Sturzursachen im Radrennsport: Analyse und Prävention durch KI

Der Radsport wird technologisch immer ambitionierter, insbesondere in der Materialentwicklung und Ernährungsberatung. Vermessen werden Radprofis fast wie Astronauten. Nur in einem Punkt ging es bislang noch recht rustikal und altmodisch zu, in der Analyse von Stürzen und Sturzursachen. Das ändert sich jetzt.

Künstliche Intelligenz zur Analyse von Sturzursachen

An der Universität Gent arbeitet ein Team um den promovierten Informatiker und Videoanalysten Steven Verstockt an einer durch Künstliche Intelligenz erstellten Sturzstatistik. “Wir bauen eine Datenbank über Stürze und Sturzursachen im Straßenradsport auf. Mehr als 1000 Datensätze haben wir schon“, erzählte Verstockt gegenüber RSN. Auslöser dafür, seine berufliche Qualifikation mit seiner Leidenschaft zu verbinden, gab der Horrorcrash von Fabio Jakobsen bei der Polen-Rundfahrt 2020. Da bemerkte er, dass es noch nicht einmal eine richtige Sturzstatistik beim Weltverband UCI gab.

Verstockts Ansatz ist mindestens originell. “Wir wählen Accounts aus, die häufig Informationen über Stürze posten. Derzeit sind es etwa 250“, erklärte er. Die Daten werden dann aufbereitet und strukturiert und, so vorhanden, mit Fotos und Videos verknüpft. Die Daten stellt sein Team der UCI zur Verfügung.

“Sie können zum Screening von Rennstrecken genutzt werden. Wo gibt es zum Beispiel eine Kombination aus Abfahrt, wo das Peloton sehr schnell ist, und einem Wechsel des Fahrbahnbelags? Da können wir die Organisatoren informieren und sie die Stelle entweder besser kennzeichnen oder den Kurs ändern. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz kann man auch regelmäßige Berichte über das Sturzgeschehen veröffentlichen. Informationen dieser Art gibt es bislang nicht“, betonte Verstockt.

Sein Team filmt auch Rennstrecken ab und analysiert sie hinsichtlich potentieller Gefahrenpunkte. Für 50 Renntage, darunter Etappen bei Il Lombardia, der Polen-Rundfahrt, der Tour de Romandie und der Eneco Tour, habe sein Team schon solche Videoanalysen von Gefahrenpunkten erstellt, erzählte Verstockt.

Ein weiteres Anwendungsgebiet Künstlicher Intelligenz könnte die Auswertung von Videosequenzen von Massensprints sein. “So könnte man feststellen, welcher Fahrer seine Linie verließ und daher sanktioniert werden muss. Man könnte das auch mit früheren Sprints vergleichen, wo Fahrer ebenfalls sanktioniert wurden. Das wäre objektiver als jetzt ein Jury-Entscheid, und die Fahrer würden es vielleicht auch besser nachvollziehen können“, argumentierte er.

Häufige Sturzursachen im Radrennsport

Als häufigste Sturzursachen lassen sich aus den Datenätzen laut Verstockt gefährliche Abfahrten, Probleme bei unterschiedlichem Fahrbahnbelag, etwa beim Wechsel von Asphalt zu Pflasterstein oder Kies, dann die Massensprints und schließlich Fahrfehler als Ursachen herauslesen. Hundertprozentig wird das Sturzgeschehen damit natürlich nicht abgebildet.

Während eine Episode eher eine zunehmende Gewalt auf den Straßen illustriert, bleibt es ein Problem des Radsports, dass Rennfahrerinnen und Rennfahrer auch und vor allem während der Rennen erheblicher Sturzgefahr ausgesetzt sind. Mal bringen sie sich gegenseitig zu Fall, wie beim spektakulären Crash im Finale der 5. Etappe der Polen-Rundfahrt 2023, mal schaffen die Fahrbahnverhältnisse zusätzliche Gefahren.

Der erste Massencrash der Tour de France 2023 auf der 14. Etappe etwa war durch den Wechsel von nassem und trockenem Asphalt mitverursacht. Immer wieder verursachen auch Zuschauer Unfälle. Oft resultieren Stürze aus der Kombination von Umweltbedingungen und Fahrfehlern.

Mark Cavendishs Crash auf der 8. Etappe der Tour, der zu Schlüsselbeinbruch und Ausstieg des Briten führte, war nach Einschätzung von Bahrain-Victorious-Profi Pello Bilbao auch von Erschöpfung durch die Hitze beeinflusst.

Neue Regelungen für mehr Sicherheit

Gut also, dass die UCI mit einem modifizierten Maßnahmenkatalog für den Umgang mit großer Hitze reagiert. Es soll übermäßige Belastungen reduzieren und die Gefahr hitzebedingter Stürze eindämmen. Dazu können beispielsweise Startzonen in den Schatten verlegt oder Startzeiten und Strecken verändert werden.

Dazu gehört auch das sogenannte concussion protocol. Es regelt, dass Rennfahrer nach Stürzen sofort auf Gehirnerschütterungen überprüft werden, bevor sie weiterfahren. Wer das Bewusstsein verliert, sich erbricht oder an Krämpfen und Konvulsionen leidet, wird gleich aus dem Rennen genommen; das gilt auch für Athletinnen und Athleten, bei denen zumindest ein Symptom wie Kopfschmerzen, Übelkeit oder Schwächegefühl auftritt und denen zusätzlich kognitive Tests misslingen, wie etwa, bei geschlossenen Augen mit dem Zeigefinger die Nasenspitze zu berühren.

“Radprofis zeichnen sich durch Leidensfähigkeit und starken Willen aus. Aber manchmal muss man sie vor sich selbst schützen”, forderte der frühere Giro-Sieger Tao Geoghegan Hart nach dem Sturz von Stefan Küng.

Zusätzlich zum neuen Regelwerk für schlechte Wetterbedingungen schlägt Hansen ganz praktische Maßnahmen vor, um Erschöpfungszuständen der Fahrer, die zu Stürzen führen können, vorzubeugen: “Bei kaltem Wetter und Regen, wenn die Fahrer mit ihren erfrierenden Fingern nicht mal richtig die Reißverschlüsse zuziehen können, könnten die Organisatoren warme Rennkleidung ans Peloton verteilen. Dafür könnte das Rennen kurz neutralisiert werden.

Bei großer Hitze sollen zusätzliche Wasserflaschen ausgegeben werden; auch Rennärzte und Kommissäre sollen genug Wasserflaschen im Auto haben, um Rennfahrer zu versorgen.

Streckenführung und weitere Sicherheitsmaßnahmen

Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Streckenführung selbst. Hier verbot das UCI-Reglement zwar schon bisher abschüssige Zielgeraden für Massensprints. Bewährt haben sich im vergangenen Jahr akustische Warnsignale vor Gefahrenstellen. Er ruft Veranstalter und UCI auf, bei allen Rennen das gleiche Signalsystem mit den gleichen Tönen einzusetzen, um eine bessere Erkennbarkeit zu gewährleisten.

Ein ungelöstes Problem ist - unverständlicherweise - die Bauart der Absperrgitter. Die UCI schreibt weiterhin keine Variante vor, obwohl sich die Gitter mit den flachen Füßen als die sichersten herausgestellt haben.

Als wichtigste Änderung für die beginnende Saison sieht Hansen die SafeR-Kommission: “Sie wird im Februar die Arbeit aufnehmen. Es handelt sich um unabhängige Experten, die die Sicherheit bei Rennen der World-Tour, der Women’s World-Tour und der Pro-Tour analysieren und ihre Erkenntnisse in einem neuen Handbuch für Rennorganisatoren zusammenfassen.”

Bei seiner eigenen Klientel sieht der Fahrervertreter allerdings auch Lernbedarf: “Dabei ist mir aufgefallen, dass die Sportlichen Leiter sehr gute und präzise Ansagen zu Gefahrenstellen machten. Während die älteren und erfahrenen Profis sich in den Apps ein paar Stellen noch genauer anguckten, waren Jüngere unaufmerksam”, kritisiert er.

Statistiken und Zahlen

In der vergangenen Saison zählte alleine das Online-Portal procyclingstats.com mehr als 200 Verletzungen durch Stürze in Profirennen bei Männern und Frauen, wobei die Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sie enthält zum Beispiel nicht den tragischen Todessturz des Schweizer Profis Gino Mäder bei der Tour de Suisse. Aufgeführt sind aber noch mehr als 50 Verletzte durch Trainingsunfälle.

Mehr als 1000 Stürze sind in der Datenbank von Steven Verstockt bereits aufgeführt und beschrieben. In einer 2022 veröffentlichten Auswertung der Stürze zwischen den Jahren 2016 und 2022 ereignete sich das Gros der Stürze auf den letzten 25 km einer Etappe oder eines Eintagesrennens.

Häufigste Sturzauslöser waren Wechsel des Fahrbahnbelags sowie Zonen unmittelbar vor Sprints oder Anstiegen. Erst danach kamen - in abnehmender Reihenfolge - Abfahrten, Fahrfehler von Profis, schlechte Straßen, Verkehrsinfrastruktur, nasse Straßen oder Autos. Überraschend weit hinten in der Rangliste sind Stürze, die durch Zuschauer verursacht wurden.

Die folgende Tabelle fasst die häufigsten Sturzursachen zusammen:

Ursache Beschreibung
Gefährliche Abfahrten Hohe Geschwindigkeiten und unübersichtliche Streckenführung
Unterschiedlicher Fahrbahnbelag Wechsel von Asphalt zu Pflasterstein oder Kies
Massensprints Gedränge und hohe Geschwindigkeiten
Fahrfehler Unachtsamkeit und riskante Manöver der Fahrer
Zuschauer Unachtsame Zuschauer am Streckenrand

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