produktion der guten alten M-72 eingestellt. M-61, M-63, M-66, M-67 waren die Modellbezeichnungen der 60er Jahre, die ständig verbessert wurden. Bis heute wurden mehr als drei Millionen Motorräder -überwiegend mit Beiwagen- gebaut. Der Export begann 1953, zuerst überwiegend in sogenannte Entwicklungsländer. Ende der 70er Jahren lief die Produktion auf Hochtouren.

In den 1960er Jahren wurde die Modellpalette um Straßenmotorräder erweitert, die unter den Namen Ural oder Dnepr verkauft wurden und mit 650 ccm Boxermotoren mit zunächst 22 PS, später bis zu 32 PS ausgestattet waren.

Mit der Einführung der 750 ccm-Modelle im Jahr 2001 wurde ein bedeutender Schritt in der Modellpolitik getan. Die nun zur Verfügung stehenden 40 PS ermöglichen es den Fahrern, auch auf Autobahnetappen nicht auf LKW-Windschatten angewiesen zu sein. Bei den Modelle seit 2008 sorgt ein SLS-System für zeitgemäße Abgaswerte. Die elektronische Zündanlage von DUCATI ENERGIA sorgt für den richtigen Zündfunken.

Modellübersicht

Als Einstiegsmodell seiner Gespann-Baureihen bot der Hersteller mit der Ural Tourist ein Motorrad mit Seitenwagen an, das als 29 kW-Freizeitbike in der Klasse mit 750 ccm Hubraum präsentiert wurde und in der Spitze bis zu 100 km/h schnell war. Das Modell Ural Sportsman zeichnete sich durch seinen zuschaltbaren Seitenwagenantrieb aus. Dasselbe Konzept für bessere Offroad-Eigenschaften realisierten die Russen beim Ural Ranger, der in Tarnfarben lackiert geordert werden konnte und so an die ersten Militärmotorräder des Konstrukteurs erinnerte.

In der Modellreihe seiner Ural Cross präsentierte der Hersteller ein Motorradgespann für größere Zuladungen und Offroad-Wettbewerbe. Abgerundet wurde das Programm durch das im Retrostil gestaltete Modell Ural Retro, das zugleich in einer Solo-Version ohne Beiwagen zu haben war.

  • Ural cT: Hat 18 Zoll Räder
  • Ural T: Hat 19 Zoll Räder, beide haben eine geschobene Schwinge für die Vorderradführung.
  • Ural T 2WD, Ural Sportsman 2WD, Ural Ranger 2WD: Der Beiwagenantrieb ist zuschaltbar.

Technische Details und Westliche Kooperationen

Die Lackierungen sind Dank westlicher Lacke makellos und die Lenkerarmaturen, Züge, Hebel und vieles mehr sind italienischer Herkunft. Die Lichtmaschine ist nun aus dem Hause DENSO, die Stoßdämpfer werden von ZF SACHS verbaut und alle Zahnräder (Motor, Getriebe) werden von der deutschen Fa. HERZOG ins russische Irbit geliefert um in die Ural-Gespanne verbaut zu werden.

Alle Lager, Wellendichtringe, Schrauben, Muttern, Kabel, elektrische Verbindungsstecker am Gespann sind westlicher Herkunft. Für eine gute Bremsverzögerung sorgt eine BREMBO - Scheibenbremsanlage am Vorderrad. Alle Räder haben ab 2011 Aluminiumfelgen.

Wirtschaftliche Herausforderungen und Verlagerung nach Kasachstan

Im Krisenjahr 2009 hat das Ural Werk nur knapp 500 Motorräder produziert. Aus Umweltschutzgründen hat das Werk die hauseigene Galvanische Abteilung schließen müssen. Für 2011 sind 1300 Motorräder geplant. Hauptabsatzmarkt ist die USA, zwei Drittel der gesamten Produktion gehen in die USA. Neben Europa werden Motorräder auch noch nach Kanada, Australien, Japan, Südafrika geliefert.

Camouflage beige-beige-braun. Hat bei Einführung im Jahre 2011 binnen kürzester Zeit den ersten Rang in der Beliebtheitsskala bei den Rangers übernommen.

Zum einen zog die komplette Firma aus der russischen Heimat nach Kasachstan und baute dort in 6 Monaten die Produktion komplett neu auf. Zum anderen bekam der Boxermotor ein neues Gehäuse, einen überarbeiteten Ventiltrieb und einen neuen 2-Rad-Antrieb.

Hartnäckig hält sich die Mär, die Boxermotoren von Ural basierten noch auf alter Wehrtechnik aus ganz früher Zeit. Falsch: Der Motor hat schon lange nichts mehr mit dem Boxer der BMW R 71 zu tun. Seit 2003 ist der Motor derart optimiert worden, dass selbst die Euro 4 und die Euro 5 nur einige PS, aber nicht die Existenz kosteten.

Ural 2023: Motor überholt

Für 2023 wurde der Ural-Boxer fundamental überarbeitet. Das neue Gehäuse aus Aluminium soll in Verbindung mit neuen Dichtungen endlich dauerhaft dicht sein. Neue Lagersitze sollen länger halten und neue Öldüsen besser schmieren. Der Ventiltrieb über Stößelstangen und Kipphebel ist mit neuen Rollenstößeln aufgefrischt worden.

Neben dem Motor hat sich Ural dem Antrieb des Beiwagens gewidmet. Die Antriebswelle ist ab 2023 in Gleichlauflagern (wie bei Pkw) verbunden, die die bekannten Kreuzgelenke ersetzten. Das bringt Laufruhe und Laufleistung. Der Wechsel im Schadensfall ist dann jedoch deutlich schwieriger.

Der Umzug der gesamten Gespann-Produktion aus Irbit im Ural ins südlich an Russland angrenzende Kasachstan erfolgte 2022 als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Andererseits konnte Ural durch die Produktionsverlagerung den seitens des Westens verhängten Wirtschaftssanktionen entgehen, und darf aus Kasachstan wieder in die EU und nach Amerika exportieren. Und der Import westlicher Zuliefer-Teile, etwa von Brembo, Denso, Heidenau, Mahle oder Sachs, ist für Ural nach Kasachstan wieder möglich.

In nur 6 Monaten wurden die komplette Produktion nach Kasachstan verlagert.

Neue Farben, neue Preise

In Deutschland sind die überarbeiteten Gespann-Modelle schon zu haben. 3 Varianten stehen 2023 im Angebot. Basismodell ist die cT mit Rädern in 18 Zoll (ca. 46 cm) und Hinterradantrieb. Preis: 23.500 Euro. 2020 kostete die cT noch 14.600 Euro. Weiter geht es mit der T TWD mit angetriebenem Beiwagen und Rädern in 19 Zoll (ca. 48 cm) für 24.290 Euro. Top-Modell mit Suchscheinwerfer, K37-Reifen, Benzinkanister, Reserverad und Klappspaten für 27.300 Euro ist die Ranger.

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0