Rudi Altig: Eine Karriere im Zeichen des Radsports

Weltmeister-Titel, Klassiker-Siege, Gelbes Trikot: Rudi Altig war einer der erfolgreichsten Radprofis der Geschichte. Auf dem Rennrad war Rudi Altig ein unerbittlicher Kämpfer, "Sacré Rudi" nannten ihn die Franzosen hochachtungsvoll. Am 11. Juni 2016 verstarb Rudi Altig im Alter von 79 Jahren an den Folgen eines Krebsleidens in einem Hospiz in Remagen, wie der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) mitteilte. Der gebürtige Mannheimer litt bereits seit längerer Zeit unter der Krankheit. "Wir trauern um Rudi Altig und drücken seiner Familie unser herzliches Beileid aus", sagte BDR-Präsident Rudolf Scharping.

Altig gewann 1966 auf dem Nürburgring als bislang letzter deutscher Radsportler den WM-Titel auf der Straße. Jahrelang hatte er darauf gewartet, dass ein Landsmann seinen Erfolg wiederholt. Doch egal, ob Jan Ullrich, Erik Zabel oder zuletzt John Degenkolb - sein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Der dreifache Familienvater, der seine zweite Frau Monique hinterlässt, gehörte zu den erfolgreichsten deutschen Fahrern überhaupt.

Frühe Jahre und Erfolge

Sich im Leben durchbeißen zu müssen, das lernt Rudi Altig von Kindes Beinen an. Mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Willi wächst der Mannheimer in einer in Krieg und Nachkriegszeit zerrütteten Familie auf. Vater Altig macht sich kurz nach Rudis Geburt im März 1937 aus dem Staub, die Mutter kommt früh bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der Start im relativ kostspieligen Radsport fällt den Altig-Brüdern nicht leicht. Auf einem geliehenen Rad und im Fußball-Trikot von Phönix Ludwigshafen fährt Rudi mit 15 sein erstes Rennen. Eigentlich träumt er ja von einer Karriere als Fußballspieler. Doch Willi überzeugt ihn, sein Glück im Fahrradsattel zu versuchen. Gleich bei seinem Renndebüt 1952 kommt Rudi Altig als Erster ins Ziel.

Obwohl Rudi Altig 1953 deutscher Straßen-Meister der Junioren wird, machen die Altig-Brüder zunächst vor allem beim Bahnfahren das Tempo. Der WM-Titel in der Einzelverfolgung 1959 verschafft Rudi die Eintrittskarte ins Profi-Lager. 1962 nimmt ihn die französische Topmannschaft Saint-Raphaël unter Vertrag. Im Team des Superstars Jacques Anquetil fährt er seine erste Tour de France und macht sich auf Anhieb einen Namen. Anquetil, der "Monsieur Chrono", gewinnt die Tour, und Altig, der Newcomer, das Grüne Trikot des besten Sprinters.

Als junger Werkstudent und Mitarbeiter der Nürnberger Nachrichten bestaunte ich ihn erstmals vor 56 Jahren, als er im Trikot des Verfolgungs-Weltmeisters im Innenraum der Nürnberger Rennbahn Am Reichelsdorfer Keller „Männchen“ machte: eine Yoga-Kopfstand-Übung mit angewinkelten Knieen, der sogenannte Scorpion, die ihm sein Mannheimer Entdecker, Trainer und väterlicher Freund Karl Ziegler (inzwischen 96) beigebracht hatte, um sich - und besonders die Bandscheibe - vor und nach dem Rennen zu entspannen.

Die "Ochsen"

Vorbestimmend für seine Laufbahn wurde die schmale Nachkriegs-Familienkasse. Als Mutter Altig ihren beiden Söhnen 1951 die Gretchenfrage stellen musste: entweder ein neues Rennrad für den zwei Jahre älteren Bruder Willi oder neue „Töppen“ für den 14-jährigen Rudi. Beides zu finanzieren, war unmöglich. Schweren Herzens verzichtete „der Kleine“ auf die neuen Fussballschuhe, bald darauf auch auf das Training bei Phönix Mannheim... erbte dafür aber von Willi dessen alte Rennmaschine. Auf ihr gewann Rudi im folgenden Winter seinen ersten Siegerkranz. In Böhl-Iggelheim bei einem Querfeldein-Rennen.

Als er seine Lehre als Elektro-Installateur beendet hatte, durfte er sich dem Radtraining intensiver widmen. Sehr bald sprach man von „den Altigs“. Willi und Rudi wurden ein Bahnfahrer-Duo, das überall „abräumte“ - im Sprint, in der Verfolgung, im Mannschaftsfahren. Willi, der besonnenere, war der Taktiker; Rudi, der Temperemantsbolzen, der Sprinter und Finisseur. Wegen ihrer Kraft und ihrem Siegeswillen nannte man sie „die Ochsen“.

Die Fortsetzung der Karriere ist bekannt. Eine beispielhafte Erfolgsgeschichte.

Höhepunkte der Karriere

Vier Mal startet Altig bei der Tour, gewinnt dabei acht Etappen und fährt 19 Tage im Gelben Trikot. Die Dominanz der französischen Idole kann er aber nicht gefährden, denn Altig hat ein Handicap: Mit fast 80 Kilogramm ist er zu schwer für die Berge. Am gefürchteten Tourmalet in den Pyrenäen habe er sich gewünscht, "dass die Straße aufreißt und ich einfach reinfahr, damit mich keiner mehr sieht", gesteht Altig. "Rein ins Loch und Ende.“

Auch bei der Straßen-WM läuft es zunächst nicht gut. 1962 wird er disqualifiziert, im Jahr darauf scheidet er entkräftet aus, 1965 muss er sich Tom Simpson geschlagen geben. Der Brite wird zwei Jahre später bei der Tour in der Hitze am Mont Ventoux tot vom Rad fallen, vollgepumpt mit Amphetaminen und Alkohol.

Der WM-Titel 1966

Auch Rudi Altig genießt unter Kollegen den Ruf einer "rollenden Apotheke", als er am 28. August 1966 zur Straßen-Weltmeisterschaft auf dem Nürburgring antritt. Sein schärfster Konkurrent ist wieder einmal Teamgefährte Jacques Anquetil, inzwischen fünffacher Gewinner der Tour de France. Es wird eng für Altig, das deutsche Kraftpaket: "Zwei Kilometer vor dem Ziel hab ich meine Beine angefasst und gedacht: Lasst mich jetzt bitte nicht im Stich.“ In einem lang gezogenen Endspurt setzt sich Altig gegen Anquetil durch und macht den größten Triumph seiner Karriere perfekt.

In der Bundesrepublik wird "Sacré Rudi" dafür zum "Sportler des Jahres" gewählt und löst einen Boom des Radsports aus.

Erfolge im Überblick

Allein 18 Etappensiege feierte er bei den drei großen Rundfahrten Tour de France (8), Giro d'Italia (4) und Vuelta (6). Bei der Frankreich-Rundfahrt trug er auch 18 Tage lang das Gelbe Trikot, was nach ihm nur noch Ullrich gelang. Seine Karriere hatte Altig auf der Bahn begonnen, wo er drei Weltmeistertitel in der Einerverfolgung gewann. Nach seinem Wechsel auf die Straße entwickelte er sich zu einem erfolgreichen Fahrer für Eintages-Klassiker. Auch den Gesamtsieg bei der Spanien-Rundfahrt (1962) war ihm geglückt. Für einen Erfolg bei der Tour reichte es jedoch nicht, dafür war sein Kampfgewicht von 85 Kilogramm zu schwer.

Rennen Siege
Tour de France 8 Etappen
Giro d'Italia 4 Etappen
Vuelta a España 6 Etappen, Gesamtsieg 1962
Weltmeisterschaften (Bahn) 3 (Einerverfolgung)
Weltmeisterschaften (Straße) 1 (1966)

Kontroversen und späte Jahre

Auch positive Doping-Befunde wie bei der Tour 1969 schaden Altigs Beliebtheit nicht. "Ich hatte Mediziner, die mir Mittel gegeben haben", verteidigt er sich später, betont aber: "Ich wusste, was ich konnte, und habe schöne Rennen gewonnen ohne irgendetwas.“

Nach insgesamt vier WM-Titeln, Erfolgen bei großen Rundfahrten und Ein-Tages-Rennen sowie 23 gewonnenen Sechs-Tage-Rennen beendet Rudi Altig 1971 seine Karriere. Als Amateur-Bundestrainer und technischer Direktor eines Profiteams hat er nur mäßigen Erfolg; umso gefragter ist er als Veranstalter großer Rennen und Tour-Kommentator der ARD.

Kontrovers war seine Haltung zum Thema Doping. Altig hatte zu seiner aktiven Zeit den Spitznamen "radelnde Apotheke", weil er mit dem ein oder anderen Mittelchen nachhalf. Er wurde 1969 bei der Tour des Dopings überführt und 1966 hatte er sich beim belgischen Klassiker Flèche Wallonne einer Kontrolle entzogen. Für Altig war das "Kleinkram", kein Vergleich zu heutigen Zeiten. "Ich weiß, was ich gemacht habe. Mit Doping hatte das nichts zu tun. Wir haben gut trainiert, viel geschlafen und gut gegessen, und wenn wir Kopfweh hatten, gab's vom Arzt eine Tablette. Das machten doch alle so. Doping ist, wenn man Blut panscht. Außerdem betrifft das den gesamten Sport und nicht immer nur die Radfahrer", schimpfte der Ex-Sprinter.

Bis ins hohe Alter war Altig dem Radsport eng verbunden geblieben, stets zeigte er sich gut durchtrainiert. Noch vor wenigen Jahren legte er 2000 bis 3000 Kilometer pro Saison zurück, spielte Golf und auch den Kopfstand als Yoga-Übung zur Wirbelsäulen-Entlastung beherrschte er ohne Probleme. Gegen seine Krankheit hatte er stets angekämpft.

Schon 1994 meisterte er eine Magenkrebs-Erkrankung. Danach kam er wie selbstverständlich zurück an der Rennstrecke. Jahrelang hatte der gelernte Kfz-Elektriker auch die Rennleitung bei diversen deutschen Radrennen übernommen.

Dass Altigs Popularität bis in unsere schnelllebige, hektische Zeit so nachhaltig geblieben ist, verdankte er seinem Erscheinungsbild, seinem Auftreten; der Art, wie er die Rennen gefahren und mit den Sportkollegen umgegangen ist; seiner Hilfsbereitschaft und Natürlichkeit; seinem Humor und Witz, seiner Komik; und der Nähe zum Zuschauer, zu seinen Fans. Diese Funken sind übergesprungen, wo immer er auftauchte - später als Rennleiter, auf Fahrradmessen, bei Jedermann-Rennen, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Wiedersehensfeiern; auch im Kreise der Hobby-Golfer oder viele Jahre als Fernsehexperte vor und hinter dem Bildschirm bei Eurosport und ARD. Rudi Altig war ein Star ohne Allüren, einer zum Anfassen. Weil er nie die Bodenhaftung verloren hatte und der Mannheimer Bub geblieben war, als der er 1937 geboren wurde.

1994 erkrankt die Rad-Ikone an Magenkrebs. Altig besiegt den Tumor, doch es ist nur ein Etappenerfolg.

An seinen 80. Geburtstag, den er am 18. März nächsten Jahres gefeiert hätte, wollte er noch einmal in großer Runde im Kurhaus von Bad Neuenahr mit einem "Roten" anstoßen. Dazu wird es nicht mehr kommen.

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0