Nüchtern betrachtet, gibt es im Carbonzeitalter wenig Gründe, sich für einen Rennradrahmen aus Titan zu entscheiden, denn modernen Carbonrahmen sind sie technisch unterlegen. Sie sind deutlich schwerer und zum Teil auch erheblich teurer. Doch die Rennradtechnik wäre nicht, was sie ist, wenn man sie nur nüchtern betrachten würde.
Sie lebt von der Faszination für Mechanik und Material, und davon, dass das eigene Sportgerät für viele Besitzer auch eine Seele hat und eine Augenweide sein darf. Wer sich dann für Titan entscheidet, sucht Individualität, ohne nach den derzeit üblichen Sehgewohnheiten gleich groß aufzufallen; der sucht ein nachhaltiges Produkt, dem der Ruf der Unverwüstlichkeit anhaftet und das keinem Zeitgeschmack unterworfen ist. Dafür investieren Titan-Fans mitunter viel Geld.
Dass die kostenintensive Entscheidung dann meist dezent, aber offen sichtbar zur Schau gestellt wird, lässt sich wohl am besten mit dem Begriff Understatement beschreiben. Unser breit gefächertes Testfeld verkörpert diese Ansprüche in unterschiedlichsten Schattierungen.
Warum Titan? Die Attraktivität des Materials
Für Fahrradrahmen bringt die hochfeste Legierung Titan eine für den Fahrradbau wichtige Eigenschaft mit: es ist sehr leicht! Isoliert lässt sich das bloße Gewicht nicht betrachten, andere Eigenschaften sind ebenso wichtig: ausreichende Elastizität für maximalen Komfort und notwendige Steifigkeit. Hier bietet gerade Titan so hervorragende Werte wie sonst kein anderer Werkstoff.
Durch den Flex absorbiert Titan Stöße und Vibrationen besser als andere Rahmenmaterialien. Darum schwört Falkenjagd-Chef Dr. Andreas Kirschner auf Titan als Rahmenmaterial: „Mir gefällt die zeitlose Eleganz, die ein muffenlos verschweißter Titanrahmen ausstrahlt, überragend gut. Auch die weiter hervorstechenden Eigenschaften, wie die hervorragende Elastizität und Robustheit der Rahmen, sind für mich Merkmale, die einen Titanrahmen einzigartig machen.
Individualität hat ihren Preis
Für den Test haben wir neun Modelle zwischen 1.550 und 5.300 Euro bestellt - der Preis gilt jeweils für den Rahmen mit Gabel. Die Preisspanne spiegelt das derzeitige Angebot im Markt wider. Titan muss nicht immer Luxus sein, das zeigen die Modelle von GT oder Van Nicholas. Sicher sind 1.500 beziehungsweise 2.000 Euro für ein Rennradrahmen-Set kein Schnäppchen.
Aber drunter ist Titan einfach nicht zu bekommen. Die Rahmen werden in Fernost geschweißt, den Namen des Erbauers wird der Käufer wohl nie erfahren. Doch die Qualität kann sich sehen lassen, die Verarbeitung ist ohne Makel; die technischen Werte sind nicht spektakulär, aber in Ordnung. Die Grenzen des Materials sind ohnehin eng, die Noten im Testfeld liegen daher recht nah beieinander. Titan bei Fahrrädern einzusetzen, ist dagegen zunächst keine unbedingte Notwendigkeit.
Fahrräder, oder deren Fahrer, profitieren auch vom hohen Komfortfaktor, die ein Titanrahmen generell mit sich bringt. Zwar hängt viel vom Rahmenbau und mithin von der Konstruktion der Rahmenrohre ab und nicht selten ist ein (wichtig:) hochwertiger Stahlrahmen komfortabler, dafür aber meist schwerer. Auch sind im Gesamtkomfort eines Fahrrades andere Elemente sogar wichtiger: Gabel, Dämpfung im Lenker und Vorbau, Sattelstütze, Speichenspannung und die Reifen.
Der größte Vorteil ist - siehe oben - wohl aber die Langlebigkeit und Unempfindlichkeit von Titanrahmen. Stürze und andere Eindrücke erträgt er ebenso klaglos wie das Wetter. Wer sein Rad also gut pflegt, kann sehr lange etwas davon haben. Insofern ist ein Titanfahrrad trotz sehr hohen Energieaufwands bei der Produktion und wenig schonender Abbaubedingungen eine gewisse nachhaltige Anschaffung. Es widerspricht im Prinzip dem Wegwerfgedanken.
Die Hersteller und ihre Modelle
Zusätzlich werfen sich die Konstrukteure und Rahmenbauer kräftig ins Zeug, um dem Premium-Metall gerecht zu werden. Alle vier Testräder überzeugen mit einer feinen Verarbeitung - das Schweißen der Rohre muss unter sauerstofffreien Bedingungen erfolgen und ist die größte Herausforderung im Titanrahmenbau. Vier Räder haben wir im Test. Der Markt hat tatsächlich und erfreulicherweise noch einige Marken mit Titanrädern mehr zu bieten: Van Nicholas, Poison, Böttcher, Hilite, VPace, Wheeldan, um nur einige lose zu nennen.
Lieferschwierigkeiten und Modellzyklen haben uns nach offizieller Aussage aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Spannend wären auch die Manufakturen, die Titan-Bikes nach Wunsch und auf Maß aufbauen. Mit Falkenjagd und idworx haben wir immerhin zwei Schwergewichte des Titan-Angebots im Programm. Die vsf Fahrradmanufaktur ist als alter Stahl-Hase tatsächlich ein Titan-Neuling, das Ti-1000 ihr erstes dieser Art und im Handel erst ab dem Frühjahr erhältlich.
Idworx schickt mit dem oPinion Ti ein verhältnismäßig klassisches, sportives Tourenbike ins Rennen. Ganz klassisch und im bekannten Stil der Fahrradmanufaktur ist auch das Ti-1000 geschnitten. Kocmos und Falkenjagds Testräder basieren dagegen auf reinen Gravelbikes, Falkenjagd hebt das in der Kommunikation zum neu mit Pinion bestückten Aristos bewusst hervor. Gleiches gilt im Prinzip auch für das Kocmo Daytona-Pi. Außer einer hochwertigen Lichtanlage lässt es im Test aber Schutzbleche, Gepäckträger und mehr vermissen, was an seiner Alltagstauglichkeit kratzt. Das ändert nichts daran, dass es ein veritables, ja überzeugendes Gravelbike ist.
Auch das Aristos überzeugt voll auf sportlicher Seite und macht eben auch im Alltag eine praktische, zuverlässige Figur, große Zulademöglichkeiten inklusive. Die Alltags-Sport-Kombination bringt in dem kompakten Rahmenschnitt aber ein Problem mit, für das es kaum eine Lösung außer Verzicht gibt: das Frontschutzblech benötigt Platz, den es der Fußspitze nimmt. So kommen beide gelegentlich beim Einlenken in Kontakt und können sich dabei behindern. Im besten Fall kaum der Rede wert, im schlechtesten aber ein mögliches Unfallrisiko.
Das Ti-1000 weiß als Tourer mit einer gewissen Schlichtheit zu gefallen, die durch den unverfälschten, ansehnlich verarbeiteten Titanrahmen noch verstärkt wird. Trotz insgesamt bekannter, gewohnter Optik ist die Geometrie leicht optimiert und bringt im Ergebnis einen gutmütigen Charakter auf die Straße. Von allen hier treibt das idworx einiges auf die Spitze. Dabei sticht sicher der Preis von mehr als Zehntausend Euro als allererstes ins Auge. Angesichts der unzähligen Optimierungsdetails am Rad inklusive der neuen, robusten Carbongabel sowie eines guten Gewichts bei Vollausstattung, ein schon nachvollziehbarer Betrag.
Idworx geht in seiner Konsequenz aber oft wenigstens einen Schritt weiter. Auch darum ist das oPinion Ti vermutlich das konsequenteste, im Sinne der Kunden beste Trekkingfahrrad am Markt, das zudem mit einem guten Gewicht, sportiver Fahrkultur sowie geringem Wartungsaufwand auch unter dem Aspekt Folgekosten überzeugt.
Titan im Wandel der Zeit
Anfangs waren es vor allem Rahmenbauer aus den USA, die das Metall im Fahrradbau etablierten und mit exorbitanten Preisen für penibel verarbeitete Rahmen den Ruf des Materials begründeten. Für kurze Zeit sah es sogar so aus, als wäre Titan für hochwertige Räder der Werkstoff der Zukunft, weil sich damit etwa 20 Prozent leichtere Rahmen bauen ließen als aus den damals marktbeherrschenden Stahlrohren. Von den Entwicklungen bei Alu und Carbon wurde der Hype aber schnell überholt: Mit Carbon ließen sich noch deutlich leichtere Rahmen fertigen, dank Massenproduktion in Fernost wurden sie auch immer preiswerter. Aluminium ist in der Fertigung einfacher zu handhaben und dadurch konkurrenzlos günstig.
Hersteller aus China erlauben günstige Preise und ermöglichen auch jungen Marken wie Vpace, die keine eigene Fertigungskompetenz besitzen, frische Ideen umzusetzen. Mit Hydroforming und 3-D-Druck bringt man Titan in Formen, die bisher nur aus Carbon möglich waren, das zeigen Falkenjagd und Van Nicholas beispielhaft. Aber auch die perfektionistisch anmutende Fertigungsqualität etablierter Schweißer ist immer noch eine Augenweide, dafür steht das Moots. Der Preis dafür bleibt allerdings hoch.
Titanräder: Für immer schön
Was als Argument für Titan bleibt, ist eine fürs Rennrad eigentlich nicht besonders wichtige, aber sehr besondere Eigenschaft: Die Widerstandsfähigkeit gegen äußere Einflüsse. Das Material gilt als absolut korrosionsbeständig, selbst Salzwasser kann der Oberfläche nichts anhaben. Eine Lackierung ist deshalb überflüssig, was die Rahmen extrem haltbar und beständig macht. Selbst nach einem langen Fahrradleben sehen Titanrahmen deshalb oft noch aus wie neu.
Diese Aura des Unvergänglichen scheint auf eine bestimmte Klientel eine derart große Faszination auszuüben, dass sie bis heute viel Geld dafür hinblättern.
Dass die Kosten für Titanrahmen so hoch sind, liegt vor allem an der komplizierten Gewinnung und Verarbeitung. Das Metall kommt fast ausschließlich in mineralischen Verbindungen vor, aus denen es mit hohem Energieaufwand herausgelöst werden muss, was den Rohstoffpreis auf ein Vielfaches des Preises für Stahl oder Aluminium treibt. Für die mechanische Bearbeitung werden extrem harte Werkzeuge benötigt, verschweißt werden kann es nur unter Ausschluss von Sauerstoff, dafür werden spezielle Werkzeuge und viel Erfahrung benötigt.
Preisverfall durch Fertigungsstätten in Nahost
Titanrahmenbauer wurden deshalb lange regelrecht als Halbgötter unter den Fahrradbauern verehrt, die Rahmen namhafter Hersteller wie Kunstwerke bestaunt. Doch konnte man in den letzten Jahren einen ordentlichen Preisverfall bei Titanrahmen beobachten. Das liegt einmal mehr an Fertigungsstätten in Fernost - zunächst Taiwan, heute vor allem China -, wo die Rahmen mit absurd niedrigen Lohnkosten produziert werden.
Beispiele dafür sind in diesem Test Van Nicholas und Vpace, deren Preisgestaltung mit Carbonrädern konkurrenzfähig wäre; ein einfach ausgestattetes Titan-Rennrad bekommt man beispielsweise bei Van Nicholas schon für weniger als 3000 Euro. Für das Geld bekäme man bei Wettbewerber Moots nicht einmal ein halbes Rahmenset: Das günstigste kostet hier 6500 Euro, immerhin sind Sattelstütze, Steuersatz und Flaschenhalter dabei. Die US-Marke gehört zu den Pionieren im Titanrahmenbau und schweißt die Rahmen bis heute in den USA. Die Spanne zeigt, welchen Einfluss die Lohnkosten auf die Preisgestaltung haben.
Neue Zukunft für Titanräder?
Am Rahmen des Moots findet sich indes ein kleines Detail, das auf längere Sicht die Verarbeitungsmöglichkeiten - und damit den ganzen Markt - regelrecht revolutionieren könnte: Die hinteren Ausfallenden des Vamoots RCS kommen aus dem 3-D-Drucker. Sie entstehen in einem Bett aus sehr feinem Titanpulver, das ein Laserstrahl punktuell so stark erhitzt, dass die Pulverkörnchen miteinander verschmelzen. In sehr dünnen Schichten wird Stück für Stück ein Teil in die Höhe gebaut, das in seiner Form keinen Einschränkungen mehr unterliegt, wie sie beim Gießen oder Schmieden berücksichtigt werden müssten, selbst fast geschlossene Hohlkörper sind möglich.
Titan eignet sich für den 3-D-Druck perfekt, weil das Material auch in Pulverform trotz riesiger Oberfläche nicht korrodiert - mit Alu oder Stahl lässt sich das Verfahren nicht umsetzen. Die Teile aus dem Drucker bieten inzwischen eine ähnliche Festigkeit wie klassisch gefertigte. Noch einen Schritt weiter geht die deutsche Marke Falkenjagd, am Aristos R kommen auch Steuerrohr, Gabelkrone und Tretlagergehäuse aus dem Drucker.
Noch ist das Verfahren relativ teuer, auch leichter als klassisch gebaute Rahmen ist der Falkenjagd nicht, im Gegenteil. Vor allem Teile mit größeren Ausmaßen sind ineffizient, weil es kaum Druckmaschinen dafür gibt. Doch es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sich auch Teile von der Größe eines ganzen Fahrradrahmens zu vertretbaren Kosten drucken lassen.
Fazit
Unverwüstlich, leicht, komfortabel - das ist die Dreifaltigkeit eines Titanrahmens. Die Hersteller haben sich mit hohem und sehr hohem Aufwand darum bemüht, dem schwersten aller Leichtmetalle mit ihren Modellen die angemessene Plattform zu geben. Herausgekommen sind Räder, die, mit einzelnen Abstrichen, im Alltag und auf gemütlichen wie sportlichen Touren eine überzeugende Figur machen. Wer sich darauf einlässt und den Wert erkennt, wird früher oder später zugreifen und mit der Freude an einem Rad, das ihn nicht im Stich lässt, belohnt.
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